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Union ärgert die Bayern:Wie einst die Schlossermeister

Fussball, Herren, Saison 2020/2021, 1. Bundesliga (11. Spieltag), 1. FC Union Berlin - FC Bayern München, Grischa Pröme

Früh übt sich: Grischa Prömel (rechts) nutzt seine Position aus und erzielt in der vierten Minute das 1:0 für Union.

(Foto: Matthias Koch/Imago)

Während Union Berlin die Spielweise der Bayern kopiert, kommt der müde Meister erneut schwer in die Gänge - und muss nun um den zweiten Chef im Zentrum bangen.

Von Nico Fried, Berlin

Einer zumindest rennt einfach immer weiter: Kingsley Coman flitzte auch am Samstagabend den linken Flügel wieder unverdrossen auf und ab. Immer wieder half der Franzose in der Defensive. Und in der 67. Minute, nach einem fabelhaften Solo erst entlang der Seiten-, dann der Torauslinie, servierte er den Ball wie an einer Schnur gezogen auf Robert Lewandowski, der mit seinem Treffer zum 1:1 dem FC Bayern wenigstens einen Punkt bei Union Berlin rettete.

Bayern-Trainer Hansi Flick hat jüngst über Coman gesagt, der Flügelstürmer habe derzeit "das Vertrauen in seinen Körper", was für einen Spieler, der schon manche Verletzung durchlitten hat, besonders wichtig sei. Womöglich sticht Coman damit gerade jetzt auch besonders heraus, weil dieses Vertrauen anderen Spielern des Rekordmeisters am Ende eines langen Jahres, mit Fußball fast ohne Pause, allmählich entweicht. Immer wieder kommen die Bayern nur schwer in die Gänge. In Berlin gerieten sie bereits zum fünften Mal hintereinander in einem Bundesliga-Spiel in Rückstand - aber diesmal nach nur drei Minuten auch besonders schnell.

"Den frischesten Eindruck machen wir aktuell nicht", räumte Flick nach der Begegnung an der Alten Försterei ein. Dazu muss man wissen, dass dem 1:0 für Union von Grischa Prömel nicht nur mangelhafte Deckungsarbeit von David Alaba, sondern kurz nach dem Anpfiff schon eine dicke Chance für Taiwo Awoniyi vorausgegangen war, die Manuel Neuer noch zunichte machen konnte. "Die waren von der ersten Minute da", zollte Flick den Berlinern seinen Respekt, "wir leider nicht."

In der ersten Halbzeit wirkt es so, als hätten die Bayern ihre Spielidee im Bus vergessen

Gut 20 Minuten brauchten die Bayern, um zu begreifen, dass es auch in diesem Spiel keine Punkte im Vorbeigehen geben würde. Am Anfang habe die Konzentration gefehlt, gab Angreifer Thomas Müller selbstkritisch zu: "Wenn du dann hier in Berlin auf diesem Platz früh in Rückstand gerätst, dann wird es schwer." Zwar habe die Mannschaft die Qualität, um einen Rückstand wieder aufzuholen, "aber dann reicht es manchmal nur zu einem Unentschieden - und das ist für unsere Ansprüche nicht genug."

Zu ihrer eigenen Verblüffung begegnen die Bayern gerade in der Liga in jüngster Zeit immer wieder ihrer eigenen Spielweise. Die letzten Gegner, also Bremen, Stuttgart, Leipzig sowieso, aber nun auch noch Union Berlin, haben längst das aggressive Pressing übernommen, mit dem die Bayern im Sommer unter anderem einen FC Barcelona demütigten. Ganz in der Tradition der Schlossermeister, die den Verein einst gründeten, verriegelten die Berliner die Zugänge zu ihrem Tor - aber eben nicht erst an der eigenen Strafraumgrenze, sondern schon spätestens auf Höhe der Mittellinie. Wenn der Ball dann tatsächlich in einem der vielen Berliner Beine hängen blieb, suchten die Gastgeber das Tor meist ohne Umweg über die Flügel gleich mit einem Pass direkt in die Spitze - als hätte ihnen jemand gesteckt, dass die Innenverteidigung der Bayern besonders verletzlich ist.

"Wir standen sehr kompakt, haben Bayern wenig Platz gelassen", freute sich Union-Trainer Urs Fischer. So schoben sich die Gäste dementsprechend die Bälle zu, verhedderten sich in Missverständnissen und wirkten lange Zeit so, als hätten sie auf dem Platz gemerkt, dass sie ihre Spielidee im Mannschaftsbus vergessen hatten.

Krisenrat: Die Münchner Thomas Müller und Robert Lewandowski (rechts) diskutieren in einer Erholungsphase beim unentschiedenen Ausflug zu Union Berlin. Links: Jerome Boateng.

(Foto: Tobias Schwarz/AFP)

So drehten sich die Verhältnisse auch in Berlin plötzlich ins Gegenteil dessen, was die Bayern das Jahr über gewohnt waren. "Man merkt dann bei uns, dass da in den Köpfen was passiert", analysierte Flick. Die Kugel werde unter Druck bisweilen nur weggeschlagen oder als Sicherheitspass gespielt, "um den Ball aus der Verantwortung zu geben". Da fehle, so Flick, "das Vertrauen in die eigene Qualität". Merke: Hier spricht der Trainer eines Vereins, der in diesem Jahr Champions League, Meisterschaft und Pokal gewonnen hat.

Union wiederum bewies mit seiner Spielweise besonderen Mut zum Risiko, mussten die Gastgeber doch in dem verletzten Max Kruse und dem gesperrten Robert Andrich zwei Leistungsträger ersetzen. Trainer Fischer hatte vor dem Spiel die ebenso simple wie gelegentlich schwer zu verwirklichende Devise ausgegeben, man müsse nur einfach "alles richtig machen". Hinterher konnte er feststellen, dass seine Mannschaft diesem Ideal im Rahmen ihrer Möglichkeiten erstaunlich nahe gekommen war. Anders als die Bayern, die letztlich des Geniestreichs eines Einzelspielers bedurften, um zum Erfolg zu kommen, überzeugten die Berliner durch eine Geschlossenheit der Mannschaft, in der sich auch die neuen Spieler umstandslos integrierten.

"Ich bin hochzufrieden", fasste Urs Fischer seine Gefühlslage zusammen, "weil die Mannschaft vom Anfang bis zum Schlusspfiff alles rausgehauen hat." Symbolisch für die Stärke in der Breite stand der Kopfball von Prömel zum 1:0: Es war das erste Tor des 25-Jährigen in der Bundesliga. Prömel berichtete später von einem zweiten Motivator neben Trainer Fischer: "Mein Papa hat mir vor dem Spiel geschrieben, dass es langsam Zeit wird für meinen ersten Treffer." Prömel ist übrigens in Stuttgart geboren und komplettierte so den gelungenen Tag für die Schwaben-Metropole, der sich zuvor schon in Dortmund manifestiert hatte.

Manuel Neuer gibt zu: "Es wäre schon möglich gewesen, uns heute zu schlagen."

Wenigstens mit der zweiten Halbzeit zeigte sich auch Hansi Flick einigermaßen einverstanden. Da habe seine Mannschaft besser gespielt und "die Räume anders besetzt". So kamen auch die Bayern zu Chancen. Die größte konnte der eingewechselte Leroy Sane in der 89. Minute zum eigenen Entsetzen nicht nutzen, weil Union-Torhüter Andreas Luthe den Kopfball gerade noch spektakulär wegpatschte, ehe er die Linie überfliegen konnte. Luthes Kollege Manuel Neuer fasste seine Eindrücke der zweiten Halbzeit in einer Art retrospektivem Konjunktiv zusammen: "Es wäre schon möglich gewesen, uns heute zu schlagen, aber wir hätten auch selber noch den Lucky Punch setzen können." Am Ende blieb beides nur hätte, wäre, wenn.

Mit der Tabellenführung unterm Weihnachtsbaum könnte es sich demnächst genauso verhalten, zumal die Bayern vor den letzten beiden Ligaspielen die Sorge haben, dass neben dem verletzten Joshua Kimmich auch ihr zweiter Chef im Zentrum ausfällt: Leon Goretzka wurde in Berlin kurz vor Schluss ausgewechselt, weil ein Oberschenkelmuskel zwickte. "Er hat beim Sprint hinten etwas gespürt", berichtete Hansi Flick, "hoffentlich ist es keine schwere Verletzung."

© SZ/mok/cca
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