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Bundesliga-Abstiegskampf:Die goldenen Zeiten sind vorbei

Fußball funktioniert jetzt anders. Längst würde der Verein einen Investor akzeptieren, die Signale kommen in immer kürzeren Abständen. Nur der Investor kommt nicht. Die Namensrechte am Weserstadion stünden zum Verkauf, wenn der Preis stimmt. Bisher stimmte er nicht. Und nach China musste die Mannschaft auch schon reisen, um auf dem asiatischen Markt vorzuspielen, wie Wolfsburg oder die Bayern. Werder ist in vielerlei Hinsicht ein normaler Bundesliga-Verein geworden. Business halt in einer Stadt, in der es das große Business aber nicht gibt.

Die Römer standen noch nie näher vor den Toren des gallischen Dorfs.

Die hanseatische DNA des Klubs, der seine Mitgliederversammlungen noch immer wie seit Jahr und Tag in der vereinseigenen Turnhalle abhält, in der sonst Tischtennis und Handball gespielt wird, verbietet zudem das ganz große Risiko. Der hanseatische Kaufmann hasst Schulden. Dort, wo etwa beim Hamburger SV eine rote Hundert steht - für 100 Millionen Euro Verbindlichkeiten -, steht bei der SV Werder Bremen GmbH & Co KG noch immer eine Null. Allerdings ist Werder über die Stadion GmbH zu 50 Prozent am Weserstadion beteiligt, die andere Hälfte gehört der Stadt. Auf der umgebauten Arena - einmalig gelegen im großen Bogen, den die Weser macht - lastet noch eine Restschuld von mehr als 60 Millionen Euro. Das bedeutet eben doch Zins und Tilgung.

Die goldenen Zeiten haben ihren Preis gekostet. Guten Fußball, sehr guten, wie ihn die Bremer lange spielten, gibt es auch hier nur gegen gutes Geld. Insofern hatte Uli Hoeneß schon recht. Und eine erfolgreiche Mannschaft ist ein sich selbst aufzehrendes System. Je mehr sie einspielt, umso mehr kostet sie. Die Kaderkosten aber bleiben hoch, auch wenn die Erfolge plötzlich ausbleiben. Auch die Infrastruktur, die für einen regelmäßig international spielenden Klub teurer ist als für einen Verein der unteren Tabellenhälfte, muss bezahlt werden, wenn der Klub stets mit seiner Rückkehr in den großen Fußball rechnet und nicht rechtzeitig schrumpft.

Doch die Fans bleiben Werder treu

Der sportliche Erfolg war die Haupteinnahmequelle der Bremer. Das unterschied ihn immer von den echten Großen der Branche. Das kleine Glück, ein großer Verein zu sein, war eben nur geliehen.

Nach der Saison 2010/11, der letzten in der Champions League, brach zudem das Bremer Trüffelschwein-System zusammen. Das Transfergeschick, das fantastische Spieler wie Johan Micoud, Andreas Herzog, Miroslav Klose, Mesut Özil, Ailton, sogar noch Kevin De Bruyne an die Weser spülte, verließ den Manager Allofs, bevor der Werder verließ. Die Realität änderte sich schneller als die Ansprüche. Statt früh zu akzeptieren, sich in einen Ausbildungsverein verwandeln zu müssen, suchte der Klub weiter nach Trüffeln. Er fand sie nicht. Wo Werder einst Ablösesummen kassierte, wurden nun Abfindungen fällig, um teure Fehleinkäufe wenigstens von der Gehaltsliste zu bekommen. Gleichzeitig stiegen die Berater-Honorare, in der falschen Hoffnung, sich Transfergeschick zukaufen zu können. Dabei übersahen die Bremer ihre Talente vor der eigenen Haustür wie etwa Julian Brandt, heute Leverkusen, oder im eigenen Verein wie Max Kruse (heute Wolfsburg) oder Dennis Diekmeier (heute HSV), der damals als hoffnungsvoller rechter Verteidiger galt.

Jahrelang hatte sich Werder aus der stillen Reserve, dem Wert der exzellenten Mannschaft, bedienen können. Die Verkäufe von Klose, Özil, Mertesacker oder Diego gehörten stets zu den ertragreichsten der jeweiligen Bundesliga-Saison. Nun fehlten diese Juwelen, das Eigenkapital, das noch Ende der Nuller-Jahre bei mehr als 40 Millionen Euro lag, schmolz ab auf zuletzt gerade noch gut zwei Millionen. Auch die Stadionfinanzierung war in den ertragreichen Europacup-Zeiten darauf ausgelegt worden, mindestens vier, fünf, Heimspiele im internationalen Geschäft zu bekommen. Die blieben dauerhaft aus. Werder zahlt, obwohl der Zuschauerschnitt in der Liga bei über 40 000 liegt, pro Saison einen deutlich siebenstelligen Betrag drauf. Geld, das für Transfers und Gehälter fehlt.

Was den Bremern aber geblieben ist, das ist die Treue des klugen Publikums. Zu keinem Zeitpunkt in den Jahren des kontinuierlichen Abstiegs hat es dem Verein die Gefolgschaft verweigert, nur ein einziges Mal kam es zu einer Bus-Blockade durch enttäuschte Fans - und um deren Sinn diskutierten sie danach wochenlang in den entsprechenden Foren. In jeder Schlussphase der meist heiklen, nie sorgenfreien Spielzeiten dachten sich die Zuschauer besondere Aktionen aus und halfen der Mannschaft bedingungslos über die letzten Hürden des mehr als einmal drohenden Abstiegs. Zuletzt schufen sie gegen den VfB Stuttgart an einem Montagabend eine Atmosphäre im Stadion, die es nicht einmal gab, als Maradona mit dem SSC Neapel hier vorspielte, José Mourinho mit dem FC Chelsea zu Gast war, oder Real.

Der Lohn war ein 6:2, wieder lebt die Hoffnung weiter.

Die Bremer haben offenbar schneller als ihr Verein verstanden, dass eben auch der Erfolg nur so ein kleines Glück war. Jahrelang hatte Werder das Selbstwertgefühl der Stiefmütterchenstadt gehoben. Jetzt sieht es so aus, als würde das Publikum dem sich verwandelnden Verein zeigen müssen, was es heißt, Werder Bremen zu sein. Wenn es an diesem Samstag noch einmal gelänge, wäre der Klassenerhalt eines deshalb nicht: ein Wunder.

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