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Biathlon-WM:Mit zweitem Leben zu Silber

Biathlon - Weltmeisterschaft

Überglücklich im Ziel: Franziska Preuß (re.) und Denise Herrmann

(Foto: Sven Hoppe/dpa)

Der Zieleinlauf von Franziska Preuß gehört zu den Highlights dieser Biathlon-WM: Die Frauen-Staffel belohnt sich mit Silber, ihr Trainer findet: "Das war 'ne geile Kiste."

Von Saskia Aleythe

Das zweite Leben holte sich Franziska Preuß im Wald ab. Abgekämpft hatte man sie zwischenzeitlich gesehen auf der Hochebene Pokljuka, da lagen schon einige anstrengende Kilometer hinter ihr. Preuß wollte noch um Silber in diesem Staffel-Rennen mitlaufen, doch Olena Pidhrushna aus der Ukraine schien ihr am letzten langen Anstieg enteilt zu sein. Und die Strecke in Slowenien ist sehr schmal, allzu viele Gelegenheiten bieten sich nicht zum Überholen. Aber wer braucht viele Gelegenheiten, wenn eine schon reicht?

Aufgetankt mit neuer Energie schoss Preuß plötzlich zwischen den Bäumen hervor, setzte an zum Sprint auf der Schlussgeraden, einen winzigen Moment hielt Pidhrushna noch mit - und kapitulierte dann kopfschüttelnd. "Irgendwie ist dann mein zweites Leben wieder gekommen", freute sich Preuß vor dem ZDF-Mikrofon, "es war dann echt cool."

Die letzten 500 Meter bis zum Ziel geht es nur noch bergab und Preuß wusste, dass sie da ihren Vorteil nutzen konnte: Die schnellen Ski. "Wir hatten Top-Material unter den Füßen", sagte sie später, "ich habe auf die Abfahrten vertraut, dass man da den ein oder anderen Meter wieder hinfährt." Ihr Schwung war dann so groß, dass sie noch vor der Ziellinie Zeit hatte, die Arme zum Jubeln nach oben zu werfen. Wie viel Erlösung diese zweite WM-Medaille für den Deutschen Ski-Verband (DSV) bedeutete, sah man auch an den Trainern, die sich überwältigt in die Arme sprangen. Kommentar von Florian Steirer: "Das war 'ne geile Kiste."

Zwischenzeitlich lag die Staffel nur auf Rang sechs - doch dann kam Preuß

In den Highlights dieser WM wird der letzte Kraftakt von Franziska Preuß mit Sicherheit eingehen, auch weil zur Halbzeit des Rennens ein Erfolgserlebnis der deutschen Frauen sich noch nicht wirklich angedeutet hatte. Gut, sie sind nicht ohne Grund mit der Startnummer Eins ins Rennen gegangen: Kein Team hatte die Staffeln in dieser Saison bisher so gut bestritten wie sie, zuletzt war in Oberhof ein Sieg rausgesprungen, in Antholz ein zweiter Platz. Aber nachdem in Janina Hettich die zweite der vier Läuferinnen am Samstag an Franziska Preuß übergeben hatte, prangte ein Rückstand von einer Minute auf der Anzeigetafel, Rang sechs, Medaillen-Aussicht: naja.

Startläuferin Vanessa Hinz setzte ihren guten WM-Lauf fort, blieb ohne Fehler am Schießstand. Stehend schlichen sich das erste und dritte Projektil gewieft an der Abdeckung vorbei, es waren Randtreffer, aber Glück gehört auch mal dazu. Mit einem Rückstand von 17,8 Sekunden auf Norwegen übergab sie an Position drei auf Janina Hettich, die eine schwierige Phase zu durchstehen hatte: Mit ihr war auch Norwegens Tiril Eckhoff unterwegs, die bisher erfolgreichste Frau der WM.

Für Hettich ist es die erste komplette Saison im Weltcup, ihre Stärke ist das Liegendschießen: Keine, die annähernd so viele Rennen gelaufen ist wie sie, kommt auf ihre Quote von 96 Prozent Trefferleistung. Doch nun, in ihrem ersten WM-Einsatz als Staffelläuferin, wackelte die 24-Jährige plötzlich, zwei Nachlader kosteten wertvolle Sekunden. "Das hat mich schon ganz schön verunsichert", sagte sie später, auch auf der Strecke verlor sie viel Zeit, konnte sich dann aber mit fünf Treffern im Stehendanschlag wieder aufrichten.

Denise Herrmann, die ihre Position als Schlussläuferin unter der Saison an die formstarke Franziska Preuß verloren hatte, kämpfte mit drei Nachladern gegen die Strafrunde an und konnte zunächst nicht aufholen. Sie überraschte dann aber im Stehendschießen, ihrer Wackeldisziplin, das meisterte die 32-Jährige fehlerfrei. Als Fünfte übergab sie auf Preuß, Rückstand 43,4 Sekunden auf Norwegen. Beim Wechsel passierte Herrmann zunächst noch ein Malheur, sie erwischte beim Abklatschen die Schulter von Preuß nicht. "Die Ski waren so schnell heute, da bin ich noch etwas schneller reingefahren. Oder der Arm war einfach zu kurz", scherzte Hermann später, es brauchte einen zweiten Versuch für die Berührung.

Preuß zeigt eine Stehendeinlage aus dem Lehrbuch

Nun war es an Preuß, noch an die Medaillen-Chance zu glauben, 33 Sekunden hinter den bis dahin überraschend starken Polinnen war der Bronze-Rang ja auch noch in Sichtweite. Schon im Liegendschießen konnte Preuß den Rückstand auf Norwegen halbieren, weil sich die bei der WM ohnehin wackelige Röiseland drei Nachlader geleistet hatte. Auch auf der Strecke machte die Deutsche Sekunden gut, und zeigte dann eine Stehendeinlage, wie man sie in Lehrbüchern finde könnte. Fünf Treffer in 22,6 Sekunden, während um sie herum die Zusatzpatronen eiligst in die Gewehre gefummelt werden mussten. Die Athletinnen aus Belarus, Polen, der Ukraine und Frankreich, die sich mit Preuß um Silber stritten, hatten alle Probleme.

Schon bei der WM vor einem Jahr in Antholz hatte Preuß die Staffel - damals noch als dritte Läuferin - von Rang vier auf zwei geführt, nun bestätigte sie erneut ihre Qualität im Team. "Das war gigantisch. Damit hatte ich nicht mehr gerechnet", sagte Herrmann nun in Slowenien, "Franzi ist unser Super-Slider". Der Vorsprung der Norwegerinnen betrug im Ziel nur noch 8,8 Sekunden, elf Nachlader konnte sich das Team leisten, die deutsche Staffel kam auf fünf. Sechs Top-Ten-Platzierungen waren Herrmann, Hinz und Preuß vorher auf der Pokljuka gelungen, eine Medaille hatten sie dabei aber teils knapp verpasst. "Man hat die Woche wieder gesehen, dass Leistungssport echt hart ist", sagte Preuß, "jetzt ist es mega-cool, dass wir heute den Tag erwischt haben und etwas zu feiern haben."

© SZ/ebc/tbr
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