Erster Tag der Australian Open:"Was zur Hölle geht hier vor?"

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Erster Tag der Australian Open: Yannick Hanfmann nach seinem Sieg über den Australier Thanasi Kokkinakis.

Yannick Hanfmann nach seinem Sieg über den Australier Thanasi Kokkinakis.

(Foto: James Ross/dpa)

Am Tag eins nach dem Drama um Djokovic wird bei den Australian Open tatsächlich Tennis gespielt. In bester Atmosphäre überzeugt vor allem der Deutsche Yannick Hanfmann. Alexander Zverev indes hadert trotz eines Sieges.

Von Gerald Kleffmann

An diesem Montagmorgen, an dem tatsächlich einige Wölkchen die Frechheit besaßen, es sich über der Stadt Melbourne gemütlich zu machen, eröffnete der Fernsehsender 9News den Tag mit ungewöhnlichen Bildern. Es wurden keine Menschen gezeigt, die vor einem heruntergekommenen Hotel protestierten und Schilder mit Aufschriften wie "Free Novak" hochhielten. Auch nicht Richter und Anwälte, die sich in einer Online-Verhandlung gegenübersaßen. Tennisfans waren zu sehen. Omis mit Rucksäcken, Kinder mit Fähnchen, und einmal waren auch Männer zu bestaunen, die sich als Power Rangers verkleidet hatten und herrliche Posen zum Besten gaben.

Am Tag eins nach dem Drama um Novak Djokovic, das damit endete, dass der Weltranglisten-Erste das Land aufgrund des endgültig kassierten Visums wieder verlassen musste, fingen die Australian Open in fröhlicher Stimmung an. "Endlich wieder Tennis, ich bin nicht hier wegen Politik", sagte eine Dame dem 9News-Reporter noch.

Der Tennissport meldete sich also zurück, das war für die Sympathisanten und Liebhaber dieser Wettbewerbe nach Tagen, an denen es um missachtete Covid-Regeln, Gerichtsdokumente und Schuldzuweisungen ging, eine gute Nachricht. Aber auch für die Profis. Viele hatten zuvor geklagt, das Dauertheater um Djokovic habe zu viel, zu lange Aufmerksamkeit absorbiert. Zwar durfte nur die Hälfte der eigentlich vorgesehenen Zuschauer auf die Anlage am Yarra River. Aber einen Kaltstart erlebte das erste Grand-Slam-Turnier deshalb wahrlich nicht. Die Australier verstehen es, auf nette Art Rabatz zu machen, so wurde auch der Deutsche Yannick Hanfmann gleich mittenrein in die brodelnde Atmosphäre geworfen.

Gegen Nadal will Hanfmann diesmal eine anderen Plan verfolgen

Court 3, ein enger Kessel, dann ein Duell mit dem heimischen Liebling Thanasi Kokkinakis - später, als sich Hanfmann als Sieger den Medien präsentierte, sollte er auch sagen: "Ich habe immer noch diese Bilder im Kopf, und die sind echt schön, und ich werde es auch nie vergessen, das Match."

Seine Partie war gleich ein Beispiel dafür, wie die Australian Open im Idealfall aussehen. "Ich ging auf den Platz und fragte Thanasi, was zur Hölle geht hier vor?", berichtete Hanfmann. 30 Jahre alt ist er inzwischen, die Nummer 126 der Weltrangliste, in dieser Region bewegt sich der Karlsruher, der in München an der Tennis-Base trainiert, seit längerem. Er war schon mehrmals bei Grand-Slam-Turnieren - einen solchen "ohrenbetäubenden Lärm" habe er noch nie wahrgenommen, schon gar nicht "in einer ersten Runde". Dazu muss man wissen: Hanfmann ist schwerhörig. Beim Interview bat er auch die Reporter darum, die Masken bei den Fragen kurz abzunehmen, er kann dann die Lippenbewegungen sehen und so besser verstehen.

Erster Tag der Australian Open: Hatte Schwierigkeiten mit einem couragierten Gegner: Alexander Zverev.

Hatte Schwierigkeiten mit einem couragierten Gegner: Alexander Zverev.

(Foto: BRANDON MALONE/AFP)

Kurz hatte ihn diese Stimmung beeindruckt, aber dann lief es immer besser. "Ich habe das heute echt gut unter Kontrolle gehabt", sagte er, "ich weiß nicht, was perfekte Tage sind, aber das war ein sehr schöner Tag." Mit 6:2, 6:3, 6:2 hatte er, als Qualifikant ins Hauptfeld gelangt, gewonnen - und damit natürlich den Australiern einen Stich ins Herz versetzt. Der hochtalentierte Kokkinakis, der immer noch erst 25 ist und schon mal Roger Federer bezwang, hatte in seiner Karriere aufgrund von Verletzungen häufiger gefehlt als gespielt. In der Woche zuvor errang er in seiner Geburtsstadt Adelaide seinen ersten ATP-Titel, Tränen flossen. Doch selbst die grölenden Kohorten konnten ihm an diesem Nachmittag nicht helfen. Kokkinakis wirkte müde nach dem Trubel um ihn, Hanfmann hingegen aufgeräumt und gnadenlos.

Im Drehbuch geht es für Hanfmann nun gleich mit einem anderen Extrem weiter, ein 20-maliger Grand-Slam-Sieger ist am Mittwoch sein Gegner. Vorfreude auf Rafael Nadal? Da schnaufte er durch. "Er schafft es schon, dass man sich ein bisschen blöd fühlt auf dem Court manchmal. Er hat so ein unangenehmes Spiel als Linkshänder", erklärte Hanfmann, der aus Erfahrung berichten konnte. 2019, Paris, Roland Garros, erste Runde, da stand er dem Spanier gegenüber. "Ich habe das vergangene Mal gesagt, ich geh da rein, um zu gewinnen", erzählte er und schmunzelte. Ja, das war kühn damals. 2:6, 1:6, 3:6 endete das Gemetzel.

Traumatisiert ist Hanfmann deshalb nicht, aber sieht die Begegnung realistischer und meinte: "Vielleicht sage ich diesmal: Fünf Spiele in einem Satz sind vielleicht schon mal ganz gut." Er hoffe auf "ein paar geile Bälle" und "ein, zwei enge Sätze". Nadal, 35, war vor ihm mit einem souveränen 6:1, 6:4, 6:2 gegen den Amerikaner Marcos Giron in die zweite Runde eingezogen.

Für Andrea Petkovic war es "ein schrecklicher Tag"

Dort stehen drei weitere deutsche Männer. Alexander Zverev ist nun, nach dem Aus Djokovics, der neunmal in Melbourne triumphiert hat, neben dem Russen Daniil Medwedew noch etwas mehr in die Favoritenrolle gerückt. Richtig locker agierte er noch nicht im Duell mit Daniel Altmaier. Zeitweise sah man beim 7:6 (3), 6:1, 7:6 (1) nicht viele Unterschiede zwischen einem Weltranglisten-Dritten und der Nummer 87., auch, weil Altmaier couragiert spielte. Zverev räumte ein: "Es war ein Erstrundenmatch bei einem Grand Slam im Januar, da kann ich nicht perfekt spielen." Noch vor der Pressekonferenz ging Zverev auf den Platz und trainierte Aufschläge. Er wollte sich auch noch mehr an das Flutlicht gewöhnen, meinte er. In der nächsten Runde könnte es dem 22-Jährigen ergehen wie Hanfmann - der Gegner dürfte die deutlich größere Unterstützung erhalten, denn John Millman ist Australier, einer der nettesten dazu. Auch er bezwang übrigens mal Federer, in einer legendären Hitzeschlacht bei den US Open.

Dominik Koepfer, 27, der im US-College gestählte Linkshänder, auf einem vorzüglichen 53. Weltranglistenplatz geführt, besiegte den Spanier Carlos Taberner (ATP-108.) mit 6:1, 3:6, 6:4, 6:1. Der gebürtige Schwarzwälder trifft nun auf den amerikanischen Aufschlaghünen Reilly Opelka. Und der Kölner Oscar Otte setzte sich gegen Tseng Chun Hsin (Taiwan) 6:4, 6:3, 6:2 durch.

Verloren haben derweil Peter Gojowczyk (3:6, 3:6, 3:6 gegen den Franzosen Benjamin Bonzi) und Tatjana Maria (4:6, 6:7 gegen die Griechin Maria Sakkari) - wie auch Andrea Petkovic, die schwer enttäuscht war nach dem 0:6, 2:6 gegen die French-Open-Siegerin Barbora Krejcikova. "Einfach ein schrecklicher Tag für mich", sagte die 34-Jährige: "Ich habe die letzten zwei Monate sehr gut gespielt und heute keinen Ball getroffen." Petkovic und Maria können aber dennoch in Melbourne bleiben und sich an der Atmosphäre erfreuen, beide werden im Doppelwettbewerb der Frauen mitspielen, Petkovic mit der Rumänin Jaqueline Cristian, Maria mit der Amerikanerin Madison Brengle.

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