Berliner Derby:Rettende Hände für die Schiffbrüchigen

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Berliner Derby: Zwei Pflichtspiele, zwei Niederlagen: der neue Hertha-Trainer Sandro Schwarz.

Zwei Pflichtspiele, zwei Niederlagen: der neue Hertha-Trainer Sandro Schwarz.

(Foto: Michael Täger/Jan Huebner/Imago)

Nach der ernüchternden 1:3-Derbypleite beim Stadtrivalen Union Berlin versucht Herthas neuer Trainer Sandro Schwarz, die Stimmung nicht gleich wieder in den Keller sinken zu lassen.

Von Javier Cáceres, Berlin

Am Tag nach der Derbypleite beim 1. FC Union Berlin bat Herthas neuer Trainer Sandro Schwarz seine Mannschaft zum Training - und ließ sie auf drei Tore spielen. Um das Gegenpressing zu schulen, wie Schwarz hernach erklärte: Statt "6 gegen 6" spielten "3 gegen 9", in wechselnden Zusammensetzungen der Teams, so dass aus Angreifern im Nu Abwehrspieler wurden und umgekehrt. "Aber keine Sorge: Uns ist schon bewusst, dass wir kommende Woche auf zwei Tore spielen!", sagte Schwarz, als er das Training beendete. Schmunzelnd. Oder doch zur Sicherheit? Wer weiß. Denn bei der Hertha ist die Lage nach dem zweiten Pflichtspiel der Saison schon wieder dramatisch genug, dass die Verantwortlichen das Wochenende damit verbrachten, den Profis die unabdingbaren "Basics" zu erklären - während die Bild-Zeitung schon mal am Vertragspapier von Schwarz herumkokelte: "Fredi Bobic hat bestimmt noch die Telefonnummer von Felix Magath ..."

Magath, dies zur Erinnerung, war der Trainer, mit dem Hertha zum Ende der vergangenen Saison den Klassenerhalt sicherte, über den Umweg Relegation. Der Auftritt beim Stadtrivalen 1. FC Union legte am Samstag den Verdacht nahe, dass die Hertha am Horizont der soeben eingeweihten Saison erneut den Abstiegskampf aufziehen sieht - zumal dem 1:3 von Köpenick eine Pokalpleite beim Zweitligisten Eintracht Braunschweig vorausging, und auch in der Vorbereitung war Niederlage an Niederlage gereiht worden.

Klar, es war Union, sprich: einer der unangenehmsten Gegner der Liga. Dessen Sieg wurde durch Tore des Zugangs Jordan Sibatcheu (32.) sowie von Sheraldo Becker (50.) und Robin Knoche (54.) in die Wege geleitet; den Gegentreffer erzielte Dodi Lukébakio (85.), der während seiner einjährigen Leihe in Wolfsburg prima Deutsch, aber offenbar nicht gelernt hat, für die Defensive mitzuarbeiten. Das freilich war weit weniger überraschend als die Erkenntnis, dass es die Hertha-Profis an jenen Attributen mangeln ließen, die in einem Bundesligaspiel im Allgemeinen und in einem Derby im Besonderen als fundamental angesehen werden.

Berliner Derby: Robin Knoche (nicht im Bild) hat das Tor zum 3:0 erzielt, die Unioner Janik Haberer und Rani Khedira drehen jubelnd ab, Kevin-Prince Boateng winkt wegen angeblichen Abseits', Torwart Oliver Christensen ist geschlagen.

Robin Knoche (nicht im Bild) hat das Tor zum 3:0 erzielt, die Unioner Janik Haberer und Rani Khedira drehen jubelnd ab, Kevin-Prince Boateng winkt wegen angeblichen Abseits', Torwart Oliver Christensen ist geschlagen.

(Foto: O.Behrendt/Contrast/Imago)

Union sei griffiger, galliger und schärfer in den Zweikämpfen gewesen, sagte der Trainer Schwarz (was bei dessen Union-Kollegen Urs Fischer übrigens das wohlige Gefühl des Stolzes auslöste). Herthas Manager Fredi Bobic wiederum saß am Sonntag bei Sport1 in einer Debattensendung und versicherte einerseits, dass es "verfrüht" wäre, einen Abgesang einzustimmen. Andererseits sei es nun "schwierig, auszurufen: Hoach! Da wächst jetzt was ganz Großes heran!" Auch er fand Herthas Auftritt: "ernüchternd". Und die nächsten drei Aufgaben der Hertha - gegen Frankfurt, in Mönchengladbach, gegen Dortmund - wirken vorab nun steil wie der Tourmalet.

Das liegt nicht nur an den Defiziten, die bei Hertha am Samstag in Köpenick und in der Vorwoche in Braunschweig zu sehen waren. "Wir brauchen einfach auch als Gruppe eine bessere Ausstrahlung", sagte etwa Schwarz. Der drohende Defätismus liegt auch daran, dass die Zusammensetzung des Kaders weiter großen Fluktuationen unterworfen ist - und Unruhe noch eine Weile als gegeben vorausgesetzt werden muss.

Den Kapitän der Vorsaison hatte Sandro Schwarz sogar aus dem Kader geworfen

Das konnte man schon am Wochenende erkennen. Für das Stadtduell warf Trainer Schwarz den Kapitän der Vorsaison, Dedryck Boyata, nach offenkundig dramatisch schlechten Trainingsleistungen aus dem Kader; am Sonntag erklärte Manager Bobic, man habe "nicht das Gefühl, dass er uns derzeit sportlich weiterbringt". Stürmer Krzysztof Piatek wurde wie schon in Braunschweig für einen etwaigen Käufer geschont; der Pole soll verkauft werden, denn die Hertha braucht Geld. Jurgen Ekkelenkamp wiederum, vor gar nicht so langer Zeit als hoffnungsvolles Talent aus Amsterdam geholt, wechselt nach Belgien, wie am Sonntagabend bestätigt wurde.

"Wir müssen den Kader abspecken und Personalkosten runterbekommen", sagte Bobic, nur führe das eben auch dazu, dass nicht jeder Profi voll motiviert trainiere. Auf der anderen Seite konnte Hertha wegen der Relegation erst vergleichsweise spät die Planungen für die neue Saison konkret in Angriff nehmen: Chidera Ejuke (ZSKA Moskau) und Wilfried Kanga (Young Boys Bern) stießen so spät zur Mannschaft, dass sich Schwarz nicht dazu durchringen wollte, sie von Beginn an spielen zu lassen. Die Folge: Es standen Spieler wie Myziane Maolida, Kevin-Prince Boateng und Davie Selke auf dem Platz, die bestenfalls wie mahnende Beispiele der letzten, erfolglosen Jahre wirkten.

Gegen diese Vergangenheit redet nun auch Schwarz an. "Freunde: Die Grundstimmung werden wir nicht davon abhängig machen, wie es vor einem oder zwei Jahren war", sagte er am Sonntag. Die Fans, immerhin, reckten den Spielern nach dem Schiffbruch von Köpenick rettende Hände entgegen. "Wie die Fans reagiert haben, wie sie die Mannschaft auch im Spiel unterstützt haben", das sei "ganz großer Sport" gewesen, erklärte Schwarz. Im Westen nichts Neues, könnte man also resümieren. Und hinzufügen, dass sich auch im Osten alles darstellt wie im vergangenen Jahr. Denn nach dem überzeugenden Sieg gegen Hertha war bei Union aus allen Mündern wieder nur zu hören, dass es in dieser Saison nur darum gehe, 40 Punkte zu sammeln.

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