Borussia Dortmund Einschwören auf bessere Zeiten

  • Fußball-Bundesligist Borussia Dortmund fliegt zur Marketing- und Testspielreise in die USA.
  • Trainer Lucien Favre muss den zuletzt etwas zersplittert wirkenden Kader vereinen und einen neuen Teamgeist beschwören.
  • Der Schlüsseltransfer, ein neuer zentraler Stürmer in der Nachfolge von Pierre-Emerick Aubameyang und Michy Batshuayi, lässt derweil auf sich warten.
Von Ulrich Hartmann, Dortmund

Romantiker hätten den Fußballer Mario Götze am Mittwoch sicher gern seine Hochzeit feiern sehen, aber die Party auf Mallorca war schon länger abgesagt. Glücklicherweise hat Romantik jedoch viele Facetten. Das Motto von Götzes Arbeitgeber Borussia Dortmund lautet beispielsweise: "Echte Liebe", eine ins Dogma changierende Erklärung, die Götze nach einer mauen vergangenen Saison geradezu zwang, mit demonstrativer Seriosität in die neue Spielzeit zu starten. Statt also auf Mallorca zu feiern, flog der 26-Jährige mit dem BVB am Mittwoch in die USA. Die erste Dienstreise unter dem neuen Trainer Lucien Favre ist der Anlass, sich auf bessere Zeiten einzuschwören.

Dabei ist es ja gerade mal neuneinhalb Monate her, dass Dortmund am siebten Spieltag der vergangenen Saison mit 21:2 Toren und 19 Punkten fünf Zähler vor dem FC Bayern München an der Bundesligaspitze rangierte und alle Welt dachte, dieser BVB sei unter Trainer Peter Bosz schnurstracks auf dem Weg in den Fußball-Himmel. Wie dem sagenhaften Ikarus schmolzen den Dortmundern so hoch droben jedoch die Flügel, man stürzte ab und rettete sich unter dem im Advent eingesetzten Interimstrainer Peter Stöger zum Saisonende gerade noch in die Champions League. Zwischenzeitlich rechnete Geschäftsführer Hans-Joachim Watzke Kritikern vor, die sportliche Talfahrt habe im Oktober begonnen, als das Attentat auf den BVB-Mannschaftsbus ein halbes Jahr her war. Dies sei die nicht unübliche Ausbruchszeit einer posttraumatischen Belastungsstörung. Der geständige Attentäter Sergej W. wartet weiter auf seine Verurteilung.

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Favre, 60, hätte zur Anpassung seines Spielsystems an den Kader eine Interkontinental-Reise nicht benötigt. Er hätte den Spielern auch im Trainingszentrum im Stadtteil Brackel alles Nötige erklären können, jedoch sind saisonale Vorbereitungen Bestandteil globalen Marketings. Folglich bestreiten die Westfalen in den nächsten sieben Tagen drei Testspiele in den USA: in der Nacht zum Samstag in Chicago gegen Manchester City, am Sonntagabend in Charlotte gegen den FC Liverpool und danach in der Nacht zum Donnerstag in Pittsburgh gegen Benfica Lissabon.

Watzkes "nullneun" Thesen

Außer attraktivem Tempo-Fußball mit defensiver Absicherung und offensiver Blitzannäherung ans Tor obliegt dem neuen Trainer die nicht ganz leichte Aufgabe, den zuletzt etwas zersplittert wirkenden Kader zu vereinen und einen neuen Teamgeist zu beschwören. Dazu passte, dass Watzke selbstverfasste "nullneun" Thesen an alle Mitarbeiter verschickte - Thesen für eine leidenschaftlichere und begeisterndere Außendarstellung des Klubs. Zum Beispiel: "Unser gemeinsames Ziel ist es, dass der BVB 2018/19 auf und neben dem Platz wieder ein anderes Gesicht zeigt. Bodenständig und leidenschaftlich. Jeder Einzelne muss wieder für Schwarzgelb brennen." Außerdem wünscht er sich "perspektivisch wieder eine eigene Spielphilosophie, eine klare Identität, einen unverkennbaren Spielstil". Die Sport-Bild veröffentlichte den Brief.

Favre, dem akribischen Taktik-Enthusiasten, könnte die Lösung dieser Aufgabe am ehesten über sportlichen Erfolg gelingen. So war es einst bei Hertha BSC und bei Borussia Mönchengladbach gewesen, ehe der Schweizer aus beiden Klubs später in leichtem Unfrieden schied. In Dortmund verfügt er über nicht weniger als den bestbesetzten Kader seiner Trainer-Laufbahn, woraus Watzke aber mitnichten übergroße Ambitionen erweckt sehen will. Er begnügt sich mit der neuerlichen Qualifikation für die Champions League. Der Traum vom Meistertitel? "Wir haben solche Träume nicht", sagt er.

Für die Innenverteidigung hat der BVB den Mainzer Abdou Diallo verpflichtet, fürs Mittelfeld den Bremer Thomas Delaney und für den Flügel den Frankfurter Marius Wolf. Der Schlüsseltransfer, ein neuer zentraler Stürmer in der Nachfolge von Pierre-Emerick Aubameyang und Michy Batshuayi, lässt auf sich warten. Auf dieser hochpreisigen Position herrscht kurz nach der WM europaweit die meiste Hysterie. Dem BVB hilft es nicht gerade, dass der vermeintliche Wunschkandidat Mario Mandzukic mit Kroatien das Finale erreichte.

Jüngst erzielte Alexander Isak, 18, das Tor im Testspiel bei Austria Wien. Ein Stürmer also, der eineinhalb Jahre nach seinem Wechsel zum BVB schon wieder ein bisschen in Vergessenheit geraten war. Sein Comeback muss Favre genauso forcieren wie jenes von Mario Götze. Ihn bot der Trainer in Wien mit Kapitänsbinde überraschend im zentral-defensiven Mittelfeld auf, was aber auch der Absenz einiger Stammspieler geschuldet gewesen sein dürfte. Die drei Spiele in den USA werden verlässlichere Hinweise darauf geben, wie Favre sich die Mannschaft vorstellt.

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