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Abfahrt in Kitzbühel:Wächter der Streif kalkulieren eiskalt

Einer der schwer verletzten Ski-Rennläufer auf der Streif: der Norweger Aksel Lund Svindal

(Foto: Joe Klamar/AFP)

Erst nach 30 Startern wird die Abfahrt in Kitzbühel abgebrochen - genau 30 Starter braucht es, damit das Rennen gewertet werden kann. Solches Kalkül ist den Organisatoren vorzuwerfen.

Wimbledon, Monte Carlo, der Kulm: An manchen Orten wird schon so lange Sport getrieben, dass sie zum Synonym wurden für sportliche Großereignisse. In Wimbledon wird Tennis immer noch in Weiß gespielt. An den meisten anderen Orten aber speist sich ihr besonderer Reiz aus einer besonderen Gefahr, die mit ihnen verbunden ist. Das Autorennen in Monte Carlo ist so prickelnd, weil die Leitplanken nirgendwo näher an der Ideallinie stehen. Und wenn die Skiflieger auf die riesige Schanze am Kulm klettern, dann beschleicht nicht nur sie ein flaues Gefühl. Auch die Betrachter wissen: Was kommt, ist ungewöhnlich, weil es so unglaublich weit hinunter geht.

Streif: Drei Top-Fahrer, drei Stürze, drei ernste Verletzungen

Der alpine Skisport kennt gleich drei besondere Stätten: Wengen, Kitzbühel, Garmisch. Die drei Orte in den Wintersportnationen Deutschland, Österreich und der Schweiz wurden zu Klassikern, weil es auf ihren Abfahrten besonders rasant bergab geht. Kaum Tore, einfach so schnell wie möglich die Falllinie hinab: Die Abfahrt ist die waghalsigste Disziplin, die "Königsdisziplin", wie es immer noch gerne heißt. Am Samstag stürzten in Kitzbühel auf der berüchtigten Streif nun gleich mehrere Könige. Der Norweger Aksel Lund Svindal, der Führende im Gesamtweltcup, riss sich das Kreuzband und einen Meniskus. Der Österreicher Hannes Reichelt, 2015 Super-G-Weltmeister, erlitt eine Knochenstauchung, sein Landsmann Georg Streitberger ebenfalls einen Kreuzbandriss.

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Die brutalste Abfahrt der Welt in Kitzbühel fordert prominente Opfer. Am Ende siegt überraschend der Südtiroler Peter Fill. Für Aksel Svindal ist die Saison beendet.

Drei Top-Fahrer, drei brutale Stürze, drei ernst zu nehmende Verletzungen: Das wirft Fragen auf. Wobei die größte Frage am einfachsten zu beantworten ist: Ja, der alpine Skisport ist gefährlich. Aber nein, er ist nicht so gefährlich, als dass man aus ihm keinen sportlichen Wettbewerb ableiten dürfte. So schrecklich die Bilder auch waren - Abfahrtsrennen prinzipiell infrage zu stellen, ist übertrieben. Auch künftig werden sich genug Unerschrockene finden, die sich steile Pisten hinabstürzen, und im Tal werden sich genügend Schaulustige versammeln, um ihnen Applaus zu spenden. Wagemut ist eben verlockend.

Der Zeitpunkt des Abbruchs ist den Organisatoren vorzuwerfen

Diese Erkenntnis darf aber nicht als Freifahrtsschein verstanden werden. Jeder Fall muss einzeln betrachtet werden. Vor jedem Rennen müssen sich die Veranstalter fragen: Ist die Piste wirklich optimal präpariert? Haben wir genügend Fangzäune aufgestellt? Erlaubt das Wetter einen Start? Und wenn etwas schiefgeht, müssen sie es sich gefallen lassen, dass ihnen die Öffentlichkeit diese Fragen stellt.

Nach Aussagen von Beteiligten war die Streif am Samstag gut präpariert. Die Fangzäune standen richtig und verhinderten noch Schlimmeres. Die Sicht war grenzwertig. Das Einzige, was den Organisatoren aber wirklich vorzuwerfen ist, ist der Zeitpunkt, zu dem sie das Rennen stoppten: nach 30 Startern, was genau dem Mindestmaß entspricht. Genau 30 Starter braucht es, damit das Rennen gewertet werden kann. Das zeigt, wie kalt die Wächter über Gefahr und Spektakel kalkulieren. Am kommenden Wochenende werden sie es wieder so halten - dann in Garmisch.

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