Bundesliga:Die Bayern sind so frei

Lesezeit: 3 min

Bayern Muenchen v FC Ingolstadt 04 - Bundesliga

Auch Abwehrspieler Rafinha trifft für den FC Bayern.

(Foto: Bongarts/Getty Images)

Ist es ein Vor- oder ein Nachteil, dass Carlo Ancelotti den FC Bayern lässiger führt als sein Vorgänger? Die Mannschaft schießt schöne Tore, macht aber auch Fehler, die Pep Guardiola niemals toleriert hätte.

Von Christof Kneer

Der Schiedsrichter hat später keinen Sonderbericht angefertigt, der DFB-Kontrollausschuss wird keine Ermittlungen aufnehmen. Ungesühnt wird also dieser unerhörte Vorfall bleiben, der sich in der Münchner Arena zutrug, gut sichtbar für Zuschauer und Schiedsrichter. Ja, die kleinen Ingolstädter hatten sehr respektabel gespielt beim großen FC Bayern, aber musste man ihnen deswegen alles durchgehen lassen? Bei allem Respekt, aber das konnte nicht regelkonform sein: Geht dieser Ingolstädter Trainer in der 63. Minute einfach her und wechselt einen Stürmer ein, und er nimmt keinen Stürmer raus, sondern einen Mittelfeldspieler.

Lezcano, Leckie, Hartmann und jetzt also auch noch Hinterseer: Vier sehr offensive Offensivspieler hatte Trainer Kauczinski jetzt auf dem Platz, und er schämte sich kein bisschen. Warum auch? Er wollte halt dringend punkten, auswärts, beim FC Bayern.

Bayern drei, Ingolstadt eins: Hinter einem recht normalen Ergebnis steckte ein ausgesprochen unnormales Spiel. "Maximal geärgert" habe man die Bayern, sagte Kauczinski später, aber die Frage nach Henne und Ei konnte er genauso wenig beantworten wie der erfahrene Kollege Carlo Ancelotti. Was war zuerst da? Es war die Frage, die für den weiteren Saisonverlauf durchaus noch relevant werden könnte: Hatte der FC Bayern solche Schwierigkeiten, sein FC-Bayern-Spiel aufzuziehen, weil die Ingolstädter den Münchnern früh und frech auf den Füßen standen? Oder fiel es den Ingolstädtern nur deshalb so leicht, die Bayern mit kessem Pressing durcheinander zu bringen, weil die Bayern ohnehin so unklar, unpräzise und ungeordnet spielten? Auf geradezu sensationelle Weise fehlerhaft präsentierte sich der deutsche Meister, und wenn man es nicht besser wüsste, könnte man auf die Idee kommen, Carlo Ancelotti habe die Philosophie seines Vorgängers ins Gegenteil verkehrt.

Ribéry genießt das Spiel unter Ancelotti

Pep Guardiola wollte Ballbesitz und Kontrolle, er war besessen davon und konnte nie genug bekommen. Und dieses Spiel gegen den FC Ingolstadt sah jetzt also so aus, als sei sein Nachfolger Ancelotti ein glühender Verehrer des Ballverlusts.

Das ist natürlich Schmarrn. Nach allem, was man weiß, will auch Ancelotti den Ball haben, und er will auch, dass man schöne Sachen mit ihm macht. Ancelotti ist ein Vollprofi, aber er ist keiner, der diese schönen Sachen wie Guardiola bis ins Kleinste definiert und dirigiert, er will halt, dass sie passieren. Und sie passieren ja tatsächlich, selbst an einem schwächeren Bayern-Tag. Robert Lewandowskis Heber zum 1:1 (12.) war zum Beispiel eine sehr, sehr schöne Sache, schön angebahnt von Franck Ribéry; auch die Schüsse von Xabi Alonso (50.) und Rafinha (84.) zum 2:1 und 3:1 konnte man gut anschauen, und es war gewiss mehr als Zufall, dass es beide Male wieder Ribéry war, der den Schützen die Bälle rüberlegte.

Platz-Regen

Er sei jetzt schon so lange beim FC Bayern, sagte Franck Ribéry, aber so einen Rasen habe er "noch nie gesehen". Ein "komischer Platz" sei das gewesen, er hoffe, "dass der langsam und langsam besser wird". Ribéry hatte auf dem komischen Rasen ein gutes Spiel gemacht, er hatte es nicht nötig, Ausreden zu suchen - dass der Ball dort unten holperte und stolperte, war auch von der Tribüne nicht zu übersehen. "Ich glaube, dass die Bayern mit dem Platz mehr zu kämpfen hatten als wir", sagte Ingolstadts Kapitän Marvin Matip, "wenn wir der FC Barcelona wären, wäre es schlimmer für uns gewesen." Die englischen Wochen haben inzwischen deutliche Spuren hinterlassen: Am Dienstagabend siegten die Bayern auf diesem Rasen gegen FK Rostow, am Freitagabend unterlagen die Münchner Löwen dort Union Berlin, es folgte ein ausdauernder Regen und am Samstag das 3:1 gegen Ingolstadt. Und am Mittwoch geht's weiter: Die Bayern empfangen dann Hertha BSC. SZ

Ausgerechnet der gute, alte Ribéry ist der Spieler, der im Moment am meisten für die neue Zeit beim FC Bayern steht. Ribéry genießt es, nicht definiert und dirigiert zu werden, er liebt diesen Freestyle-Fußball, der den schönen Sachen einen gewissen professionellen Rahmen gibt und ihnen ansonsten ihren Lauf lässt.

Die Frage, die sich gegen Ingolstadt aufdrängte, war aber diese: Wird es auch der gesamte FC Bayern genießen, dass künftig keinem mehr am Spielfeldrand vor lauter Dirigieren die Hose reißt?

Zur SZ-Startseite

Lesen Sie mehr zum Thema

Süddeutsche Zeitung
  • Twitter-Seite der SZ
  • Facebook-Seite der SZ
  • Instagram-Seite der SZ
  • Mediadaten
  • Newsletter
  • Eilmeldungen
  • RSS
  • Apps
  • Jobs
  • Datenschutz
  • Abo kündigen
  • Kontakt und Impressum
  • AGB