1. FC Nürnberg:Unbequeme Geister

1. FC Nürnberg: Er hat die Fans hinter sich: Raphael Schäfer, hier nach seinem letzten Spiel im Mai 2017, bewirbt sich nun für den Nürnberger Aufsichtsrat.

Er hat die Fans hinter sich: Raphael Schäfer, hier nach seinem letzten Spiel im Mai 2017, bewirbt sich nun für den Nürnberger Aufsichtsrat.

(Foto: Bernd Müller/Imago)

Die Mitgliederversammlung beim Club wird mit Spannung erwartet: Das Fanbündnis "Veränderung jetzt" spricht sich für die Wahl des früheren Torwarts Raphael Schäfer in den Aufsichtsrat aus - und gegen den bisherigen Vorsitzenden Thomas Grethlein.

Von Christoph Ruf

Das Setting erinnert ein wenig an einen Western: Hier der ehemalige Torwart, der 2007 als Kapitän den letzten Pokal in den Berliner Abendhimmel reckte, den eine Nürnberger Profimannschaft gewann. Dort der langjährige Aufsichtsratsvorsitzende. Zwei Duellanten, die sich um den Einzug beziehungsweise die Wiederwahl ins Kontrollgremium des 1. FC Nürnberg bewerben. Doch beim abendlichen High Noon am Donnerstag zwischen Thomas Grethlein und Ex-Keeper Raphael Schäfer ist es eher wahrscheinlich, dass am Ende der Mitgliederversammlung beide gewählt werden. Zudem stehen nur drei der neun Räte turnusgemäß zur Wahl. Und es geht nicht um den Aufsichtsratsvorsitzenden, denn der wird vom Gremium selbst gewählt - die Zahl der meisten Stimmen ist da lediglich ein Signal der Mitgliederversammlung, aber nicht entscheidend. Wohl aber geht es um eine Richtungsentscheidung - mit unterschiedlichen Loyalitäten.

Zuletzt sprach sich neben der Ultraszene auch der Fanbeirat, dem neben aktiver Fanszene auch fünf Fanklub-Vertreter angehören, für Schäfer und gegen Grethlein aus. Und das offenbar weniger aus unverbrüchlicher Liebe zu einem Ex-Profi, der zu seiner aktiven Zeit auch mal Stress mit der Kurve hatte und sich in den vergangenen Jahren am Valznerweiher rargemacht hat. Sondern aus dem Gefühl heraus, dass zuletzt beim Club unter Grethlein vieles falsch lief, das nicht sauber aufgearbeitet wurde.

Ein unbequemer Geist mit Berufserfahrung am Ball könne da helfen, meinen die Schäfer-Unterstützer: "In den letzten vier Jahren standen wir zweimal im Abstiegskampf und einmal im unteren Mittelfeld, finanziell liegt sowieso vieles im Argen. Es gab also sportlich und wirtschaftlich einen Rückschritt", sagt ein Sprecher des Fanbündnisses "Veränderung jetzt", einem Zusammenschluss aus aktiver Fanszene und Fanklubs, der für die Wahl von Schäfer wirbt. Der solle als streitbarer Geist "endlich den Finger in die Wunde legen". Derzeit würden die Defizite "permanent schöngeredet" und "nicht kritisch aufgearbeitet".

Ein Vorwurf der Fans: "Wir haben keine Identität, schon gar nicht sportlich. Es ist eher Trial-and-Error."

Und dann wird es grundsätzlich: "Der Aufsichtsrat prägt über all die Jahre auch den Weg eines Vereins - allein über die Personalpolitik. Wir haben aber keine Identität, schon gar nicht sportlich. Es ist eher Trial-and-Error." Auch der derzeitige Jugendstil, den man prinzipiell begrüße, sei aus der Not geboren. "Im Sommer stand jeder Spieler zum Verkauf, und jetzt wird so getan, als habe man seit Langem auf genau diesen Weg zugesteuert." Ihren Eindruck, dass der Aufsichtsrat unter Führung von Grethlein zu unkritisch sei, begründet die Initiative vor allem damit, dass Sportdirektor Dieter Hecking weiter im Amt sei und die versprochene Aufarbeitung im Aufsichtsrat nur zwei Stunden gedauert habe. Spannend ist die Frage, ob das Bündnis sich neben Schäfer und dem anderen Ex-Profi Chhunly Pagenburg auf einen dritten gemeinsamen Kandidaten festlegt, um ihn gegen Grethlein zu stärken.

1. FC Nürnberg: "Wir diskutieren durchaus kontrovers": Aufsichtsratschef Thomas Grethlein wehrt sich gegen den Eindruck, dass es intern zu unkritsch zugehe.

"Wir diskutieren durchaus kontrovers": Aufsichtsratschef Thomas Grethlein wehrt sich gegen den Eindruck, dass es intern zu unkritsch zugehe.

(Foto: Alexander Schlirf/Sportfoto Zink/Imago)

Grethlein selbst bestreitet vehement, dass man Heckings Analyse kritiklos durchgewinkt habe: "Wir haben die zentralen Punkte herausgearbeitet und kontrovers diskutiert. Unterm Strich blieb der Eindruck, dass er seine Lehren daraus gezogen hat. Und ich finde, das hat sich jetzt auch bestätigt." Zudem habe sich im Sommer die Frage nach den Alternativen gestellt: "Wollen wir wieder einen großen Umbruch mit der damit verbundenen Unruhe? Wollen wir in Kauf nehmen, dass das exzellente Verhältnis zwischen Profiabteilung und Nachwuchsleistungszentrum zur Disposition steht, wenn die handelnden Personen ausgetauscht werden?" Zudem sei er verwundert, dass die relative Ruhe als Beweis dafür genommen werde, dass es hinter den Kulissen zu harmonisch zugehe: "Wir diskutieren durchaus kontrovers, und nicht alle Abstimmungen laufen einstimmig. Aber die unterlegene Seite trägt das Ergebnis mit, und öffentlich sprechen wir mit einer Stimme."

Derzeit steht der Club mit einer jungen Mannschaft auf Platz acht und zeigt attraktiven Fußball.

Tatsächlich lief allerdings in der im Sommer 2020 begonnenen Amtszeit Heckings als Sportdirektor nicht alles glatt. Dass er zu lang am Trainer Robert Klauß (Juni 2020 bis Oktober 2022), der gerade als Coach von Rapid Wien vorgestellt wurde, festhielt, sehen die meisten beim Club so. Dass es sich nicht ausgezahlt hat, als dessen Nachfolger Markus Weinzierl zu engagieren, bestreitet auch Hecking nicht. Für die Treue zu Klauß gab es allerdings Gründe. Zum einen war der junge Coach in seiner ersten Spielzeit recht erfolgreich gewesen (Platz acht), und zum zweiten wollte Hecking es anders machen als viele seiner Vorgänger, die den Wert der Kontinuität predigten - und die Trainer doch nach wenigen Monaten feuerten.

Nach dem Fehlgriff mit Weinzierl übernahm Hecking dann selbst das Traineramt und zog Cristian Fiél als Co-Trainer von der U23 hoch. Entgegen anderslautender Vermutungen war es schon damals der Plan, ihn als Nachfolger aufzubauen, der nach erfolgtem Klassenverbleib übernehmen sollte. Genau dieses Szenario dürfte Hecking dann auch eher den Job gerettet haben als die durchwachsene Rückrunde. Kurzum: Platz 16, 11, 8 und 14 seit dem Abstieg bieten tatsächlich Anlass für grundsätzliche Kritik. Denn so wahr es ist, dass der Club finanziell längst nicht mehr zu den Topadressen der zweiten Liga zählt, sind diese Platzierungen gemessen an Etat und Gehältern doch zu wenig.

Derzeit steht der Club allerdings mit einer jungen Mannschaft auf Platz acht und zeigt attraktiven Fußball. Im Umfeld sind viele zuversichtlich, dass der jetzige Weg erfolgversprechend ist. Zumal viele Anhänger sich daran erinnern, dass man in den vergangenen Jahrzehnten bei den leitenden Angestellten häufig weniger gut aufgestellt war als derzeit. Wenn die kritische Fanszene, die - auch nach Einschätzung einiger Angestellter - intern zuletzt viele richtige Fragen gestellt hat, künftig im Aufsichtsrat einen ihr nahestehenden Rat mehr bekäme, könnte das dennoch produktiv sein.

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