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Bayerns Taktik gegen Paderborn:Zu viel Ungewohntes in München

Bundesliga - Bayern Munich v SC Paderborn

Gnabry, Kimmich, Thiago und Neuer nach einem der beiden Ausgleichstreffer des SC Paderborn.

(Foto: REUTERS)
  • Der FC Bayern gewinnt mit 3:2 gegen den SC Paderborn durch einen Treffer von Robert Lewandowski in der 88. Minute.
  • Zuvor patzte Nationaltorwart Manuel Neuer beim zwischenzeitlichen 1:1.
  • Das Experiment mit der ungewohnten Dreierkette geht nicht auf. Trainer Flick kündigt an, dass sie in der Champions League gegen Chelsea keine Option sein wird.

Ein Lachen kann sehr unterschiedliche Bedeutungen haben. Es kann herzlich sein, aber auch höhnisch. Als Manuel Neuer nach dem zittrigen 3:2-Sieg des FC Bayern gegen Paderborn lachte, lautete die klare Botschaft: nein. Es war sozusagen ein verneinendes Lachen. Der Torhüter war gefragt worden, ob die Dreierkette, die sich gegen den Tabellenletzten vor ihm aufgereiht hatte, auch eine Option für das Champions-League-Spiel gegen den FC Chelsea sei.

Neuers negative Haltung dieser taktischen Formation gegenüber war ihm nicht zu verdenken, schließlich war es dem Abstiegskandidaten Paderborn gelungen, zwei Tore gegen den Rekordmeister zu schießen und ihn an den Rand eines Unentschiedens zu drängen. Das spricht nicht gerade für eine sichere Defensive. Nur Robert Lewandowskis zweites Tor in der 88. Minute konnte die Bayern vor einer Blamage bewahren. Der Pole hatte auch zum 2:1 (70.) getroffen, Serge Gnabry war das erste Münchner Tor gelungen (25.). Für Paderborn waren Dennis Srbeny (44.) und Sven Michel (75.) erfolgreich.

Srbeny traf nach einem Patzer von Manuel Neuer. Der Nationaltorhüter hatte sich beim Herauslaufen böse verschätzt. "Es war eine 50:50-Situation", sagte er dazu später, "ich hatte Respekt, den Gegenspieler umzuhauen, weil es sonst einen Platzverweis für mich gegeben hätte. Ich hatte das Gefühl, dass er vor mir an den Ball kommt." Dennoch werde er seine Spielweise beibehalten. "Von 100 Versuchen hat es die letzten 99 Male geklappt. Das gehört zu meinem Spiel dazu, und so etwas passiert nun mal."

Vor seinem "Auf keinen Fall"-Lacher hatte Neuer noch gesagt: "Wir brauchen gar nicht so viel über die Formation oder über die Taktik reden, weil das mehr oder weniger aus der Not heraus geboren wurde." Die Not bestand aus zwei Sperren gegen die Verteidiger Benjamin Pavard und Jérôme Boateng. Um die beiden zu ersetzen, ließ sich Trainer Hansi Flick etwas einfallen, das sich am Ende als zu verwegen herausstellte. Er verabschiedete sich von der etablierten 4-3-3-Formation und stellte auf 3-4-3 um. Rechts in der Abwehr stand Joshua Kimmich, im Zentrum David Alaba und Lucas Hernández links. Die sehr offensiven Außenverteidiger waren Startelf-Debütant Álvaro Odriozola und Alphonso Davies.

Unorthodoxes Abwehrpersonal gepaart mit einem ungewohnten System? Das überforderte dann auch die Bayern. "Sicherlich hatten wir mit der Umstellung ein bisschen Probleme im Spielaufbau", sagte Thomas Müller. Dadurch sei die Zielstrebigkeit Richtung Tor etwas abhandengekommen. Auch Kimmich, der 2017 unter Carlo Ancelotti zuletzt ein Bundesliga-Innenverteidiger gewesen war, sah die Probleme eher auf dem Weg nach vorne: "Wir hatten sehr viel Raum über unsere Außenspieler, die wir immer wieder freispielen konnten. Danach haben wir nicht immer die perfekte Lösung gefunden." Nicht perfekte Lösungen könnte in diesem Zusammenhang als Euphemismus für Ballverluste gedeutet werden. Diese konnten die Paderborner zumindest in der zweiten Hälfte zu respektablen Kontern nutzen.

Kimmich, der in seinen Anfängen bei Bayern taktisch flexibel von Pep Guardiola erzogen wurde, gewann den vielen Änderungen dennoch etwas Positives ab. "Für uns Spieler muss es der Anspruch sein, auch mal auf einer anderen Position und in einem anderen System spielen zu können", sagte der 24-Jährige. Dadurch bleibe man variabel, das mache es den Gegnern schwieriger, sich auf die Münchner einzustellen. "Ich als Spieler begrüße so etwas", sagte Kimmich.

Neben den unfreiwilligen Personalrochaden nutzte Hansi Flick das Spiel gegen den Tabellenletzten zusätzlich, um das Selbstbewusstsein von Corentin Tolisso und Philippe Coutinho aufzupäppeln. Die beiden waren zuletzt selten über die Rolle des Einwechselspielers hinausgekommen, durften diesmal aber von Beginn an spielen. Kingsley Coman und Thomas Müller wurden mit Blick auf das Chelsea-Spiel geschont. Tolisso erfüllte seinen Part gegen den Aufsteiger souverän, während Coutinho wieder manches schuldig blieb. Das bayerische Gesamtkonstrukt wurde durch die Hereinnahme der beiden aber noch etwas wackliger. Es war eine Umdrehung zu viel, die Flick da insgesamt machte.

Mit dem Systemumbruch und den Rochaden ging der Trainer ein großes Risiko ein. Am Ende zahlte es sich mit viel Glück mehrfach aus. Neben den drei Punkten hat Flick Spieler aus der zweiten Reihe bei Laune gehalten. Er weiß, wie wichtig dieser Umstand werden kann, um die anvisierten Ziele zu erreichen. Will er maximalen Erfolg, kann der 54-Jährige es sich nicht leisten, in einem Heimspiel gegen Paderborn nicht zu rotieren. Vor allem dann nicht, wenn in der Champions League ein K.-o.-Spiel ansteht, das auch für ihn von enormer Bedeutung ist.

Auf einer solchen Bühne hat sich Flick noch nicht beweisen müssen. Mit der Nationalmannschaft hat er es bei der WM 2014 zwar zum größtmöglichen Ruhm gebracht, aber dort stand er als Assistent von Joachim Löw weniger im Fokus und in der Verantwortung. Nun ist er Chef - und alle schauen auf ihn. Das Spiel gegen Chelsea ist auch für ihn eine Reifeprüfung. Für ihn und seine über den Sommer hinaus ungeklärte Zukunft ist die Reise nach London vielleicht nicht schicksalsträchtig, aber dennoch die erste Möglichkeit, den Vereinschefs zu zeigen, dass er auch in diesen Spielen bestehen kann.

Es darf aber durchaus als Leistung gesehen werden, dass man nach dem Paderborn-Spiel nicht über ein Remis reden muss. Denn unter Flick hat die Mannschaft ihr unter Niko Kovac abblätterndes Selbstbewusstsein wieder restauriert. "Das Gute, was man für Dienstag mitnehmen kann, ist", sagte Müller, "dass selbst als der Druck hoch war - und das war er sicherlich, wenn es 2:2 steht bis zur 88. Minute -, wir trotzdem gut reagiert haben."

Auch Flick zeigte am Ende seines allzu ambitionierten Experiments die richtige Reaktion. Nach dem Spiel nahm er von der Dreierkette Abstand: "Das hat keine Auswirkungen, dass wir uns überlegen, dass wir so auch gegen Chelsea spielen." Manuel Neuer dürfte beruhigt sein.

© Sz.de/schm
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