Bayern gewinnt beim BVB:Ein Geniestreich reicht

Borussia Dortmund - FC Bayern München

Normalerweise ist Robert Lewandowski der Protagonist im Bayern-Sturm - diesmal sorgte Joshua Kimmich für den Moment des Spiels.

(Foto: dpa)

Dank eines brillanten Kimmich-Hebers und mit ein bisschen Elfmeter-Glück gewinnen die Bayern in Dortmund - und steuern mit sieben Punkten Vorsprung auf die Geistermeisterschaft zu.

Von Christof Kneer

Da war es wieder, endlich, wie lange hatte man das nicht mehr gehört! "Druck" sagte Oliver Kahn, wie früher, als er noch wie ein Höllenhund sein Tor bewachte, "Druck" mit hellem badischen "u". In voller Schönheit ging der Satz so: "Der ganz große Druck liegt beim BVB", sagte Kahn in seiner Eigenschaft als Vorstandsmitglied des FC Bayern vor dem deutschen Klassiker in Dortmund. Schön war auch dieser Satz: "Meine Lieblingsschlagzeile nach dem Spiel wäre: 'Die Meisterschaft ist vorentschieden.'" Anzumerken wäre, dass es sprachlich betrachtet vermutlich griffigere Schlagzeilen gäbe, aber man wusste ja, was Kahn meint: Mit einem Sieg wäre der FC Bayern den Dortmundern um sieben Punkte enteilt - aber kaum hatte Kahn diesen Satz gesagt, musste Bayerns Verteidiger Jérôme Boateng schon auf der Linie retten. In der ersten Spielminute.

Der BVB war steil in dieses Spitzenspiel gestartet, kurz nach dem Anpfiff spielte BVB-Stürmer Erling Haaland schon direkt nach vorne, Manuel Neuer musste gleich aus seinem Tor stürzen, um vor Thorgan Hazard zu retten, den Abpraller brachte Haaland aufs Tor - in dem dann aber Boateng stand. Es war der knackige Beginn eines Spiels, in dem die Bayern den BVB erst mal machen ließen, bevor sie beschlossen, ihrerseits die Kompetenz eines Tabellenführers ins Spiel einzubringen. Am Ende gelang es seriösen Bayern, sich dank eines verdienten 1:0-Sieges den von Kahn erwünschten Sieben-Punkte-Vorsprung zu erarbeiten. Sehr greifbar sind nun zwei Titel auf einmal: die achte Meisterschaft in Serie und die erste Geistermeisterschaft.

"Jetzt entscheiden nur noch die Bayern, was passiert", sagte BVB-Kapitän Mats Hummels nach dem Spiel bei Sky ziemlich frustriert. Bayern-Torwart Manuel Neuer nannte den Sieg, erkennbar weniger frustriert, "ein ganz wichtiges Zeichen".

Eine verklausulierte Rücktrittsankündigung von Favre?

In Dortmund könnte nun jene Diskussion an Fahrt aufnehmen, die es intern und extern schon eine Weile gibt: jene, ob Trainer Luciens Favre bei aller Versiertheit auch wuchtig genug ist, um einen begabten Kader zum Titel zu trimmen. Favres Reaktion auf eine solche Frage ließ nach Schlusspfiff aufhorchen: "Das sagt man hier seit Monaten", sagte er mit gequältem Lächeln, "ich lese nicht die Zeitung, aber ich weiß, wie es geht. Ich werde darüber in ein paar Wochen sprechen." Eine verklausulierte Rücktrittsankündigung?

Bayern gewinnt beim BVB: Im Land der untergehenden Sonne zeigt sich Hansi Flick im Duell der Trainer gegen Lucien Favre weitsichtig.

Im Land der untergehenden Sonne zeigt sich Hansi Flick im Duell der Trainer gegen Lucien Favre weitsichtig.

(Foto: AFP)

Was den Rivalen aus München auszeichnet, zeigt derweil die vergleichende Lektüre von zwei Aufstellungen. Trainer Hansi Flick hatte seine Startelf in Dortmund auf einer Position verändert, und zwar nicht nur im Vergleich zum 5:2 gegen Frankfurt (Serge Gnabry spielte für Ivan Perisic). Vor allem war es mit einer Ausnahme auch die gleiche Elf wie im Hinspiel im November, bei Flicks erstem Spiel als Chef. Damals spielte Javi Martínez statt Boateng, ansonsten lief damals dieselbe Zehn auf wie jetzt, ein halbes Jahr und eine Corona-Pause später, im unheimlich leeren Stadion des BVB. Ein Bayern-Trainer soll rotieren? Kann schon sein, dass er das soll. Flick macht das aber nicht, oder zumindest: kaum. Als er die Nachfolge von Niko Kovac antrat, hat er einer verunsicherten Elf Sicherheit gegeben, in dem er dieselben Spieler mit demselben Auftrag an dieselbe Stelle des Platzes stellte.

Tatsächlich wirkt das Spiel der Münchner seitdem sehr stabil, aber in Dortmund sah man den Münchnern in jeder Spielsekunde an, dass sie wussten, welch hochwertiger Gegner ihnen da gegenüberstand. Der BVB ist Bayerns neue Champions League, die Dortmunder sind die ultimative Herausforderung für diese an historischen Maßstäben gemessen doch recht junge Bayern-Elf. Vorige Woche hatte Flick seine manchmal zur Nonchalance neigenden Schützlingen demonstrativ auf den Ernst der Lage hingewiesen, indem er ein Training abbrach, das ihm nicht gefallen hatte. Eine Härte, die seine Spieler durchaus überraschte - in Dortmund starteten die Bayern mit erheblicher Seriosität, was in selbem Maße für den BVB galt. Eines war beiden Mannschaften von Beginn an bewusst: dass jeder Fehler der eine entscheidende Fehler zu viel sein kann.

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