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Geld im Fußball:Ein Gehaltsverzicht sollte selbstverständlich sein

18.09.2020 - Fussball - Saison 2020 2021 - 2. Fussball - Bundesliga - 01. Spieltag: SSV Jahn Regensburg - 1. FC Nürnber

Wer in der Bundesliga geschickt gegen einen Ball tritt, gehört zu den Großverdienern.

(Foto: imago images/Zink)

Niemand verbietet Fußballern, auf Geld zu verzichten, damit Klubs sportlich überleben und gewöhnliche Angestellte bezahlt werden können. Vom Edelmut zu Krisenbeginn ist aber wenig übrig.

Kommentar von Philipp Selldorf

Das Thema Gehaltsverzicht im Profifußball spielte zuletzt im öffentlichen Diskurs eine untergeordnete Rolle. Als im Frühjahr die Stadien stillgelegt wurden und die Klubs plötzlich keine Einnahmen mehr hatten, weil zudem die Fernsehgelder fehlten, da gab es reihum Meldungen vom angeblich solidarischen Verzicht der Profis. Nun hört man davon nicht mehr viel. Stattdessen hört man von Klubs, die Sonderkredite aufnehmen, um unverändert krasse Einnahmeausfälle abzusichern; die um Bürgschaften der Landesregierung bitten, damit sie noch Geld von der Bank erhalten; die das Personal auf der Geschäftsstelle reduzieren, um ein paar Euro weniger auszugeben; die überall sparen und sparen - außer dort, wo das meiste Geld draufgeht: beim Gehalt der Spieler.

Angesprochen auf eventuelle Gehaltskürzungen der Profis, verhalten sich die Verantwortlichen der betroffenen Klubs diskret wie schweizerische Bankberater. Hier und da heißt es, man werde "prüfen", was zu tun wäre, und es wird - wie in Köln oder Schalke - dankbar begrüßt, wenn sich der Mannschaftsrat zu einem Gespräch bereitfindet. Über diese devote Herangehensweise kann man sich wundern, sie entspricht aber offenbar der speziellen Machtbeziehung im Fußball, in dem der Arbeitnehmer den Ton angibt.

Jetzt ist die Gehälterfrage inmitten der Corona-Krise durch die Auseinandersetzung bei Mainz 05 wieder in den Blickpunkt geraten, auf schrille Weise: Dass eine ganze Mannschaft drei Tage vor dem nächsten Spiel ein Training bestreikt, das kommt ja nicht alle Tage vor. Die Lage in Mainz ist undeutlich, doch dass die Mannschaft, wie der Klub darzustellen versucht, nur deshalb in den Ausstand trat, um Solidarität mit dem ausgemusterten Adam Szalai zu üben, das klingt zu schön, um wahr zu sein. Die sportliche Auslese gehört nun mal zum akzeptierten Alltag des Geschäfts. Realistischer erscheint leider Variante zwei: Dass der Mannschaftsrat Szalai in Ungnade gefallen ist, weil er darauf bestanden hatte, jenes Geld auszubezahlen, das die Spieler im Frühjahr dem Klub gestundet hatten.

Ein Verzicht, um die gewöhnlichen Angestellten zu bezahlen

Ähnliche Konflikte drohen auch andernorts. Einige Vereine haben mit dem Stundungsmodell gearbeitet, um Liquidität zu sichern und zugleich den Spielern bloß nicht das Gefühl zu geben, es würde ihnen ernsthaft etwas weggenommen. Der Plan war, den vorenthaltenen Monatslohn - meist zehn bis 15 Prozent - zu erstatten, wenn die alten Umsätze zurückkämen. Was aber absehbar nicht geschehen wird, weil dieses verdammte Virus nicht verschwinden will, Zuschauereinnahmen ausbleiben, Fernseh- und Werbegelder geringer ausfallen.

Die Klubs müssen ihre Spieler gemäß bestehender Verträge bezahlen, so ist die Rechtslage. Aber die Rechtslage verbietet keinem der vielen Großverdiener, noch mal auf Geld zu verzichten, damit der Klub seine gewöhnlichen Angestellten bezahlen und das sportliche Überleben sichern kann. Wenn ein 23-Jähriger mit einem Monatsverdienst von 100 000 Euro netto nur 70 000 netto bekäme - ob er das überhaupt merken würde? Verzicht in dieser Gehaltsklasse sollte kein Akt der Moral oder des Edelmuts sein, sondern der Vernunft und Selbstverständlichkeit.

© SZ vom 25.09.2020/tbr
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