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Anti-Doping-Kampf nach der Ära Armstrong:Runter vom Sattel

UCI-Chef McQuaid sieht die Dopingprobleme vorwiegend in der Vergangenheit. Dabei sind noch viele aktiv, die der Ära Armstrong angehörten. Doch was kann den Männer-Radsport retten?

Sylvia Schenk

Die Juristin Sylvia Schenk, 60, war erfolgreiche Leichtathletin und von 2001 bis 2004 Präsidentin des Bundes Deutscher Radfahrer. Im Streit um mehr Transparenz im Verband trat sie vom Amt zurück.

(Foto: dpa)

Vergessen wir Lance Armstrong und gehen zur Tagesordnung über - so einfach scheint es aus Sicht des Präsidenten des Internationalen Radsportverbandes (UCI), Pat McQuaid, zu sein. Zwar gestand er in der Pressekonferenz der UCI am Montag ein, dass der internationale Radsport in seiner schwersten Krise steckt. Die Dopingprobleme aber sah er vorrangig in der Vergangenheit. Heute habe sich die Kultur im Radsport geändert, die Ära Armstrong liege in grauer Vorzeit.

Soll das alles gewesen sein? Haben die anderen Radfahrer plötzlich mit dem Doping aufgehört, als Lance Armstrong Ende 2005 ausstieg? Immerhin sind auch heute noch viele aktiv, die der Ära Armstrong angehörten - Alexander Winokurow, 2005 Zweiter hinter Armstrong und 2007 bereits mit einer Dopingsperre belegt, wurde Ende Juli Olympia-Sieger im Straßenrennen von London. Und wie war das 2010 mit dem Sieger der Tour de France, Alberto Contador? Auch ihm wurde zwischenzeitlich der Titel wegen Doping aberkannt.

Eine neue Kultur mit dem alten Personal? Das kann nicht funktionieren, nicht bei den aktiven Radfahrern, nicht bei den sportlichen Direktoren der Teams - der Tour-de-France-Sieger von 1996, Bjarne Riis, hat die Einnahme von EPO während seiner Karriere gestanden und ist jetzt Leiter des Teams Saxo Bank. Auch nicht bei den Funktionären an führender Stelle. Das wäre so, als hätte die Siemens AG nach dem großen Korruptionsskandal Ende 2006 sämtliche Vorstandsmitglieder im Amt gelassen und hätte nie nachgefragt, wer im Unternehmen alles bei den schwarzen Kassen mitgemacht hat; die überführten Täter wären dann nach Absitzen ihrer Strafe wieder eingestellt worden.

Die UCI und die Tour de France stehen vor den Trümmern ihrer Sportart. Der Fall Armstrong ist nur die Spitze des Eisbergs. Er enthüllt die verrottete Moral eines Closed Shop im Männer-Radsport, in dem Doping seit Jahrzehnten dazugehört hat. Dort hat sich ein eigenes Rechtsbewusstsein entwickelt: Doping ist, wenn eine positive Probe vorliegt. Verbotene Substanzen zu schlucken ist dagegen Teil des Systems. In diesem Sinne kann Jan Ullrich bis heute behaupten, er habe niemanden betrogen.

Betrug bei der Tour de France 1999 bis 2005

Armstrongs gedopte Rivalen

Ein solches System ändert man nicht, indem Dopinganalysen verfeinert oder ein Blutpass eingeführt werden. McQuaid streut sich und anderen Sand in die Augen, wenn er behauptet, die damaligen Möglichkeiten hätten kein anderes Vorgehen der UCI gegenüber Armstrong zugelassen.

Halten wir uns an die Fakten: Nach Aussagen des Leiters des Anti-Doping-Labors Lausanne, Martial Saugy, vom 21. Oktober 2012 gab es von Armstrong 2001 und 2002 je eine "verdächtige Probe". Dies sei der UCI damals bekannt gewesen, sie habe darüber mit dem Athleten gesprochen. Eine verdächtige Probe ist kein Dopingnachweis, aber ein wichtiger Grund, misstrauisch zu sein gegenüber einem Athleten, der alle anderen überragt. 2004 wurde bekannt, dass Armstrong der UCI Geld gespendet hat; seitdem haben der damalige UCI-Präsident Hein Verbruggen und McQuaid widersprüchliche Versionen geliefert, wie viel Geld in wie vielen Zahlungen wann und wie von Armstrong an die UCI gegangen ist. Dokumente wurden nie vorgelegt. Dabei müsste es doch ein Leichtes sein, Bankauszüge zu veröffentlichen.

Die jahrelange Geheimniskrämerei der UCI bei den Geldzahlungen in Verbindung mit den verdächtigen Proben von Armstrong zerstört jegliche Glaubwürdigkeit. Die Entgegennahme von Geld - noch dazu unter dubiosen Umständen - von Verdächtigen war auch schon in den Jahren bis 2005 eine unentschuldbare Vorgehensweise. McQuaid kann sich und andere daher nicht mit dem Verweis auf alte Zeiten exkulpieren.

Das Mindeste, was jetzt passieren muss, ist eine unabhängige Untersuchung der möglichen Verquickung führender Personen der UCI mit dem Dopinggeschehen rund um Armstrong. Schon vor dem Ergebnis einer solchen Untersuchung muss sich allerdings Verbruggen fragen lassen, ob er angesichts der bereits vorliegenden Fakten als Präsident der Vereinigung der internationalen Sportverbände, Sport-Accord, weiterhin in der Lage ist, sich für Good Governance im Sport einzusetzen.

Darüber hinaus ist eine grundlegende Reform der UCI (vielleicht gilt dies aber auch für andere internationale Sportverbände) im Hinblick auf Transparenz und insbesondere den Umgang mit der Dopingproblematik nötig. Dies sollte ebenfalls durch eine unabhängige Kommission geschehen, damit Vertrauen in den Prozess entstehen kann.