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Schalke 04:"Dafür ist die Mannschaft auch zu gut"

Schalkes Sportvorstand Jochen Schneider erhöht den Druck auf Trainer David Wagner. Im Umfeld wird schon über prominente Nachfolger diskutiert.

Von Philipp Selldorf, Gelsenkirchen

Nach allen bekannten Fakten ist die Saison 2020/21 erst einen Spieltag alt, doch beim FC Schalke 04 befinden sich die Debatten um Sein oder Nicht-Sein bereits im fortgeschrittenen Stadium. In den zuständigen Sportmedien und angeschlossenen Fanforen wird bereits weniger über den möglichen Sturz des amtierenden Cheftrainers David Wagner spekuliert, als über dessen potenziellen Nachfolger. So entsteht der Eindruck, als sei der schrecklich missratene Start ins neue Spieljahr beim 0:8 in München nur eine weitere Episode der schrecklich missratenen Vorsaison gewesen. Zumindest für den Hauptdarsteller Wagner könnte die mit Überlänge versehene Saga am Samstagabend nach dem Spiel gegen die Schicksalsgenossen von Weder Bremen vorbei sein.

Das lässt sich unschwer aus den Worten des Schalker Sportvorstands Jochen Schneider folgern, der am Mittwoch zwar verkündet hat, dass er entgegen der herrschenden Meinung keineswegs dem umstrittenen Cheftrainer ein Ultimatum gestellt habe ("so was mache ich nicht") - um gleich darauf mit neuen Worten die herrschende Meinung zu bestätigen.

Auftreten? Ergebnis? Worauf genau es gegen Werder ankommt, ist unklar - vermutlich auf beide

Schneider, 50, hatte am Samstag nach dem 0:8 erklärt, er erwarte am nächsten Spieltag "eine deutliche Leistungssteigerung, die sich auch im Ergebnis widerspiegelt". Das befehlsmäßige Einfordern von wenigstens akzeptabler Haltungsnote und Resultat sowie deren beidseitige Verknüpfung wurde allenthalben als eindeutige Ansage interpretiert, als Ultimatum, wenngleich sich in der Sache akademisch streiten ließe: Würde ein gutes Spiel der Schalker auch dann als hinreichender Fortschritt betrachtet werden, wenn es ein Remis oder eine knappe Niederlage gäbe? Oder würde ein 1:0 auch dann genügen, wenn die Vorstellung der Königsblauen zum Wegschauen animieren würde?

Am Mittwoch gab es nun eine Video-Pressekonferenz mit dem verantwortlichen Vorstandsvertreter Schneider, bei der er die Gelegenheit ergreifen konnte, seine Äußerung zu erläutern. Nein, widersprach er, es gebe kein Ultimatum an den Trainer. "Aber", setzte er fort, "wir müssen anders auftreten. Wir können nicht wieder so spielen wie am Freitag in München oder in den letzten Spielen der Rückrunde. Das geht nicht. Das ist nicht akzeptabel. Dafür ist die Mannschaft auch zu gut." Gemütlicher ist die Lage von Wagner mit diesen Worten gewiss nicht geworden.

Besonders die Formulierung, dass die Mannschaft "zu gut" sei für eine Fortsetzung der abgründigen Vorstellungen ist bezeichnend. In der sportlichen Führung des Klubs ist in diesem Sommer der Eindruck entstanden, dass Schalke - obwohl landauf, landab zum Abstiegskandidaten erklärt - keineswegs ein miserables Team unterhält. Kurioserweise sind es besonders die tendenziell unfreiwilligen Rückkehrer, die nach Auffassung der zuständigen Fachleute das Niveau heben: Sowohl die Nationalspieler Mark Uth und Sebastian Rudy - die während ihrer Leihengagements in Köln und Hoffenheim schon heimisch geworden waren, aus finanziellen Gründen aber wieder in Gelsenkirchen landeten -, als auch der heimgekehrte Torwart Ralf Fährmann wie der rätselhafte Franzose Nabil Bentaleb wurden von Wagner prompt am Freitag in die Startelf aufgenommen.

Mark van Bommel und Dimitrios Grammozis werden schon als Kandidaten gehandelt

Das Niveau haben sie zweifellos nicht gehoben - abgefallen sind sie in einer durchweg überforderten Mannschaft aber auch nicht. Schneider benutzte deutliche Begriffe, um das Debakel zu unterstreichen: "Nicht wettbewerbsfähig" sei das Team in dieser Verfassung, "mit der Leistung von München wird es schwierig sein, überhaupt in der Bundesliga zu punkten". Zuhörer fühlten sich erinnert an die sich wiederholenden Statements der Vorsaison.

Schalke-Trainer seit 2008

Fred Rutten 7/2008 - 3/2009

Mike Büskens 3/2009 - 6/2009

Felix Magath 7/2009 - 3/2011

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Huub Stevens 9/2011 - 12/2012

Jens Keller 12/2012 - 10/2014

Robert Di Matteo 10/2014 - 6/2015

Andre Breitenreiter 7/2015 - 6/2016

Markus Weinzierl 7/2016 - 6/2017

Domenico Tedesco 7/2017 - 3/2019

Huub Stevens 3/2019 - 6/2019

David Wagner seit 7/2019

Der Trainerdiskussion ist Schneider beim Pressetermin schwungvoll aus dem Weg gegangen, dafür ist er schließlich lang genug Bundesligamanager. Weder wolle er den Trainer durch Bemerkungen zur Taktik oder Aufstellung "öffentlich bloßstellen" noch "maßregeln", sagte er. Es lohnte sich daher auch nicht, ihn mit Kandidaten-Namen wie Mark van Bommel oder Dimitrios Grammozis zu konfrontieren, über deren Qualitäten die Fans bereits streiten. Der eine war immerhin mal ein sehr wichtiger Spieler des FC Bayern, von Karl-Heinz Rummenigge als "Männerfußballer" geschätzt, und zuletzt anderthalb Jahre Trainer der PSV Eindhoven. Der andere hat in der vergangenen Saison sehr erfolgreich den Zweitligisten Darmstadt 98 gecoacht, bevor er sich auf eigenen Wunsch wieder verabschiedete.

Auch über Ralf Rangnick ist nicht gesprochen worden, der schon zweimal auf Schalke gearbeitet hat und derzeit ohne Engagement ist. Viele meinen, er sei nun eine Nummer zu groß für den Verein, aber er hat schon zweimal in Gelsenkirchen gearbeitet, kennt und schätzt Schneider aus gemeinsamen Zeiten in Leipzig und ist immer für eigensinnige Entscheidungen gut. Vielleicht zieht bei ihm ja der Faktor Emotion? Schneider war wohl froh, dass er sich dazu nicht auch noch äußern musste.

Zumindest bis zum Samstag geht es in Gelsenkirchen darum, ob man vielleicht doch mit David Wagner die Hypothek der schrecklich missratenen Rückrunde abtragen könnte. "Das ist die Kernfrage", sagt Schneider, "aber das geht nur mit einem Erfolgserlebnis."

© SZ vom 24.09.2020/tbr
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