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Biathlon:Schmutziger Wahlkampf, belastete Kandidaten

Biathlon Weltcup in Russland

Schatten über der Loipe: Seit 2017 ermittelt die Staatsanwaltschaft in Wien gegen Biathlon-Funktionäre.

(Foto: Sergei Grits/dpa)
  • Der Biathlon-Weltverband steckt in einer gewaltigen Vertrauenskrise und wählt einen neuen Präsidenten.
  • Gegen beide Anwärter gibt es Vorbehalte - insbesondere gegen die Lettin Baiba Broka.
  • Sie soll dabei als gezielt auserkorene Nachlassverwalterin der alten Garde gelten - und damit auch als Favoritin von Vertretern der russischen Fraktion.

Von Johannes Aumüller und Thomas Kistner

Die Kleinstadt Poreč hat mit Wintersport wenig zu tun, sie ist ein beliebter Badeort an der Westküste Kroatiens. Am Freitag aber entscheidet sich dort die nähere Zukunft eines der wichtigsten Wintersport-Weltverbände. Die Internationale Biathlon-Union (IBU) hat ihre Delegierten zum Kongress nach Istrien geladen, wo sie gerne einen Neuanfang zelebrieren möchte. Tatsächlich fällt dort nach einem offenkundig ziemlich schmutzigen Wahlkampf die Entscheidung, wer die IBU künftig führt: die Lettin Baiba Broka, 42, oder der Schwede Olle Dahlin, 64.

Die IBU steckt in einer gewaltigen Vertrauenskrise. Seit 2017 ermittelt die Staatsanwaltschaft in Wien wegen des Betrugsverdachtes gegen hochrangige Funktionäre. Der Vorwurf: Sie sollen Schmiergelder und Gegenleistungen empfangen haben, um über Jahre hinweg russische Dopingfälle zu vertuschen. Der langjährige Verbandschef Anders Besseberg legte aufgrund dieses im Kern gegen ihn gerichteten Verdachts sein Amt nieder, Generalsekretärin Nicole Resch wurde suspendiert; beide bestreiten die Vorwürfe. Klar ist, dass es zahlreiche Dopingverstöße russischer Biathleten gab. Erst dieser Tage ist wieder von vier neuen Fällen die Rede. Russlands Mitgliedschaft innerhalb der IBU wurde schon im Dezember auf "provisorisch" herabgesetzt, das Internationale Olympische Komitee stellte seine Zahlungen an die IBU ein.

In dieser Gemengelage soll also ein neuer Chef für den erst 25 Jahre alten Weltverband her. Fraglich ist nur, ob es überhaupt einen wirklichen Neuanfang geben kann. Denn keiner der Kandidaten kommt von außen. Der Schwede Dahlin, ein Manager aus der Papierindustrie, saß als Vizepräsident schon seit 2014 im IBU-Vorstand. Und die Lettin Broka, eine Juristin aus Riga und Politikerin aus der umstrittenen Rechtsaußen-Partei "Nationale Vereinigung", gehörte in den vergangenen zwei Jahren zum Justizkomitee des Weltverbandes. Von den angeblichen Machenschaften der alten langjährigen Führung wollen beide nie etwas mitbekommen haben.

Broka widerspricht sich selbst

Broka soll dabei als gezielt auserkorene Nachlassverwalterin der alten Garde gelten - und damit auch als Favoritin von Vertretern der russischen Fraktion, die die Altlasten nach ihren Wünschen geregelt sehen wollen. Delegierte berichten von intensiver Lobbyarbeit für die Lettin. Broka erklärt der SZ auf Nachfrage dazu, sie habe weder zum bisherigen IBU-Boss Besseberg noch zum neuen Vorstand des russischen Biathlon-Verbandes Kontakt. Die angebliche Unterstützung Russlands sei durch den Konkurrenten Dahlin verbreitet worden. Zudem sei sie klar gegen eine Vollmitgliedschaft Russlands, weil die Voraussetzungen für eine Rückkehr nicht erfüllt seien und dies angesichts der soeben bekannt gewordenen, weiteren vier Dopingfälle aus dem Jahr 2014 ein falsches Signal wäre.

Verblüffend ist nur: Russische Medien zitieren sie völlig anders. So druckte der Sport Express vor wenigen Tagen ein Interview, in dem Broka über ihr Telefonat mit Russlands Verbandsboss Wladimir Dratschew berichtete. Und auch über den Einfluss der vier Dopingfälle auf die vollwertige Rückkehr der Russen in die IBU-Familie urteilte sie da unbestimmter.

Sehr umstritten ist Broka auch aufgrund ihrer Vita. 2014 war sie für mehrere Monate Justizministerin Lettlands. Dann reichte sie ihren Rücktritt ein, weil die Sicherheitsbehörden ihr und einem Minister-Kollegen aus ihrer Partei den Zugang zu Staatsgeheimnissen verweigerten. Offiziell begründet wurde dieser ungewöhnliche Schritt nie; Broka selbst erklärt dies mit politischen Auseinandersetzungen, weil ihre wachsende Popularität damals der Mehrheitspartei ein Dorn im Auge war. Auch Berichte über Kontakte zu der in Riga mächtigen Insolvenzverwalter-Mafia weist Broka zurück und tut diese als Manöver des politischen Gegners ab.

Der Deutsche Skiverband verhält sich ausweichend

Unzweifelhaft ist, dass ihre Partei "Nationale Vereinigung" sich sehr weit außen im politischen Spektrum positioniert. Ihre Vertreter fallen des Öfteren mit scharfen nationalistischen Tönen auf. Einige von ihnen nehmen sogar an den regelmäßigen Gedenkmärschen für die lettischen Mitglieder der Waffen-SS im Zweiten Weltkrieg teil. Broka verteidigt, dass und wie der lettischen SS-Mitglieder gedacht werde. Als Spezifikum der Partei gilt nach Aussage von Politikbeobachtern auch, dass sie zwar nationalistisch auftrete, aber manche Vertreter zugleich enge geschäftliche Verbindungen nach Russland pflegten.

Vor diesem Hintergrund ist es besonders spannend, wie sich die deutsche Delegation verhält. Der nationale Ski-Verbandschef Franz Steinle, früher Präsident des Oberlandesgerichtes in Stuttgart, kandidiert in Poreč für das Amt des ersten Vize-Präsidenten. Kann es sich der deutsche Ski-Verband da leisten, eine Weltverbandschefin mit einer solchen Biografie und politischen Heimat wie die Lettin Broka mitzuwählen? Offenkundig kann er es sich zumindest vorstellen. Denn noch am Donnerstag, am Tag vor der Wahl, teilt ein Sprecher mit, dass man sich noch nicht für einen der beiden Kandidaten entschieden habe. Die Vorwürfe gegen Broka seien bekannt. "Entsprechend versuchen wir uns, über externe und neutrale Quellen ein Bild über die parteipolitische Situation in Lettland zu machen. Diese Einschätzung wird natürlich in unsere Entscheidungsfindung mit einfließen", heißt es.

Für manch anderen westlichen Vertretern in Poreč nährt dieser ausweichende Kurs den Verdacht, der DSV sei dem lettisch-russischen Lager zugeneigt. Der deutsche Verband und die ihm nahestehenden Föderationen aus dem Alpenraum, mit denen er sich über eine Linie verständigen will, dürften eine entscheidende Rolle spielen, wenn es an die Abstimmung geht. Denn derzeit sieht es so aus, als würde es ziemlich eng werden. 56 Verbände sind wahlberechtigt. Jeweils zirka ein Drittel würden die Fraktionen der beiden Kandidaten sowie der noch Unentschlossenen umfassen, hieß es am Vorabend der Wahl aus Vorstandskreisen. Und gerade die Biathlonwelt ist reich an Interessenskonflikten, dubios zusammengesetzten Delegationen und anderen Merkwürdigkeiten. Ein Vertreter berichtet der SZ gar von Befürchtungen über Stimmkäufe auf den Fluren des Tagungshotels - was nach Stand der Kriminalermittlungen durchaus Brauch in Teilen dieses Verbandszirkels sein soll.

© SZ vom 07.09.2018/tbr
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