Bundesliga Gladbach erfindet seinen Fußball neu

Warmlaufen für die Borussia: Alassane Pléa (rechts), teuerster Zugang der Gladbacher Klubgeschichte, mit Athletiktrainer Quirin Löppert.

(Foto: Jan Huebner/imago)
  • Nach einer mauen Saison mit bloß 47 Treffern hat Borussia Mönchengladbach in 23-Millionen-Euro-Mann Alassane Pléa aus Nizza den teuersten Einkauf der Vereinsgeschichte getätigt.
  • Die bisherige Spielweise habe "sich abgenutzt", sagt Trainer Dieter Hecking - weshalb er versucht, rund um den Zugang ein neues System aufzuziehen.
  • Hecking kämpft auch um seine eigene Zukunft in Gladbach.
Von Ulrich Hartmann, Mönchengladbach

Während Fußball-Deutschland rätselt, ob der Bundestrainer Joachim Löw mit 58 Jahren das Spiel der Nationalmannschaft noch einmal nachhaltig zu verändern vermag, versucht bei Borussia Mönchengladbach der Trainer Dieter Hecking mit 53 Jahren, den Fohlenfußball neu zu erfinden. Nach einer mauen Saison mit bloß 47 Treffern und einem neunten Tabellenplatz haben die Gladbacher in dem französischen 23-Millionen-Euro-Mann Alassane Pléa aus Nizza den teuersten Einkauf der Vereinsgeschichte getätigt. Aus dem Stegreif versucht Hecking jetzt, rund um den 25-jährigen Mittelstürmer ein neues System aufzuziehen.

"Unser bisheriges Spiel mit den entgegenkommenden Stürmern Lars Stindl und Raffael und dem anschließenden Tiefgang über die Flügel Patrick Herrmann und Thorgan Hazard hat sich abgenutzt", sagt Hecking ernüchtert, "deshalb wollen wir eine neue Strategie reinbringen - und ob das nun ein 4-3-3 wird, eine Dreierkette mit zwei Stürmern oder ein 3-4-3, da gibt es viele Optionen."

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"In der Vorsaison merkten wir, dass wir ausrechenbar sind"

In Mönchengladbach stellen sie gerade alles auf den Kopf. Der Traditionsklub hatte schon lange keinen Stürmer mehr, der in der Bundesliga-Torschützenliste prominent platziert war. Der bislang letzte Offensivmann mit nennenswerter Trefferzahl war 2012 der heutige Dortmunder Marco Reus mit 18 Toren. Der bislang letzte Gladbacher Bundesliga-Torschützenkönig war 1995 der heutige Leverkusener Trainer Heiko Herrlich (20 Tore). Und der bislang letzte Gladbacher Spieler mit mehr als 20 Saisontreffern war 1987 Uwe Rahn (24 Tore).

Allerdings geht es Manager Max Eberl und Trainer Hecking nicht nur um mehr Akzeptanz in der Bundesliga-Torschützenliste, sondern kurzum um mehr Effektivität in der kompletten Offensive. Sie wünschen sich nicht explizit einen herausragenden zentralen Stürmer, sondern einen Spieler, der endlich mal wieder dort vorne auch Standardsituationen finalisieren kann. "Wir hatten mit Spielern wie Igor de Camargo, Juan Arango, Marco Reus, Max Kruse und Raffael immer wieder treffsichere Offensivkräfte" sagt Eberl, "das war viele Jahre lang eine sehr erfolgreiche Art Fußball zu spielen. Aber in der vergangenen Saison haben wir gemerkt, dass wir ausrechenbar geworden sind, dass die Mannschaften uns zustellen, und dass wir dann keinen größeren Spieler haben, den wir auch mal lang anflanken können." Genau deshalb versuche man mit Pléa nun eine neue Facette ins Spiel zu bringen.

Der Klub hat Heckings 2019 auslaufenden Vertrag noch nicht verlängert

Der 25-Jährige trainierte in Gladbach erstmals an jenem Tag, als Frankreich in Moskau Weltmeister wurde. In der Nationalmannschaft spielte Pléa bislang keine Rolle. "Gerade in der Offensive ist die Konkurrenz bei uns sehr groß", sagt er beinahe entschuldigend und träumt davon, mit vielen Toren in Deutschland auch in der Heimat die nötige Anerkennung zu gewinnen. Zwei Jahre hat Pléa in Nizza unter dem Trainer Lucien Favre gespielt, jenem Coach, der zuvor in Mönchengladbach war und nun in Dortmund arbeitet. "Ich habe Lucien Favre wegen Alassane Pléa nie angerufen", sagt Eberl grinsend, "weil ich Angst hatte, dass er ihn dann mit nach Dortmund nimmt."

Auch der BVB ist nämlich noch auf der Suche nach einem zentralen Stürmer als Nachfolger von Pierre-Emerick Aubameyang (heute FC Arsenal) und Michy Batshuayi (zurück zum FC Chelsea). Dass Pléa schon ab dem Frühjahr das Ziel Gladbach hatte, wusste Favre aber genau, denn sowohl seinen Trainer in Nizza als auch seinen dortigen Mitspieler Dante befragte Pléa ausgiebig nach ihren Erinnerungen an den deutschen Traditionsklub. "Lucien Favre hat mir gesagt, Gladbach sei ein Superklub", berichtet Pléa, eine Expertise, die seinen Wechselwunsch forciert hat.

Mit dem neuen Stürmer und dem System-Reset versucht Trainer Hecking aber nicht nur, der Borussia wieder einen ansehnlicheren und erfolgreicheren Fußball zu verpassen, er kämpft vielmehr auch um seine eigene Zukunft in Gladbach. Denn nach der mittelprächtigen Saison hat der Klub dem Coach doch nicht, wie ursprünglich geplant, den 2019 auslaufenden Vertrag vorzeitig verlängert. Hecking geht folglich ohne Sicherheit in sein letztes Vertragsjahr und weiß, dass die Ergebnisse darüber entscheiden werden, ob man im Winter vielleicht mit ihm verlängert, ob man sich nach der Saison von ihm trennt oder ob schlimmstenfalls bereits mitten in der Saison Schluss ist. Er sagt, er könne mit dieser Ungewissheit gut umgehen. "Wenn Max Eberl meint, der richtige Zeitpunkt zur Verlängerung sei gekommen, aber auch, wenn er mir sagt, wir machen nicht weiter, dann ist das eben so, das ist das tägliche Brot eines Trainers - aber ich glaube schon, dass wir erfolgreich sein werden."

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Doch das Risiko ist groß. Den Stürmer Pléa konnten sich die Gladbacher nur leisten, weil sie den dänischen Abwehrspieler Jannik Vestergaard für 20 Millionen Euro an den Premier-League-Klub FC Southampton verkauft haben. Damit hat man einen hochgewachsenen und hochsoliden Innenverteidiger gegen einen in der Bundesliga noch nicht etablierten Mittelstürmer eingetauscht. Zusammen mit dem systemischen Kurswechsel ergeben sich daraus allerhand Unwägbarkeiten, die Hecking im schlimmsten Fall den Job kosten können. So wird aus dem Tapetenwechsel am Niederrhein eine spannende Metamorphose mit womöglich nachhaltigen Konsequenzen.

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