Abseitige Fakten zur Champions League Nervöse Flucht vor dem Wunder

Hans-Joachim Watzke versteckt sich vor Spielende auf der Toilette, Neven Subotic macht It-Girls neidisch und Mario Götze wird von einem Ordner getröstet. Vom Final-Einzug der Dortmunder in die Champions League bleibt weit mehr hängen als die emotionale Schlussphase in Madrid.

Von Saskia Aleythe

Am Ende konnte nicht mal der König helfen. Als die späten Tore im Estadio Santiago Bernabéu fielen, die Spanier noch an ihr Wunder glaubten und die Dortmunder sich den Schlusspfiff herbeisehnten, war der Platz von Hans-Joachim Watzke schon leer. Dabei hatte der Geschäftsführer von Borussia Dortmund noch in der Halbzeit von seinem Sitznachbarn König Juan Carlos geschwärmt: "Der König hat immer meine Hand gehalten, das war das Schöne dabei. Er hat mich immer beruhigt, denn die ersten 20 Minuten waren wir ja massiv unter Druck."

Es war zu viel der Aufregung für Watzke, er verzog sich auf die Toilette und hielt sich die Ohren zu. Eine Szene, wie sie in einem Psycho-Thriller kaum authentischer daherkommen könnte. Dass für Dortmund doch noch alles gut ausgegangen sein muss, merkte Watzke später daran, dass ein größeres Beben des Stadions ausblieb. Abseits der spektakulären Schlussphase und Watzkes präventivem Rückzug angesichts drohender Herzkasper-Gefahr bleiben noch weitere Sachen vom Halbfinale zwischen Real Madrid und Borussia Dortmund in Erinnerung:

Hingucker des Abends: Individualität im schwarzen Anzug zu zeigen, ist eine schwierige Sache. Jens Lehmann aber weiß, was Mann tun kann: mit der Krawatte punkten. Im TV-Studio zu Tisch mit Ex-Bundesliga-Kollegen wie Christoph Metzelder oder Karl-Heinz Riedle führte Lehmann die rot-schwarz-gestreifte Strick-Krawatte vor. Oder war es ein besonders raffiniert gebundener Schal? Hat auf jeden Fall Potential zur Nachahmung. Lehmann musste die Aufmerksamkeit nach der Partie allerdings mit mittelalterlich verkleideten Damen teilen, die Trinkkelche an den Tisch brachten. Den verstörenden Zwischenfall löste Moderator Michael Leopold erst nach einer gefühlten halben Stunde auf, es handelte sich schlicht um Werbung für eine US-Fernsehserie. Stilistisch eher eine Aktion der Marke "Holzhammer". Auf dem Platz boten weder Kelche noch Krawatten einen Hingucker, sondern Neven Subotic: In der achten Minute sorgte eine Rutschpartie auf dem Rasen für einen Po-Blitzer, der in seiner Vollkommenheit jedem It-Girl imponieren dürfte.

Mysterium des Abends: Sowohl José Mourinho als auch Robert Lewandowski geben bezüglich ihrer Zukunftsgestaltung mal größere, mal kleinere Rätsel auf. Mourinhos Abschied von Real Madrid scheint genauso sicher wie Lewandowskis Abschied von den Dortmundern. Als Jürgen Klopp seinen umworbenen Stürmer in der 87. Minute auswechselte, tätschelte Mourinho Lewandowski den Rücken. Fast zu anständig für den Portugiesen, um nur eine Geste des Respekts zu sein. Perfektes Futter für Spekulations-Geier?

Verschwörungstheorie des Abend: Für Borussia Dortmund hätte der Abend leicht ganz anders ausgehen können und vielleicht wäre dann ein Foto eines findigen Twitterers in den Fokus gerückt:

Zu sehen: Real-Keeper Diego López, der den Ball mit der Hand aufnimmt, wobei unklar ist, ob das vor oder hinter der Strafraumlinie passiert. Aus dieser Perspektive schlecht zu erkennen, geahndet hätte das Howard Webb sicher ohnehin nicht. In mancherlei Hinsicht agierte der Schiedsrichter schließlich ziemlich großzügig.

Bild des Abends: Robert Lewandowski gab per Twitter nicht nur einen Einblick in die Flugzeugkabine auf dem Weg nach Madrid, er lieferte nach dem Spiel auch exklusive Umkleide-Stimmung. Frisch gemacht und mit Jubel-T-Shirt, Aufdruck: "Wembley Calling". Mehr brauchte der BVB-Fan wohl nicht für einen glücklichen Schlaf.

Tweet des Abends: Die Kollegen der Spox-Redaktion waren am Dienstagabend ziemlich gut drauf, was sie auch bei Twitter auslebten. Freunde von Kevin Großkreutz scheinen sie allerdings eher keine zu sein. Außer, sie stehen mehr auf Buletten als auf Kaviar:

Die zahlreich vergebenen Gelegenheiten lassen da auch schon mal ein Schluss auf die Metaebene des Fußballspiels an sich zu:

Und zum Schluss lieferte ProSiebens Elton-TV-Gespiele Simon Gosejohann einen (vielleicht zu) tiefen Einblick in seine Gefühlswelt:

Spruch des Abends: Es ist ja nicht so, dass Jürgen Klopp einen besonderen Anlass bräuchte, um sich auf den Olymp der Sprücheklopfer zu begeben. Animiert hat ihn der Finaleinzug dann aber doch: "Ich werde gemütlich ein Bierchen im Hotel trinken. Wenn ich der Mannschaft jetzt nicht gestatte, auszugehen, bin ich ja ein Vollhorst." Außerdem geistert ein Satz von Neven Sobtic durchs Internet:

Akustisches Highlight: Für Dortmund-Fans auf jeden Fall das vereinseigene Netradio. Emotional wird's dabei garantiert, objektiv auf jeden Fall nicht. Gute Boxen und/oder unempfindliche Ohren vorausgesetzt, konnte man am Dienstagabend dann mit Kommentaren wie "Ausgerechnet Ramos, der hätte meinetwegen schon vom Platz fliegen können" oder "Ganz Dortmund braucht jetzt Baldrian" verköstigt werden. Wild war auch im Radio die Schlussphase: "Pfeif endlich ab, pfeif endlich ab, Howard pfeif ab!", dröhnte es da in der 95. Minute, und noch stärker: "Pfeif jetzt endlich das Spiel ab, hast du sie nicht mehr alle?"

Nervösling des Abends: Der Job des Balljungens ist eine aufregende Sache, vor allem in einem Halbfinale der Champions League. Zwar kommt er nicht über den Status eines Komparsen hinaus, dennoch gibt es viele Chancen, unangenehm aufzufallen - und dann gucken Millionen Menschen zu. Entscheidend ist vor allem das Timing: Wann den Ball werfen, wenn das letzte Spielgerät gerade Richtung Tribüne düst? Am Dienstagabend kullerten öfter gleich mehrere Ersatzbälle auf den Rasen, nach dem Motto: "Alles muss raus!" Den Madrilenen haben die hektischen Helferlein damit bekanntlich nicht geholfen.

Oooooch-Moment des Abends: Herzergreifend war das schon: Da spielt sich deine Mannschaft gerade fast um Kopf und Kragen und du musst auf der Bank passiv mitleiden. Mario Götze und Sven Bender traf dieses Los, beide ereilte auf dem Platz eine Verletzung. Als Götze nach einer Viertelstunde sichtlich bedröppelt in die Katakomben stieg, streichelte ihm der Ordner aufmunternd den Rücken. Keine große Geste, im Auswärts-Stadion aber mit Sicherheit nicht üblich. Auch so kann Fußball sein.