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Golfer Bernhard Langer:Der Zeitreisende

The Masters - Round Three

"Alterloses Wunder": Bernhard Langer schlägt die Bälle nicht mehr so weit wie die jüngeren Profis - doch das gleicht er mit schlauem Golfspiel aus.

(Foto: Jamie Squire/AFP)

Seine beiden Masters-Titel gewann Bernhard Langer 1985 und 1993 - nun ist er der älteste Spieler, der in Augusta jemals den Cut schaffte. Der 63-Jährige ist überzeugt: Er kann noch besser werden.

Von Gerald Kleffmann

An diesem Wochenende wurde ein bestimmter deutscher Golfprofi mal wieder gefeiert, und zwar mit Begriffen und Fakten, die für sich stehen. "Altersloses Wunder", schrieb Golfweek. "Bernhard Langer spielt einfach weiter", die New York Times. Der Spiegel titelte treffend: "Der Alt-Master". Die Statistiker dieses statistikreichen Sports bestätigten ihrerseits alle Huldigungen - indem sie nur auf eine einzige Tatsache verwiesen.

Der älteste Spieler, der jemals beim berühmten Major in Augusta - dem "Masters" - den Cut schaffte und sich somit nach den ersten zwei Runden für die letzten zwei Runden qualifierte, war Tommy Aaron gewesen. Der Amerikaner war 2000, als ihm das gelang, 63 Jahre, einen Monat, 16 Tage alt. Langer? War am Freitag 63 Jahre, zwei Monate, 18 Tage alt. Beim Bund der Deutschen Rentenversicherung könnte er längst, wenn er nicht stets in Florida gelebt hätte, einen Antrag einreichen. Aber dieser nur um Fältchen gealterte Langer arbeitet ohnehin lieber weiter. Eine Extravaganz freilich wollte er sich gönnen, nachdem er der 68er Runde zum Auftakt im Augusta National Golf Club eine 73 hinzugefügt hatte: anstoßen mit Shandy, einem Radler.

Geschichten über Langer sind seit langem oft zahlenlastig, weil es anders schwer zu erfassen ist, was dieser einst schüchterne Schwabe aus Anhausen bei Augsburg in seiner Karriere geschafft hat und schafft. Dass 1985 und 1993, als er in Augusta zweimal das grüne Jackett gewonnen hatte, Helmut Kohl Bundeskanzler war, klingt wirklich weit weg. Aber es gibt jetzt einen entfernteren Vergleich, der seine Zeitreise wie Science Fiction erscheinen lässt. Die amerikanische Golfweek fand heraus: Langer hat nun bei zwei Majors mitgewirkt, in denen einmal ein Spieler gemeldet war, der 1902 geboren wurde - und einmal einer, der 2002 geboren wurde. Als Langer 1976 sein erstes Mal bei einem Major, der British Open, abschlug, war Gene Sarazen fürs Startfeld gelistet; der Amerikaner war in den 1920er und 1930er Jahren einer der größten Spieler. Der Argentinier Abel Gallegos hatte nun eine Masters-Einladung erhalten - er ist 18, Jahrgang 2002.

Möglich sind diese Quervergleiche, weil es im Golfsport beim Masters und bei der British Open eine Besonderheit gibt. Ehemalige Sieger sind teilnahmeberechtigt. So war Sarazen 1976 im Royal Birkdale Golf Club qualifiziert (er zog nur kurzfristig zurück) - und nun Langer in Augusta. Es war sein 37. Start dort. Neben seinen zwei Siegen stand er neunmal in den Top Ten und verpasste nur zehnmal den Cut. Als über Langer die Hymnen hereinbrachen, verriet er eine nette Anekdote. Er erkundigte sich bereits bei der Turnierleitung, wie lange Ex-Champions mitmachen dürfen. Er erhielt die Auskunft: So lange, wie sie Schläger schwingen können. Einige Jahre sind also noch drin für ihn in Augusta, zumal er im Interview mit der New York Times betonte: Es gebe noch viele Bereiche, in denen er besser werden könne. Als wäre er am Beginn seiner Laufbahn und hätte nicht längst alles gewonnen. Multimillionär ist er auch. Allein auf der Champions Tour, der Profiserie der Über-50-Jährigen, verdiente er mehr als 30 Millionen Dollar.

Langer lässt nie locker. Nie

Geld indes hat Langer selten als Motivation seines Schaffens gesehen. Auch wenn es pathetisch klingt: Er liebt seinen Sport. Bei einer Pressekonferenz dieser Tage wurde er gefragt, wie sich diesmal, da das Masters aufgrund der Pandemie ausnahmsweise im Spätherbst stattfindet, die höhere Feuchtigkeit auswirke. Da erklärte er mit Hingabe, warum das Gras anders wachse und das Herausspielen des Balles schwieriger sei. Wahrscheinlich hat Langer ohnehin jeden Halm einzeln begrüßt. Es ist - neben Talent und Fleiß - auch seine Akribie, die ihm seine Karriere ermöglichte.

Er lässt nie locker. Nie. Das zeigt sich immer wieder. Als er während seiner dritten Runde den Anschluss verlor, kämpfte er weiter. Belohnt wurde er etwa mit einem gelochten Putt aus 18 Metern auf der 16. Bahn (Par-3) zum Birdie. In der Freude warf Langer seine Kappe weg. Sein Rezept bleibt weiterhin: Er spielt das, was er kann, auch wenn er nicht mehr so weit schlägt. Beziehungsweise: Er schlägt ja weit - aber nicht so weit wie die Jungen, und er muss Schläger für große Weiten verwenden, mit denen er den Ball weniger gut kontrollieren kann. Hölzer statt Eisen zum Beispiel. Diesen Nachteil gleicht er durch Schlauheit und Erfahrung aus. Wie ein Schachspieler plant er die richtigen Züge - nur mit Ball statt Bauer.

Jon Rahm kassierte einmal ein Doppelbogey, weil er glaubte, zehn Zentimeter an einem Baum entlang vorbeiprügeln zu müssen. Der Ball prallte an den Baum und landete unspielbar im Gestrüpp. Ein Strafschlag folgte auch noch. Dass der Spanier trotzdem vor Langer platziert war, lag am Kraftvorteil der Jugend. Langer war müde irgendwann, gab er zu. Mit einer 71er-Runde am Sonntag landete er aber mit einem Gesamtergebnis von 285 Schlägen (-3) auf Rang 29.

Während Langer allseits gewürdigt wurde, zollte er einem Ex-Kollegen Respekt. Gary Player sei sein Idol, "es ist unglaublich, in welcher Form er noch ist", schwärmte er über den 85-jährigen Südafrikaner. "Vor fünf Jahren noch hat er eine ganze Schulterdrehung hingekriegt." Das sollte Langer doch auch schaffen. Wenn er alt ist. Irgendwann.

© SZ vom 16.11.2020
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