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TSV 1860 München:"Es ist klar, dass meine Haltung mit der schönen Scheinwelt aufeinanderprallt"

Als Pro1860 seine Delegierten für die Versammlung 2013 zusammenstellte, gab es nur ein Kriterium, erzählt Vonavka: "Sind Sie bereit, sich selbst abzuschaffen? Wenn das jemand mit Ja beantwortet hat, kam er auf die Liste." Es war jene Versammlung im April in Planegg, in der Hep Monatzeder, dritter Bürgermeister, als Präsident nicht bestätigt wurde. Er hatte sich einige Jahre zuvor für den Abriss des Grünwalder Stadions ausgesprochen.

Am Sonntag wird wieder gewählt, diesmal wird Pro1860 den Präsidenten natürlich unterstützen. Am Donnerstag gab Investor Ismaik im kicker eine Wahlempfehlung ab - selbstredend gegen Reisinger, und er spielte dabei auf Pro1860 an: "Ich stelle mir immer wieder die Frage, wollen in diesem Verein wirklich alle den sportlichen Erfolg? Ich sage klipp und klar: Nein! Es kann nicht sein, dass das Schicksal von 1860 von 500 bis 700 gut organisierten Personen bestimmt wird. Die Löwen-Familie ist viel, viel größer."

Ex–Präsident Gerhard Mayrhofer

"Im Verein gab es immer mehr Aktionen gegen uns, organisiert von einer Gruppe von Menschen, die offensichtlich mit dem Thema Profifußball ein Problem haben."

Der ehemalige Präsident Gerhard Mayrhofer sieht das auch so. Er verfolgte eine Politik der Annäherung gegenüber Ismaik. Er wollte, dass Ismaik investiert. Und er verzweifelte daran, dass Ismaik damals nicht investieren wollte oder konnte. Während die Pro1860-Vertreter von Mayrhofers großem Ego überrascht waren, fühlte er sich mit seinem Präsidium regelrecht gemobbt. "Im Verein gab es immer mehr Aktionen gegen uns, organisiert von einer Gruppe von Menschen, die offensichtlich mit dem Thema Profifußball ein Problem haben", sagt Gerhard Mayrhofer. "Das sind diese Menschen, die heute den Verein beherrschen." Beispielsweise sei er beim Versuch, Ismaik letztlich zu einem Verkauf der Anteile an einen anderen Investor zu bewegen und Felix Magath als Sportchef zu 1860 zu bringen, nicht nur an der "ungewöhnlichen Geschäftspolitik" Ismaiks gescheitert, sondern auch "an gezielten internen Indiskretionen durch den e.V.".

"Diese Damen und Herren haben auch die Satzung so verändert, dass ein Präsidium de facto nichts mehr ohne andere Gremien entscheiden kann - allerdings steht das Präsidium voll in der Haftung, die Gremien nicht", klagt Mayrhofer. "Man hat mir erklärt, das diene dazu, um Wildmoser-Verhältnisse zu verhindern." Sein Eindruck sei aber gewesen, dass der wirkliche Hintergrund "der eigene Machterhaltungsanspruch" sei: "Das hat sich auch in zahlreichen Aktionen so dargestellt."

Ob die Sympathisanten von Pro1860 die Mehrheit der Anhänger oder der Mitglieder stellen, wird immer wieder in Frage gestellt, obwohl die Gruppierung immer wieder die Mehrheit bekommt. Dann ist die Rede von Profifußball-Fans, die weit weg auf dem Land wohnen oder gar in Hamburg, die daher nicht zur Mitgliederversammlung erscheinen und auch nicht mitbestimmen. Dass es diese Leute gibt, ist unbestritten. Beim Stammtisch von Pro1860 hört man aber in vielen Gesprächen eine Sicht der Dinge raus, in der der Fernsehzuschauer aus Hamburg keine Rolle spielt. Pro1860 begreift auch den Fußballklub als Verein im wahrsten Sinne. Als eine Gemeinschaft, die nicht nur 90 Minuten dauert, als sozialen Treffpunkt, und nicht als bloßes Unterhaltungsprodukt.

"Die Ansätze zum Fußball sind bei uns im TSV 1860 diametral", sagt auch Vonavka. "Es mag im Fußball schon sein, dass eine gewisse Basisdemokratie nicht unbedingt den maximalen Erfolg bringt. Aber ich will nicht Fan von einem Verein wie RB Leipzig sein. Es ist mir auch klar, dass meine Haltung mit der schönen Scheinwelt Fußball aufeinanderprallt."

Eine weitere Sache, die die Gegner von Pro1860 rasend macht, bestreitet Vonavka auch nicht: dass ihm der Spielort wichtiger ist als die Ligazugehörigkeit. Wenn er wählen müsste, dritte Liga in Giesing oder zweite Liga irgendwo am Stadtrand? "Dann lieber dritte Liga hier, wobei ich denke, dass zweite Liga auch gehen würde." Wenn er als Stadionanbeter bezeichnet wird, stellt Vonavka klar, dass er eher ein Stadtteilanbeter ist: "Es geht um die Komponente Grünwalder plus Giesing, weil du hinterher gerne noch mit einem Spezl in die Kneipen gehst. Du kannst auch mal einen Spieltag genießen, wenn du verloren hast - das geht nur bei St. Pauli, Union Berlin oder bei uns, bei Kultklubs." Die Arena hingegen: "Wenn du aus der U-Bahn raus warst und da hoch gelaufen bist, da ist dir schon der Hals gewachsen."

Die Gegner, die gerne in der Arena geblieben wären, die gerne auf Darlehensbasis wieder nach oben wollen, die die Marke Sechzig bloß über Erfolg definieren, finden: dass Pro1860 den Verein unterwandert habe und sektenähnliche Züge trage. "Die Ismaik-Vertreter wittern immer eine Verschwörung, aber das ist eine Form von Schwarmintelligenz", sagt Vonavka. Von den Menschen, die sich fanden, weil sie ähnliche Auffassungen haben, tun alle, was sie am besten können: Steuerberater Schmidt kümmert sich um die Finanzen, Architekt Roman Beer von den "Freunden des Sechzigerstadions" beschäftigte sich mit der Frage des Stadionausbaus, Bergmaier plante die Satzungsänderung, Wochenanzeiger-Journalist Ralph Drechsel, intern "Mr. Brain" genannt, verfasst regelmäßig klubpolitische Veröffentlichungen. So ergibt sich etwas, das von außen wie eine strenge Hierarchie aussehen mag.

Und wie die Dinge abliefen - erst die Satzungsänderung, dann der Abstieg bis in die Regionalliga und die damit verbundene Rückkehr ins Grünwalder -, klingt nach einem Masterplan. "Dass Dinge sich entwickeln und eine Eigendynamik haben, ist manchen Leuten nicht klar", sagt Vonavka. "Die denken immer, das muss jemand gedeichselt haben."

Vielleicht ist es ja einfach bloß so: Der Größenwahn hat diesen Klub aus Giesing vertrieben, und der Größenwahn hat ihn wieder dorthin zurückgeführt. Und Pro1860 hat den TSV auf diesem Weg begleitet. Dass manche Geschichten kaum zu glauben sind, sieht aber auch Vonavka so. "Wer hätte es gedacht, dass es ausgerechnet Hasan Ismaik ist, der uns ins Grünwalder Stadion zurück bringt?", fragt er. Sein lautes Lachen hallt durch den Biergarten in der Gaststätte Gartenstadt. Es ist ja auch wirklich eine brillante Pointe.

© SZ vom 29.06.2019/schm
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