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Brasilien bei der Fußball-WM:Horrornacht endet in totaler Leere

  • Brasilien scheidet gegen Belgien bei der WM aus und kann sich eigentlich wenig vorwerfen.
  • Die Spieler zeigen phasenweise sehr überzeugenden, dynamischen Fußball - der Coach findet bewegende Worte nach dem Scheitern.
  • Nur Neymar muss sich wegen seines Verhaltens viel Kritik anhören.

Es war mittlerweile 1:24 Uhr Ortszeit, die Polarsonne deutete sich schon wieder am Horizont an, als die brasilianische Mannschaft aus der Kabine schlich. Marcelo bildete die Spitze, dann kam irgendwann Neymar, der den Arm um Coutinho gelegt hatte. Er trug grüne Kompressionsstrümpfe, Fußballer ziehen sie nach dem Spiel an, weil es die Durchblutung der Wadenmuskulatur und damit die Regeneration fördern soll. Und während Neymar für ein Spiel regenerierte, das es nicht mehr geben wird, ging die Mannschaft an den Journalisten vorbei. In ihren Blicken war Leere, das einzig helle war die gelbe Kappe von Gabriel Jesus.

Sie wollten nicht reden, Marcelo nicht, Jesus nicht, aber die Reporter fragten und flehten, irgendwann blieben sie dann doch stehen und erklärten, wie es ihnen ging. Marcelo sprach von einer "Horrornacht", Torschütze Renato Augusto meinte: "Es ist wie der Tod eines Nahestehenden, weil der Hexa [der sechste WM-Titel, Anm.] der Traum jedes Einzelnen von uns war." Nur einer ging weiter. Neymar blickte nach unten, die rechte Hand in der Hosentasche mit der linken machte er abwehrende Bewegungen bis er das letzte Mikrofon passiert hatte. Dann verschwand er als erster Spieler im Bus.

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Brasilien bekommt im entscheidenen Moment Elfmeter nicht

Brasilien ist eigentlich auf die bestmögliche Weise aus einer WM ausgeschieden. Im bisher aufregendsten Spiel dieses Turniers waren sie die unterlegene Mannschaft im Duell zweier Teams, die sich auf Top-Niveau bekämpften. Was sollte man ihnen vorwerfen? Dass der Ball von Thiago Silva an den Pfosten ging? Dass sie ein unglückliches Eigentor gefangen haben? Dass Fernandinho Romelu Lukaku beim Konter nicht stoppte? Vielleicht. Aber vor allem in der zweiten Halbzeit spielte das Team brillant, verlor angesichts der schwierigen psychologischen Situation nicht den Kopf, griff intelligent und mit Wucht an, bekam einen berechtigten Elfmeter nicht. Und schoss dann nur ein, statt zwei Tore, weil es immer wieder an Belgiens Torhüter Thibaut Courtois abprallte.

"Wenn man Fußball mag, muss man sich dieses Spiel anschauen. Was für ein großartiges Spiel, wie beeindruckend das war, was für eine technische Qualität, wie viele Möglichkeiten ... es schmerzt mich, das zu sagen, aber wer wunderschönen Fußball zu schätzen weiß, musste dieses Spiel lieben. Mit allem Schmerz, den wir jetzt empfinden." Derjenige, der diese Worte sprach, war der Trainer, der gerade verloren hatte. Tite hätte klagen können, er hätte sich bitter über den Schiedsrichter beschweren können, der ihm trotz Zeitlupe (Vincent Kompany hatte Jesus gefoult) einen Elfmeter verwehrte. Aber das wollte er nicht. Er hätte sich eine Überprüfung gewünscht, sagte Tite, aber "die Leistung des Schiedsrichters war okay. Wenn ich mich darüber beschwere, wirkt das weinerlich."

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Er wollte nicht klagend abtreten, er wollte als Geschlagener in einem großen Duell gehen und zeigte der Welt, wie man im Fußball großartig verlieren kann. Als ihn ein Reporter fragte, ob Belgien gegen Ende Glück gehabt habe, sagte Tite: "Glück ist eine etablierte Art, die Leistung anderer herunter zu reden. Hatte Courtois Glück bei seinen Paraden? Ich glaube nicht." Es waren große Worte. Was Tite nicht schaffte, war den Abräumer Casemiro zu ersetzen. Der fehlte gelbgesperrt und ohne den Wellenbrecher, fluteten die belgischen Angreifer die brasilianische Abwehr in der ersten Halbzeit zu oft. In der zweiten Halbzeit stellte Tite dann Romelu Lukaku und Eden Hazard zu - aber da war es zu spät.