Biathlon:Die Rückkehr der deutschen Kernkompetenz

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Biathlon: Johannes Kühn auf der 7,5 Kilometer langen Strecke von Kontiolahti.

Johannes Kühn auf der 7,5 Kilometer langen Strecke von Kontiolahti.

(Foto: Vesa Moilanen/Lehtikuva/Imago)

Einst waren die deutschen Biathleten in der Staffel gefürchtet. Nach den beiden zweiten Plätzen der Frauen und Männer in Kontiolahti wirkt es, als sei eine Renaissance im Gange.

Von Korbinian Eisenberger, Kontiolahti/München

Das Vortreffliche am Biathlonsport ist der Umstand, dass sofort klar ist, ob ein Treffer zählt oder nicht. Linientechniken oder jedwede Videokeller zur Beweisführung sind obsolet. Geht die Klappe hoch und verschließt die Luke, war der Schuss präzise genug ins schwarze Loch platziert. Und wenn nicht? Dann hat die Biathlon-Spezialdisziplin Staffellauf seit Donnerstag wieder ihre Spezialität parat: sogenannte Nachlader.

Insgesamt 14 dieser Nachlader leisteten sich die deutschen Biathletinnen und Biathleten am bisher erfolgreichsten Wettkampftag dieser noch jungen Saison. Für beide deutsche Staffeln, die der Männer und Frauen, bedeutete diese Schussbilanz kombiniert mit acht mehr als konkurrenzfähigen Laufleistungen jeweils Platz zwei. So drängt sich nach Tag drei von Kontiolahti ein Verdacht auf: Eventuell sind die deutschen Biathletinnen und Biathleten zwei Monate vor Beginn der WM in Oberhof in guter Frühform.

In der olympischen Vorsaison durfte man den deutschen Staffel-Biathleten zwar eine gewisse Konstanz nachsagen, mehr aber auch nicht. Denn die Regelmäßigkeit bestand darin, das Podium zu verpassen und häufig auf Rang vier zu landen. Den Männern war dies in vier der sechs Staffelrennen geglückt, darunter im olympischen Lauf von Peking. Die Frauen kamen im Weltcup kein Mal über den vierten Platz hinaus - und retteten die Bilanz dann durch die Bronzemedaille bei Olympia. Nun wiederum stellte sich in Finnland die Frage, ob sich die deutschen Biathleten ihrer einstigen Kernkompetenz entsinnen: Staffelrennen auch mal zu gewinnen.

"Das ist cool mit einem so jungen Team. Das war richtige Girl-Power."

Fehlerfreie Schusseinlagen helfen beim Biathlon, Startläuferin Anna Weidel, 26, machte es vor - fand aber keine Nachahmerinnen. Sophia Schneider, 25, Staffel-Debüt, Vanessa Voigt, auch 25, und Denise Herrmann-Wick, 33, mussten je zwei Ersatzpatronen bemühen. Und so reichte es zwar nicht für den Sieg, allerdings kam das DSV-Quartett hinter Schweden als Zweiter ins Ziel, auch weil Schlussläuferin Herrmann-Wick trotz Rückstand nach der letzten Schießeinheit noch an der Norwegerin Ingrid Landmark Tandrevold vorbeizog. "Das ist cool mit einem so jungen Team. Das war richtige Girl-Power", erklärte Herrmann-Wick später. Ihre acht Jahre jüngere Kollegin Vanessa Voigt drückte es so aus: "Das hat Bock auf mehr gemacht."

Bei den Männern stellte sich vor dieser Saison die Frage, ob sich jene Lücke schließen lässt, die Arnd Peiffer und Erik Lesser nach ihren Rücktritten womöglich hinterließen. Und wenn ja, von wem. Die Antwort könnte lauten: von Justus Strelow, Johannes Kühn, Benedikt Doll und Roman Rees. Eine Lücke? "Für uns als Team und für die Athleten ist es wichtig zu sehen, dass sie diese Lücke über den Sommer geschlossen haben", erklärte der neue DSV-Biathlon-Sportdirektor Felix Bitterling nach dem Rennen. Zuvor war Strelow bei seinem Staffel-Debüt als Startläufer in die Spur gegangen und liegend fehlerfrei geblieben, musste dann aber beim Stehendschießen zweimal nachladen - und lag damit im Team-Durchschnitt. "Am Anfang hat es Spaß gemacht mitzuschwimmen", sagte Strelow. "Die letzte Runde war dann sehr hart."

Seit 20 Monaten gab es keinen deutschen Staffel-Sieg mehr

Vier Wettkämpfe, drei mal Podium, darunter der überraschende dritte Platz von David Zobel im Einzel: Garniert mit zwei vierten Plätzen am Dienstag und Mittwoch (Roman Rees und Vanessa Voigt) ergibt sich ein Bild, wonach die deutsche Biathlon-Elite zu Saisonbeginn in der Weltspitze zu finden ist, wo sie dem eigenen Anspruch nach auch hingehört. "Es hätte nicht viel besser laufen können", so die Zwischenbilanz von Bitterling: "Durch solche frühen Erfolge tanken sie direkt richtig Selbstvertrauen."

Ein Malus bleibt. Einst waren die deutschen Biathleten schließlich gefürchtet in dieser Disziplin, der Staffel. Selbst norwegische Hände wurden zittrig am Gewehr. Inzwischen aber liegt der letzte Sieg einer deutschen Biathlon-Staffel 20 Monate zurück. Anfang März 2021 im tschechischen Nove Mesto mit Doll und Philipp Nawrath. Zudem beteiligt: Arndt Peiffer und Erik Lesser, die sich nun höchstens noch beratend einbringen können.

Noch länger warten die deutschen Frauen. Im Januar 2021 gewannen Vanessa Hinz, Janina Hettich, Denise Herrmann und Franziska Preuß zuletzt eine Staffel für Deutschland. Hinz und Hettich (inzwischen Hettich-Walz) laufen derzeit im IBU-Cup eine Biathlon-Klasse tiefer, Preuß soll nach einer Verletzung am Samstag (Sprint, 13.45 Uhr) in die Saison starten. Lediglich Denise Herrmann, inzwischen Herrmann-Wick, war nun auch wieder dabei: Ihre Laufzeiten sind weltklasse, ihre Treffsicherheit ausbaufähig - also bis auf den Nachnamen alles wie damals beim bis dato letzten deutschen Staffelsieg der Frauen in, tatsächlich, Oberhof.

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Biathletin Denise Herrmann-Wick.

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