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1899 Hoffenheim in der Relegation:Mit Salihovic das Wunder vollenden

Borussia Dortmund v TSG 1899 Hoffenheim - Bundesliga

Sejad Salihovic von Hoffenheim (re.): Schlüsselfigur in Sinsheim 

(Foto: Bongarts/Getty Images)

Sejad Salihovic ist im Abstiegs-Finale der Hoffenheimer Trumpf. Gegen Dortmund traf er zweimal sicher vom Elfmeterpunkt - nun soll er die Mannschaft gegen Kaiserslautern zum Klassenerhalt führen. Ob er bei einem Abstieg bleiben würde, ist ungewiss.

Bei der TSG 1899 Hoffenheim gab es Anfang 2011 eine Zeit lang einen Spieler namens Sejad Salihovicic. So hatte der damalige Trainer Marco Pezzaiuoli seinen Profi Sejad Salihovic mehrfach genannt. Von Pezzaiuoli ist neben seiner Schwierigkeit, den bosnischen Namen Salihovic auszusprechen, vor allem in Erinnerung geblieben, dass Mäzen Dietmar Hopp zunächst seinerseits Schwierigkeiten hatte, sich den Namen dieses Trainers mit den vielen Vokalen zu merken.

Hopp benutzte damals kuriose Lernhilfen: "Ich merke mir immer Pizza, aber mit e, dann von meinem älteren Sohn Oliver die ersten drei Buchstaben und mittendrin ein i und ein u." Das ergab für Hopp Pezzaiuoli. Aber auch dieser Hoffenheimer Trainer war natürlich nicht lange im Amt.

Sejad Salihovic ist noch immer Profi bei der TSG, er ist sogar ein Protagonist dieses Vereins. Salihovic hat am 18. Mai 2008 zwei Tore gegen Fürth geschossen, die den Aufstieg in Bundesliga sicherten. Exakt fünf Jahre später, am 18. Mai 2013, verwandelte er zwei Elfmeter zum unverhofften 2:1 bei Borussia Dortmund. Am letzten Spieltag vorigen Samstag. Es war ein Sieg, der den Hoffenheimern nach einer bizarren Saison doch noch die Chance auf den Klassenerhalt in den zwei Relegationsspielen gegen den 1. FC Kaiserslautern schenkte. Ein Erlebnis, das sie in Hoffenheim "das Wunder von Dortmund" nennen.

Ganz so weit will der fünfte Trainer nach Pezzaiuoli nicht gehen. Immerhin sagt Markus Gisdol vor dem Heimspiel gegen den FCK an diesem Donnerstag: "Es gilt, nun dieses kleine Fußballwunder zu vollenden." Für Salihovic fühlte sich der wundersame Sieg in Dortmund so großartig an wie der Aufstieg 2008. Wie damals hatte Betreuer Heinz Seyfert in Dortmund zwei Glücksbringer dabei: ein Schweinchen und eine 1-Cent-Münze. Zufall oder nicht? Salihovic sagt: "Keine Ahnung."

Er verwandelte die zwei Elfmeter so unverschämt sicher, als gehe es nicht gegen den Abstieg, auswärts vor 80 000 Leuten, sondern um irgendein Testspiel. Vielleicht sei er so nervenstark, weil er aus Berlin komme, meinte Salihovic grinsend am Sonntagmorgen, als die TSG beim Auslaufen von 300 Fans gefeiert wurde wie schon lange nicht mehr. Als Siebenjähriger floh Salihovic mit seiner Familie vor dem Bürgerkrieg in Bosnien. 2006 kam er aus Berlin nach Hoffenheim. Er galt als talentiert, aber schwierig, bei der Hertha gehörte er zu den auch außerhalb des Platzes "jungen Wilden" um Kevin-Prince Boateng.

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Das Landleben täte ihm gut, erzählte er nach einiger Zeit im Kraichgau. Unter Trainer Ralf Rangnick entwickelte sich Salihovic zu einer der Stützen jener Mannschaft, die 2008 nach dem Aufstieg Herbstmeister wurde und jenen mitreißenden Fußball spielte, nach dem sich dieser Klub nach all den Irrungen und Wirrungen der vergangenen Jahre zurücksehnt. Salihovic hatte damals ein Angebot vom FC Bayern, er verlängerte aber in Hoffenheim, was ihn zu einem reichen Mann machte.

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2012 verlängerte er noch einmal - bis 2016. Der damalige Manager Ernst Tanner wollte sich nach internen Querelen von Salihovic und Tobias Weis trennen. Am Ende musste Tanner gehen. Auch Weis blieb, doch der ist nun verletzt. Salihovic ist nach seiner Verletzung ebenso wieder fit wie Sebastian Rudy. Die beiden Mittelfeldstrategen fehlten in der Rückrunde lange.

Im Zwei-Spiele-Finale gegen Kaiserslautern könnte in der Feldmitte - besetzt mit Salihovic, Rudy und Polanski - Hoffenheims Vorteil liegen. Salihovic ist dank Spielverständnis, spezieller Schusstechnik und Durchsetzungsvermögen eigentlich unverzichtbar. Trainer Markus Babbel verzichtete in der Vorrunde manchmal freiwillig auf die Dienste seines besten Mittelfeldspielers. Salihovic war zeitweise so frustriert, dass er zwei Mal nach Einwechslungen und dummen Fouls vom Platz flog.

Der Techniker braucht das Vertrauen des Trainers, dann ist er stark. Ob er bei einem Abstieg bleiben würde, ist offen. Salihovic ist 28 Jahre alt und will mit der bosnischen Nationalelf zur WM in Brasilien im nächsten Jahr. Zunächst aber sorgt er vielleicht doch noch einmal für ein Hochgefühl in Hoffenheim.