Hamburger SV:Trainerfrage ausdrücklich ungeklärt

Hamburger SV: Erstes Zweitligaspiel als Chef: HSV-Interimstrainer Merlin Polzin.

Erstes Zweitligaspiel als Chef: HSV-Interimstrainer Merlin Polzin.

(Foto: Christian Charisius/dpa)

Der Hamburger SV erkämpft unter Interimscoach Merlin Polzin ein 2:2 in Rostock - aber wie geht es weiter? Weiß man nicht. Und so spielt der HSV auch.

Von Thomas Hürner, Rostock

So ein Spielberichtsbogen verschafft einen groben Überblick, aber viel mehr auch nicht. Spielernamen werden Rückennummern zugewiesen, und wer Lust hat, kann diese Rückennummern vor dem Anpfiff gedanklich auf dem Rasen verteilen. Manchmal passiert dort dann, was keiner vorher gedacht hätte: Am Samstag war die Nummer 23, die zum Hamburger Mittelfeldmann Jonas Meffert gehört, auffällig oft in Zonen unterwegs, in die sie sich vor Kurzem nicht hinein bewegte. Wenn der Gegner Hansa Rostock den Ball hatte, war die 23 nach Angaben seriöser Heatmaps in der Mitte der Abwehr anzutreffen; noch dazu umgeben von vier weiteren Spielern, die vor nicht allzu langer Zeit stattdessen wohl wild nach vorn gestürmt wären.

Es ist leicht zu erahnen, was der junge Mann damit bezwecken wollte, dessen Name zum ersten Mal unter der Rubrik "Cheftrainer" auf einem Spielberichtsbogen auftauchte: Der bisherige Assistent Merlin Polzin, 33, der den HSV seit Beginn der Woche interimsweise coacht, wollte das Team stabiler bauen. Dafür hatte er sich diesen konservativen Taktikkniff überlegt und das Spieleraufkommen mitunter etwas nach hinten verlagert, nur eines hat er aus Hamburger Sicht leider nicht geschafft: den HSV wirklich stabiler zu machen.

2:2 endete die Zweitligapartie in Rostock, die die vielleicht letzte mit dem Chefcoach Polzin war, vielleicht auch nicht. Und damit ist einiges darüber erzählt, was man über diesen Traditionsklub aktuell wissen muss: In Kaiserslautern, Mainz und Hamburg wurden in dieser Woche Trainer freigestellt, aber nur in Kaiserslautern und Mainz wissen sie, mit welchem Trainer sie den Rest der Saison bestreiten wollen. In Hamburg haben sie zwar erkannt, dass der radikale Offensivverfechter Tim Walter eher keinen Aufstieg bewerkstelligen kann. Sie haben aber offenkundig noch keinen konkreten Plan entwickelt, wie und mit wem sie weitermachen wollen. Und genau so hat der HSV am Samstag dann auch Fußball gespielt.

Hinten präsentierte sich der HSV für seine Verhältnisse aufmerksam und seriös

Dabei war es vorbildlich und löblich, dass sich Polzin den Gegner anschaute und daraus Überlegungen anstellte, mit denen die defensive Herumwurschtelei der Hamburger bekämpft werden sollten; er hat damit einen Ansatz verfolgt, den sein Lehrmeister Walter im Regelfall gar nicht erst verfolgen wollte. "Wir konnten viele Dinge sehen, die wir uns vorgenommen und erarbeitet haben", sagte Polzin und konnte damit eigentlich nur die erste Halbzeit meinen. Da haben die Hamburger mit fünf Abwehrmännern verteidigt und dennoch ein Monopol auf den Ball angemeldet, wie sie das in den zweieinhalb Walter-Jahren gelernt haben.

Wirklich aufregend sah das nicht aus, aber das war okay, solange diese Spielphase lief, wie sie lief: Hinten präsentierten sich die Hamburger, von ein paar Ausnahmen abgesehen, für ihre Verhältnisse geradezu aufmerksam und seriös. Und vorn traf der flinke Flügelangreifer Jean-Luc Dompé, als er sich mit einer Übersteigerkombination am Gegenspieler vorbeiwuselte und den Ball ins Tor schoss (34. Minute.)

So hatten sich Theoretiker das vorgestellt beim HSV: Wenn die Hamburger ihre Defensive geregelt bekommen, haben sie vorn mehr als genug Qualität, um einmal mehr zu treffen als der Gegner. Die Praxis wollte da allerdings nicht so recht mitmachen. "Fahrig" sei die Mannschaft in der zweiten Hälfte aufgetreten, monierte der Stürmer Robert Glatzel, "zu lasch und mit zu wenig Tempo". Der HSV, das war das Erschreckende, hat trotz der vom Interimscoach eingeleiteten Stabilisierungsmaßnahmen genau das Gesicht gezeigt, das er fortan nicht mehr zeigen wollte - und dabei war es unerheblich, dass Polzin die Absichtserklärung nach "mehr Stabilität" in etwa so häufig erwähnte wie Christian Lindner den Glauben an freie Marktwirtschaft beschwört.

Holstein Kiel hat sich vier Punkte abgesetzt, Stadtrivale St. Pauli noch weiter

Man hat das ja alles schon gesehen: Die Hamburger ließen erst eine tolle Gelegenheit zum 2:0 aus und kassierten stattdessen das 1:1 (52.), weil sie nur unzureichend die Tiefe sicherten und nach der Rostocker Flanke unaufmerksam ihren Strafraum bewachten. Ein schwacher Rückpass eines Hamburger Spielers geriet zur Vorlage für einen gegnerischen Angreifer (82.), diesmal war es der einstige Stürmer Ransford Königsdörffer, der seit Monaten alles spielt, außer Stürmer. Und obwohl der HSV nun größtenteils raus war aus dem Spiel, fand er durch einen Treffer von Glatzel doch irgendwie hinein (86.) - wenngleich die abstiegsbedrohten Rostocker nicht zu Unrecht beim Schiedsrichter anmerkten, dass während des Angriffs einer ihrer Spieler verletzt am Boden lag.

Der HSV, der einen vorläufigen Trainer hat und vielleicht noch einen sucht, muss sich nach diesem erneut indifferenten Auftritt Gedanken machen. Der Zweitplatzierte Holstein Kiel hat sich vier Punkte abgesetzt, der Tabellenführer FC St. Pauli ist schon sieben Zähler entfernt. Währenddessen wartet der offenbar arbeitswillige Steffen Baumgart auf einen Anruf aus Hamburg, der vielleicht kommen wird und vielleicht nicht. Und mit ihm einige weitere Kandidaten, die längst hätten vorgestellt werden können, wenn der Sportvorstand Jonas Boldt das in dieser Woche hätte erledigen wollen. Einen frischen Impuls könnte dieser HSV jedenfalls ganz gut vertragen.

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