Euroleague:Große Augen

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Euroleague: Freddie Gillespie (re.) muss sich erst noch an die harte Gangart des europäischen Basketballs gewöhnen. Hier wird er von Bolognas Kyle Weems bearbeitet.

Freddie Gillespie (re.) muss sich erst noch an die harte Gangart des europäischen Basketballs gewöhnen. Hier wird er von Bolognas Kyle Weems bearbeitet.

(Foto: Michele Nucci/Independent Photo Agency/Imago)

Die Basketballer des FC Bayern kämpfen auch in Bologna mit Abstimmungsproblemen und verlieren nach einer kämpferischen Leistung knapp 63:66. Am Sonntag im Pokal-Achtelfinale in Bamberg stehen die Münchner unter Druck.

Von Ralf Tögel

Es gibt angenehmere Aufgaben, als sich mit dem Basketballtrainer Andrea Trinchieri nach einer Niederlage seines Teams über das Spiel zu unterhalten. Der FC Bayern hatte gerade bei Virtus Bologna die zweite Niederlage im zweiten Euroleague-Spiel einstecken müssen, Trinchieri stand zu dem von der Liga geforderten Statement bereit. Woran es denn gelegen habe, wurde er vom Reporter gefragt, und gerade, als der Italiener zur Antwort ansetzen wollte, schob der nach, dass das Spiel im finalen Viertel ja bereits verloren zu sein schien. Keine gute Idee, umgehend verfinsterte sich Trinchieris Miene, und er antwortete mit einer Gegenfrage: "Wieso schon verloren?" Wie er nur darauf komme, entgegnete der FCB-Cheftrainer giftig, um den Reporter zu belehren, dass Basketball ein Sport sei, in dem man "mal zehn Punkte hinten, mal zehn Punkte vorne ist". Die folgende Analyse fiel entsprechend knapp aus: Sein Team habe gegen einen physischen Gegner gut dagegengehalten, es lediglich im letzten Viertel für ein paar Momente verpasst, der hohen Energie der Italiener wirksam zu begegnen.

Alles richtig, auch die Feststellung, dass Basketballspiele erst nach der Schlusssirene entschieden sind. Bologna war mit einem 16:0-Lauf, der Ende des dritten Viertels begann und sieben Minuten vor Ende der Partie durch einen Dreier Vladimir Lucics beendet wurde, auf 64:51 weggezogen, aber: "Wir waren klar hinten, sind zurückgekommen und haben es nochmals eng gemacht." Denn entschwand Trinchieri in die Kabine. Letztlich blieb ein 63:66 und die Erkenntnis, dass "wir viel zu verbessern haben".

Auch das ist die Wahrheit, denn die Münchner präsentierten sich erneut in einer Verfassung, in der sie über die K.-o.-Runde in der europäischen Königsklasse, die sie zuletzt verlässlich gebucht hatten, nicht nachdenken müssen. Zu fehlerhaft war das Spiel, zu verunsichert agierten die Spieler, zu miserabel war die Wurfquote. Dabei waren die Distanzwürfe der Münchner nicht das Problem, knapp 39 Prozent Treffer sind ein passabler Wert. Dass allerdings gerade mal sieben von 29 Versuchen aus den Nahdistanz ins Ziel fanden, ist miserabel.

Wie jede Saison: Die Vorbereitungszeiten sind kurz, die Teams müssen sich erst finden

Gleichwohl kommt all dies nicht verwunderlich, denn Trinchieri muss einmal mehr damit klarkommen, dass sich sein Team erst finden muss. Die Vorbereitungszeit ist sowieso kurz. Zwar kamen die USA-Importe diesmal sogar einigermaßen früh, dafür fehlten die Nationalspieler in dieser neuralgischen Phase wegen der EM. Wenig verwunderlich hapert es im Zusammenspiel, so suchen etwa die beiden Auswahl-Serben Ognjen Jaramaz und Vladimir Lucic noch nach ihrer Normalform.. Lucic war immerhin mit 15 Punkten zweitbester Werfer. Dass der Routinier Verantwortung scheute und mehrmals den freien Dreierwurf verweigerte, ist aber ungewöhnlich. Auch der deutsche Nationalspieler Andreas Obst hinkt noch hinter seiner EM-Galaform hinterher. Sein Nationalteam-Kollege Nick Weiler-Babb immerhin war mit 16 Punkten bester Münchner.

Ebenso augenscheinlich sind die Eingewöhnungsprobleme der beiden Zugänge aus Übersee auf höchster europäischer Ebene. Spielmacher Cassius Winston hatte zwar gute Szenen, aber auch schmerzhafte Ballverluste. Center Freddie Gillespie war des Öfteren mit großen Augen zu sehen, als er etwa Anweisungen seines Kapitäns Lucic lauschte. Dass diese Akteure allesamt formidabel Basketball spielen können, ist unbestritten, sie bringen es allerdings noch nicht orchestriert auf die Platte.

Auch Bologna ist weit von der Bestform entfernt, Zeugnis sind 19 Ballverluste

Was im Übrigen auch für den Gegner galt: Der Serbe Milos Teodosic etwa, der trotz seines reifen Alters von 35 Jahren nach wie vor als ein Ausnahme-Spielmacher gilt, produzierte haarsträubende Fehlpässe in Serie. Der 16-malige italienische Meister hat sich als Eurocup-Sieger die Teilnahme an der kontinentalen Königsklasse verdient - und seinen ohnehin prominent besetzten Kader weiter verstärkt. An diesem Abend produzierte diese Ansammlung von Topspielern aber 19 Ballverluste.

Womit man beim wohl größten Ärgernis des Abends aus Sicht der Bayern war. Denn in dieser frühen Saisonphase sind viele Spitzenteams aus angeführten Gründen weit entfernt von ihrer Bestform, ein Sieg in Bologna war also trotz der eigenen Schwierigkeiten möglich. Zumal sich die Bayern kämpferisch tadellos präsentierten, eine typische Eigenschaft von Trinchieri-Teams, der seine Defense auch als "solide" bezeichnete. Für den Angriff konnte man das nicht behaupten. Das sollte sich schnell ändern, denn die Aufgaben im internationalen Wettbewerb werden nicht einfacher. In der kommenden Woche gastieren in Barcelona (Dienstag) und Mailand (Donnerstag, jeweils 20 Uhr) zwei Titelkandidaten.

Aussichtsreicher erscheint die Partie am Sonntag (18 Uhr) in Bamberg, wo die Münchner zum Pokal-Achtelfinale gastieren. Die Oberfranken haben zwar in der Bundesliga mit drei Niederlagen (im Gegensatz zu den Bayern, die ihre drei Partien gewannen) einen Fehlstart hingelegt, gehen aber mit dem Rückenwind eines Sieges im internationalen Geschäfts aufs Parkett. Im Fiba Europe Cup, der im europäischen Vergleich als viertklassig anzusehen ist, gewann Brose mit 89:85 bei den Niners Chemnitz.

Während eine Niederlage im ersten K.-o.-Spiel der Saison für den Meisterschaftsfavoriten aus München ein herber Rückschlag wäre, ist es für Bamberg die Chance, einen vermeintlich übermächtigen Gegner zu düpieren, der noch nach seiner Form sucht.

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