4:0 gegen Mainz:Union kann jetzt auch feinen Fußball

1. FC Union Berlin - FSV Mainz 05

Unions Max Kruse (Mitte) jubelt mit seinen Teamkollegen Grischa Prömel (l.) und Christopher Lenz über den Führungstreffer.

(Foto: Andreas Gora/dpa)

Mit den Neuzugängen Kruse und Pohjanpalo gelingt den Berlinern der höchste Bundesligasieg ihrer jungen Geschichte. Die Frage ist nur: Was ist der gegen ein desolates Mainz 05 wert?

Von Javier Cáceres, Berlin

Auch beim 1. FC Union Berlin hat es sich eingebürgert, dass die Nachnamen der Spieler vom Publikum ergänzt werden, wenn sie auf den Platz gehen und der Stadionsprecher Rückennummer und Vornamen ins Mikrofon brüllt, wie am Freitag. Nach gut einer Stunde sollte der "Spieler mit der Rückennummer 9" begrüßt werden, und als der Vorname "Joel..." über die Anlage ins Stadion geflogen kam, konnte man gut hören, dass die knapp 5000 Zuschauer der Bundesligapartie zwischen dem 1. FC Union Berlin und dem 1. FSV Mainz 05 noch erheblichen Nachholbedarf haben, was die chorale Darbietung des nicht ganz geläufigen Namens "Pohjanpalo!!!" anbelangt.

Das "Po..." ging den Köpenickern noch gut über die Lippen, die restlichen Silben aber klangen, als hätten alle noch Bier und Wurst im Mund: "Pouuuahmmppmmnooo", oder so ähnlich. Exakt 35 Sekunden später war das allen Besuchern recht egal. Denn der 26-jährige finnische Stürmer hatte den Ball ins Mainzer Tor befördert, damit den 4:0-Endstand und den höchsten Sieg in der noch jungen Bundesligageschichte Unions fabriziert. "Es war ein wichtiger Sieg. Aber jetzt gilt es, auf dem Boden zu bleiben", sagte Unions Trainer Urs Fischer.

Daran täte Union gut, denn was der Sieg gegen eine zusammengefasst desolate Mainzer Mannschaft wert ist, war eine der großen Fragen, die der Freitagabend hinterließ. Die imposante Konfliktkette aus dem Ärger über die Abkehr von der Auszahlung ursprünglich gestundeter Gehälter, der Suspendierung von Stürmer Adam Szalai und der (angeblichen) Unzufriedenheit der Mannschaft mit Trainer Achim Beierlorzer, die letztlich zu Streik, Zerwürfnissen und der Absetzung des Übungsleiters führten, sie lastete erkennbar auf den Mainzern, die nun aus drei Spielen null Punkte geholt haben. So wie der Name "Pohjanpalo" nicht zu entziffern war, als er aufs Feld geschickt wurde, war der Vortrag der Mainzer auf dem Rasen ein einziges Kauderwelsch. Der aktuelle Trainer Jan-Moritz Lichte, 40, mühte sich zwar, positive Ansätze herauszustreichen. Aber er konstatierte auch, tendenziell erschüttert, "wie sehr das Selbstvertrauen in den Keller ging", nachdem Union die Führung erzielt hatte und sie dann sukzessive ausbaute. Erst traf Zugang Max Kruse (13.), dann legten Marcus Ingvartsen und Marvin Friedrich nach (50./63.), am Ende traf schließlich der Stürmer, der zu Fasching als Ikea-Schrank gehen könnte: Wenn er sich ein Namensschild um den Hals hängen würde, hätte der 1,86 Meter große Stürmer die perfekte Verkleidung: "Pohjanpalo".

Man müsse von Union lernen, mahnte Mainz-Trainer Lichte, und erklärte, in der Länderspielpause an der "Körperlichkeit" arbeiten zu wollen, um die Gegner zu stressen wie die Köpenicker. Diese Tugenden der Unioner waren Faktoren für den Sieg, fürwahr. Aber sich nur darauf zu kaprizieren, hieße zu unterschlagen, dass die Unioner insbesondere die Treffer eins und drei exzellent herausgespielt hatten. Beim ersten Tor schlug Rechtsaußen Sheraldo Becker nach einem Doppelpass eine vorzügliche Flanke auf den völlig freistehenden Kruse am Fünfmeterraum; beim dritten Treffer leitete Innenverteidiger Nico Schlotterbeck mit einem klugen Flankenwechsel die nicht minder präzise Hereingabe von Rechtsverteidiger Christopher Trimmel ein. Das alles waren Indizien dafür, dass Union sich, ohne die kämpferische Identität der vergangenen Saison zu verlieren, um fußballerische Farben bereichert hat. Mainz jedenfalls war mit dem 4:0 noch gut bedient.

"Wir haben in der Breite definitiv mehr Qualität bekommen", sagte Kapitän Trimmel, der übrigens nicht nur das dritte, sondern schon das zweite Tor Unions per Freistoß vorbereitet hatte: "Wir haben Supertransfers getätigt."

Das bezog sich nicht nur, aber auch auf Kruse, 32. Der frühere Nationalspieler spielte erstmals seit seinem Wechsel aus Istanbul von Anfang an, und machte nach 63 Minuten Platz für den aus Leverkusen geholten Pohjanpalo, der neue Torwart Loris Karius, 27, blieb übrigens auf der Bank. "Ich glaube, man hat schon gesehen, dass ich ein bisschen weiter bin als letzte Woche", sagte Kruse, "aber dass das nicht hundert Prozent das ist, was ich spielen kann, ist auch klar. Das weiß ich auch selber." Er hätte eigentlich ein zweites Tor erzielen müssen, "die Wahrheit ist, ich war schlicht zu langsam". Gleichwohl war sein Trainer voll des Lobes. Kruse habe die Qualität, die der Mannschaft nicht nur in der Vorwärtsbewegung hilft, sondern auch dann, wenn es darum geht, das Tempo herauszunehmen und das Spiel zu beruhigen, "ein bisschen den Takt anzugeben", sagte Fischer nach dem ersten Saisonsieg seiner Mannschaft. Und mit seiner Erfahrung helfe er den Berlinern, auf und neben dem Platz.

© SZ/schm
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