Olympia:Stille vor und nach dem Schuss

Biathlon - Winter Olympics Day 3

Halbleere Ränge in eisiger Kälte: Zuschauer vor Beginn des 10-Kilometer-Verfolgungsrennens der Damen

(Foto: Getty Images)
  • Die Biathleten absolvieren ihre Olympia-Wettkämpfe vor fast leeren Tribünen.
  • Bundestrainer Gerald Hönig sagt: "Die Athletinnen hätten sich etwas anderes verdient."
  • Laura Dahlmeier sieht darin allerdings auch etwas Gutes.

Von Saskia Aleythe, Pyeongchang

Hätte einer sein Smartphone fallen lassen im Biathlonstadion von Pyeongchang, wäre das Scheppern auf metallenem Boden vermutlich bis zum Schießstand geschallt. Eine Luftlinie von kaum mehr als 100 Metern trennen die Publikumsplätze von den Matten, auf denen sich die Biathleten niederlassen. Hätte einer laut niesen müssen, wären Genesungswünsche der gegenüberliegenden Trainergrüppchen als Echo definitiv gut zu hören gewesen. Ja: Man musste fast leise sprechen, um die Biathletinnen um Laura Dahlmeier nicht beim Schießen zu erschrecken.

Als die Deutsche am späten Samstagabend dann aufs Podium hüpfte, winkte sie energisch, doch man musste sich fragen, wem eigentlich? Ihr gegenüber lag die Zuschauertribüne, die mehr Tribüne offenbarte als Zuschauer. 61 Prozent Auslastung gab der Veranstalter bekannt, was bei einem Fassungsvermögen von 7500 Zuschauern 4575 Personen ergibt. Also offiziell.

Dahlmeier findet die Stille sogar angenehm

"Das ist ein Trauerspiel im Vergleich zu jedem Weltcup", sagte Frauen-Bundestrainer Gerald Hönig, "die Athletinnen hätten sich etwas anderes verdient." Vor allem aus Deutschland, Österreich und Südtirol ist man anderes gewohnt: Da kommen an den Wochenendtagen in der Weltcup-Saison noch fast 20 000 Fans in die Arenen.

Biathlon, das kennt der deutsche Fernsehzuschauer als Sport, bei dem das Publikum bei jedem Treffer "Hey" schreit und bei jedem Fehlschuss "Oh". Dazwischen Kuhglockengebimmel und atemloses "Ladi-Ladi-Ladio", ausgegrölt mit Glühweinfahne, ein bisschen Ballermann zwischen Schneewipfeln. Beim olympischen Biathlon konnte nicht mal die riesige Leinwand helfen, um bei getroffenen Scheiben spontanen Jubel auszulösen. Es war ein Geisterschießen in Pyeongchang. Silent shooting.

Nun muss man freilich auch nachsichtig sein, die Südkoreaner sind mit diesem Sport ungefähr so vertraut wie mit Menüs ohne Kimchi - also gar nicht. Zwar stellt der Gastgeber der Olympischen Spiele auch eine eigene Mannschaft, diese hat er sich allerdings auch aus diversen eingebürgerten Russen zusammengestellt. Anna Frolina ist eine von ihnen, seit 2015 Südkoreanerin, am Samstag immerhin 32. geworden. Ihre drei Kolleginnen landeten jenseits der 70 - von 87 Starterinnen. Beim Männer-Sprint war es dann ein wenig lauter, unter anderem ein paar US-Amerikaner machten Stimmung, aber annähernd gefüllt war das Stadion trotzdem nicht.

Dahlmeier selbst fand die Stille übrigens gar nicht mal schlimm. "Für ein Biathlonrennen bei Olympischen Spielen erwartet man natürlich schon ein bisschen mehr Zuschauer", gab sie zwar zu, "letztendlich muss der Athlet aber doch selber laufen und mir ist das sogar lieber so als 50 000 Menschen, die schreien." Endlich mal in Ruhe Sport machen können, hat also auch was für sich. Und man muss die Sache auch so sehen: Bei minus sieben Grad und fiesem Eiswind sind die wenigen Zuschauer vielleicht einfach festgefroren.

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