FC Bayern bei Union:Leere Tanks, wacher Gegner

Lesezeit: 4 min

1. FC Union Berlin v FC Bayern Muenchen - Bundesliga

Platt: Thomas Müller nach dem Schlusspfiff an der alten Försterei.

(Foto: Clemens Bilan/Getty)

Gegen starke Unioner reichen die Kräfte des FC Bayern nicht mehr aus, um das Spiel nach frühem Rückstand zu drehen. Für Berlin ist es die nächste Überraschung in einer überraschenden Saison.

Von Nico Fried, Berlin

Unter der Woche war Grischa Prömel, Mittelfeldspieler in Diensten von Union Berlin, nach seinem Gemütszustand vor dem Spiel gegen den amtierenden Champions League-Sieger gefragt worden. Prömel ließ es nicht am gebotenen Respekt fehlen, aber irgendwann sagte er dann doch, er schlafe jetzt nicht drei Nächte schlecht, nur weil es gegen den FC Bayern gehe. Offenkundig war das nicht nur so dahingesagt. Denn das Spiel am Samstagabend war gerade drei Minuten alt, als Prömel seine Ausgeschlafenheit unter Beweis stellte und Union Berlin mit 1:0 in Führung brachte.

Gut 90 Minuten später war aus einer Art Tagtraum Wirklichkeit geworden. 1:1 (1:0) endete das Spiel der Berliner gegen den FC Bayern. Für Union ein weiterer Erfolg in einer an positiven Überraschungen reichen Saison. Für die Münchener hingegen waren es vor allem weitere 90 absolvierte Minuten auf dem Weg in die unverkennbar dringend benötigte Weihnachtspause. Wer sah, wie am Ende der Begegnung zum Beispiel ein Benjamin Pavard über den Rasen schnaufte, der ahnte, dass die Tanks leer sind. In Berlin zeigte sich, dass das bei einigen Bayern-Spielern nicht nur für die Beine gilt, sondern auch für den Kopf.

"Uns hat gerade in der ersten Halbzeit etwas das Selbstvertrauen gefehlt. Das haben wir in der Pause angesprochen, mit dem zweiten Abschnitt war ich dann auch schon zufriedener", lautete das Fazit von Bayern-Trainer Hansi Flick. "Die Möglichkeit, um zu gewinnen, wäre heute da gewesen", meinte sein Gegenüber Urs Fischer und hatte damit nicht unrecht.

Die Münchner begannen wieder mit David Alaba als Innenverteidiger neben Jérôme Boateng. Auch standen Alphonso Davies und Jamal Musiala wieder in der Startformation, anders als Leroy Sané, für den Flick in der Pressekonferenz vor dem Spiel zwar warme Worte gefunden hatte, ihm aber in Berlin zunächst nur einen Platz auf der bei Temperaturen um die null Grad recht kalten Tribüne zuwies.

Auch ohne Kruse bleibt Union gefährlich

Union musste auf den verletzten Max Kruse und den gesperrten Robert Andrich verzichten, dafür kam der von Covid-19 genesene Stürmer Marius Bülter in die Startformation. Im Tor gab Trainer Urs Fischer trotz einiger Unsicherheiten in den vergangenen Spielen wieder Andreas Luthe den Vorzug vor Loris Karius, der noch immer auf seinen ersten Bundesligaeinsatz in Berlin wartet. Luthe hatte den Ball noch nicht einmal aus der Nähe gesehen, da führten die Unioner bereits mit 1:0. Eine Ecke von Christopher Trimmel, es war schon die zweite für die Berliner, köpfte Prömel vom kurzen Pfosten aus ins lange Eck. "Wir haben uns das Leben selber schwer gemacht", sagte Bayern-Profi Thomas Müller mit Blick auf das 0:1.

Die Bayern waren sichtlich irritiert und hatten lange Mühe, ins Spiel zu finden. Sie leisteten sich Fehlpässe, beklagten Missverständnisse und hatten kaum Ideen, die kompakt gestaffelten Berliner, die gegen jeden ballführenden Gegenspieler konsequent anrannten, zu überwinden. Musiala war viel unterwegs, eifrig, aber noch nicht in der Lage, dem Spiel das Tempo zu geben, das die Bayern gebraucht hätten.

Erst nach der Pause wird Bayern stärker

Zudem kamen die Unioner immer wieder zu Konterchancen. Taiwo Awoniyi hätte nach 21 Minuten sogar das 2:0 machen können, als er allein vor Manuel Neuer auftauchte und den Ball ganz knapp am Tor vorbeischob. Weitere Gegenstöße endeten bei Davies und Serge Gnabry, die sich dafür jeweils gelbe Karten einhandelten. Vor dem Stadion zündeten einige Unioner Fans ein Feuerwerk, man hörte Fangesänge.

1. FC Union Berlin v FC Bayern Muenchen - Bundesliga

Während des Spiels sah man Feuerwerk am Himmel.

(Foto: Pool/Clemens Bilan - Pool/Getty Image)

Die zweite Hälfte begannen die Bayern zwar erheblich druckvoller. Alaba und Boateng schalteten sich mehr ins Angriffsspiel ein, und vorne wirkte Gnabry zumindest zeitweise etwas energischer. Doch die erste große Chance hatten die Unioner wieder durch Awoniyi, dem nach einer Flanke von rechts ein paar Nummern an der Schuhgröße fehlten, um den Ball ins Tor zu drücken. Etwas später musste sich Boateng mit letztem Einsatz in einen Schuss von Bülter werfen.

Flick brachte Sané für Musiala, das Spiel wurde schneller. Müller, Sané und Pavard schossen zunächst aus verschiedenen Himmelsrichtungen, scheiterten aber noch an Luthes Fäusten oder der vielbeinigen Abwehr. Es bedurfte einmal mehr der Durchschlagskraft von Kingsley Coman, der zunächst die Seiten-, dann die Torauslinie entlang dribbelte und den Ball schließlich Lewandowski am Elfmeterpunkt vorlegte, der in der 67. Minute das 1:1 erledigte.

Luthe rettet gegen Sané auf der Linie

Würde sich nun die Warnung von Union-Trainer Urs Fischer bewahrheiten, der vor dem Spiel gesagt hatte, die Bayern könnten auch gewinnen, wenn sie mal einen schlechten Tag erwischt hätten? Die Chancen zum Sieg waren da, allerdings erst für Union: Marvin Friedrich kam in der 82. Minute nach einer Ecke frei zum Kopfball, zielte aber genau auf Manuel Neuer. In der 89. Minute hätte dann Sané zum Matchwinner werden können. Wieder hatte sich Coman links durchgekämpft, dessen Flanke köpfelte der Nationalspieler aufs Tor, wo Andreas Luthe gerade noch die Hand dranbekam. So wurde ausgerechnet Luthe zum Garanten des Berliner Punktgewinns.

Die Bayern verteidigten mit dem Unentschieden mit Ach und Krach und dank des besseren Torverhältnisses gegenüber RB Leipzig die Tabellenführung - zumindest für eine Nacht, ehe Bayer Leverkusen an die Spitze marschieren könnte. Es wird allerdings eine Nacht sein, in der Grischa Prömel aus lauter freudiger Erregung womöglich schlechter schläft als in den drei Nächten vor dem Spiel.

Zur SZ-Startseite

Lesen Sie mehr zum Thema