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Leichtathletik-WM:In Voldemorts Schatten

17th IAAF World Athletics Championships Doha 2019 - Day Two

Christian Coleman schreit nach dem Zieleinlauf seine Freude heraus.

(Foto: Patrick Smith/Getty Images)
  • Der US-Amerikaner Chris Coleman gewinnt die 100 Meter von Doha vor Landsmann Justin Gatlin und dem Kanadier Andre de Grasse.
  • Es ist das erste WM-Rennen ohne den zurückgetretenen Weltrekordler Usain Bolt.
  • Coleman entging nur knapp einer Dopingsperre - er verpasste innerhalb eines Jahres drei Tests.
  • Zu den Ergebnissen der Leichtathletik-WM geht es hier.

Christian Coleman stand auf Bahn vier, regungslos und mit dem Blick eines Löwen, der sich in jedem Moment auf seine Beute stürzt. Auf Bahn fünf: Akani Simbine aus Südafrika, eine Hand in die klimatisierte Abendluft des Khalifa-Stadions gereckt. Der Kanadier Andre de Grasse auf Bahn sechs trommelte mit den Armen auf der Schulter, der Brite Zharnel Hughes hüpfte neben ihm auf und ab und seine Goldkette gleich mit. Und natürlich war da noch Justin Gatlin auf Bahn drei, der Titelverteidiger aus Amerika, der böse Bube in den Augen des Publikums, der die Pfiffe stoisch ertrug. Und der in den Tagen vor diesem Finale über 100 Meter nebenbei als Öffentlichkeitsarbeiter aufgetreten war: "Es ist jetzt nicht mehr Usain Bolt auf Bahn vier, auf den ich achten muss. Da sind so viele andere gute Jungs", sagte Gatlin, er meinte all die Raubtiere und Brusttrommler, "aber das ist doch das Schöne an der Leichtathletik. Da willst du nur zum Popcorn greifen und zuschauen."

Der Samstag war überhaupt der erste Popcorntag dieser Leichtathletik-Weltmeisterschaften, an dem die ersten Titelträger im Stadion ermittelt wurden. Und die Hauptdarsteller enttäuschten nicht, nicht nur über die 100 Meter. Der 23 Jahre alte Tajay Gayle aus Jamaika gewann etwas überraschend den Weitsprung der Männer mit einem gewaltigen Satz auf 8,69 Meter, seine Landsfrau Shelly-Ann Fraser-Pryce rauschte im Vorlauf über 100 Meter zu 10,80 Sekunden. Den Schocker des Tages übernahm Renaud Lavillenie; der Elder Statesman des Stabhochsprungs und amtierender Weltrekordler aus Frankreich scheiterte bereits in der Qualifikation.

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Aber das meiste Licht schien natürlich auf dieses Finale der 100 Meter der Männer, das der Amerikaner Christian Coleman wie erwartet an sich riss. Aber am Ende waren es nicht nur Colemans 9,76 Sekunden, die zweitschnellste jemals erschaffene Zeit in einem WM-Endlauf, mit der Coleman in Doha über sich reden machte. "Ich bin mit einem unglaublichen Talent gesegnet und heute konnte ich es zeigen. Ich habe für diesen Moment sehr hart gearbeitet, aber das war es wert", sagte Coleman: "Es ist eine Ehre für mich, dass ich meinen Namen zu der Liste mit all den Legenden vor mir hinzugefügt habe. Das ist ein großartiges Gefühl, zu gut, um wahr zu sein."

Das Rennen hatte schon am Freitagnachmittag begonnen, in den auf Herbstgrade gepegelten Katakomben, nach den Vorläufen. Dort stand Gatlin als Titelverteidiger quasi das erste Rederecht zu, um die Bedeutung der prestigeträchtigen 100 Meter bei dieser WM zu erörtern. Oder besser: die prominenteste Absenz der Titelkämpfe in Doha. "Hey Leute", sagte Gatlin, "ihr könnt schon seinen Namen sagen. Er ist nicht Lord Voldemort", der Oberschurke bei Harry Potter, dessen Namen niemand auszusprechen wagt.

Also, wie fühle sich das an, die erste WM seit 16 Jahren ohne Bolt, der in Berlin vor zehn Jahren das bislang schnellste WM-Finale erschaffen hatte mit seinen unwirklichen 9,58 Sekunden? "Es ist komisch, dass er nicht da ist und mich an meine Grenze treibt. Aber ich versuche mir immer zu sagen, dass ich noch keine Goldmedaille gewonnen habe", sagte Gatlin -er, der Olympiasieger von 2004 (!) über 100 Meter, Weltmeister von 2005 (über 100 und 200) sowie Champion von London vor zwei Jahren. Und Bolts Showeinlagen, die Sternendeutergesten und Faxen, die die Kundschaft mehr als eine Dekade lang in die Stadien getrieben hatten? "Wir werden unser Bestes geben für eine gute Show", versprach Gatlin.

Das ist halt die Sache, die in Doha deutlich wurde: dass das Show-Potenzial der alten, neuen Generation in dieser Show-Disziplin eher begrenzt ist. Gatlin schleppt zwei Dopingsperren in seiner Biografie herum, wird deshalb seit Jahren ausgepfiffen, was ihn aber auch nicht daran hindert, selbst mit 37 Jahren einfach nicht langsamer zu werden. In Doha gab er schmallippig zu, dass er wieder mit Dennis Mitchell zusammenarbeitet, dem umstrittenen Trainer, den er vor zwei Jahren gefeuert hatte. Mitchell hatte damals Undercover-Reportern erzählt, die sich als Trainer ausgegeben hatten, dass er ihnen natürlich Dopingstoff besorgen könne. Warum nun die Kehrtwende, zurück in Mitchells Schoß? Vertragssache, sagte Gatlin. Mehr nicht.

Lichtshow vor dem Finale

Und Coleman, mit 9,81 Sekunden als Jahresbester angereist? Der zog nach seinen Läufen am Wochenende wortlos durch die Mixed Zone. Der 23-Jährige hatte zuletzt offenbar das Gefühl, dass ihn Publikum und Medien zum neuen Lord Voldemort des Sprints auserkoren hatten, im August war bekannt geworden, dass er drei Dopingtests binnen eines Jahres verpasst hatte. Die waren nur deshalb nicht in einer Sperre gemündet, weil ein Test dank eines umstrittenen Passus' rückdatiert worden war. Aber wenn Coleman in Doha seine stille Wut in Dominanz auf der Bahn verwandeln wollte, dann gelang ihm das prächtig. Er trudelte in 9,98 Sekunden durch den Vorlauf, rauschte in 9,88 Sekunden durchs Halbfinale, weit vor allen Verfolgern. Gatlin verpasste fast die direkte Beförderung in den Endlauf, am Ende rutschte er gerade so hinein (10,09). Hatte er etwa schon zu viel Popcorn genascht?

Der Finalabend brach dann noch vor halbwegs vollen Rängen an, vielleicht 10 000 waren gekommen - auch wenn die meisten davon afrikanische Fangruppen waren, die hörbar für die 10 000 Meter der Frauen angerückt waren, die dann die Niederländerin Sifan Hassan gewann. Und dann kamen sie also: keine Sternendeuter, dafür nervöse Rennpferde, Flummis, Raubtiere. Sie ließen erst eine Lichtshow über sich ergehen, dann preschten sie los - und waren doch alle chancenlos gegen diesen Coleman, der das Rennen spätestens nach der Hälfte an sich zerrte. In der Kurve nach dem Ziel riss Coleman dann den Mund weit auf, es schien, als wolle er all die Wut der vergangenen Wochen herausbrüllen. Er breitete die Arme aus, aber es regnete nicht gerade heiße Zuneigung von den Rängen. Wobei die meisten Pfiffe offenbar wieder Gatlin gewidment waren.

Der war tatsächlich Zweiter geworden. In 9,89 Sekunden, eine Hundertstelsekunde vor Andre de Grasse. Mit 37 Jahren. Auch das war durchaus popcorntauglich.

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