1. FC Nürnberg:Applaus für den Abgewählten

1. FC Nürnberg: So sieht Enttäuschung aus: Thomas Grethlein nach der Wahl.

So sieht Enttäuschung aus: Thomas Grethlein nach der Wahl.

(Foto: Daniel Marr/Sportfoto Zink/Imago)

Mit den Stimmen der Fanszene rückt der frühere Torwart Raphael Schäfer beim Club in den Aufsichtsrat, der langjährige Vorsitzende Thomas Grethlein scheidet aus.

Von Christoph Ruf

Kurz vor Ende der Versammlung durfte Thomas Grethlein noch mal allerlei Positives über sich hören. Dass er als Aufsichtsratsvorsitzender viel für den geplanten Stadionneubau getan habe, dass das "Image des Vereins in der Stadt" dank ihm so gut sei wie selten und er "Woche für Woche 40, 50 Stunden für den Club im Ehrenamt gearbeitet" habe. Zweimal gab es lang anhaltenden Applaus und Standing Ovations für den 65-Jährigen.

Das war alles insofern verwirrend, als ebenjener Grethlein (746 Stimmen) gerade als einziger der drei amtierenden Räte nicht wiedergewählt worden war. Ex-Spieler Chhunly Pagenburg (1342) und Matthias Fifka (928) wurden bestätigt. Und Raphael Schäfer (1040), zu dessen Wahl ein Fanbündnis aufgerufen hatte, wurde neu ins Kontrollgremium gewählt. Dazu dürfte dessen Bonus als Ex-Keeper mehr beigetragen haben als die dreiminütige Vorstellungsrede, die nicht viel bot - aber eben auch keine Angriffsfläche.

Als um 23.15 Uhr das Ergebnis verlesen wurde, brandete zunächst Applaus für Schäfer und Pagenburg als Erstplatzierte auf, ehe klar war, dass es Grethlein nicht geschafft hatte. Genugtuung war auf einigen Gesichtern zu lesen, auf vielen indes Entsetzen, auch einige Vereinsmitarbeiter schauten wie gelähmt drein. Kurz darauf setzte die Wahlanalyse ein: Hatte die aktive Fanszene die drei siegreichen Kandidaten en bloc gewählt, um Grethlein zu verhindern? Waren zu viele Mitglieder, die zuvor Unterstützung signalisiert hatten, weggeblieben, weil eine sechsstündige Donnerstagsveranstaltung nicht sonderlich arbeitnehmerfreundlich ist? Schon vorab war damit gerechnet worden, dass Grethlein ab einer Teilnehmerzahl von 1800 bis 2000 wiedergewählt werden dürfte. 1600 waren es.

"Mit Schaum vor dem Mund arbeitet man selten besonnen", argumentierte Grethlein.

Ausgesprochen harmonisch war die Veranstaltung bis dahin verlaufen. Die Entlastung der Vorstände Niels Rossow (Finanzen) und Dieter Hecking (Sport) war ebenso mit einem Volkskammer-Ergebnis erfolgt (1285:23) wie das des Aufsichtsrates (1292:11), dessen Gesicht dann dennoch später abgewatscht wurde. Schon vor der Versammlung und auf einem Flyer der aktiven Fanszene, der am Eingang verteilt wurde, hatte sich die Kritik vor allem an einer vermeintlich zu unkritischen Haltung gegenüber dem Vorstand und dessen "beschönigenden Berichten" festgemacht. Die Platzierungen der vergangenen vier Jahre, in denen der Club drei Jahre im Abstiegskampf steckte, seien nicht aufgearbeitet worden, die Verantwortlichen hätten dank des unkritischen Rates einfach so weitermachen dürfen.

1. FC Nürnberg: Nürnbergs neuer Aufsichtsrat: Raphael Schäfer (von links), Chhunly Pagenburg und Matthias Fifka.

Nürnbergs neuer Aufsichtsrat: Raphael Schäfer (von links), Chhunly Pagenburg und Matthias Fifka.

(Foto: Daniel Marr/Sportfoto Zink/Imago)

Am Donnerstag hörte man außer merkwürdigen Wortmeldungen, die etwa das Fehlen von Autogrammkarten längst entlassener Trainer oder einen Tippfehler in der Vereinskorrespondenz thematisierten, kaum Kritik an den Verantwortlichen. Die Konfliktlinien verliefen zwischen denen, die der Meinung sind, dass in den vergangenen Jahren zwar Fehler gemacht worden seien, aber im Wesentlichen solche, die die handelnden Personen auch eingestanden - und denen, die finden, dass jene Fehler in der Summe so teuer waren, dass der Sportvorstand und der Aufsichtsratsvorsitzende gehen sollten, weitere Umwälzungen nicht ausgeschlossen.

"Mit Schaum vor dem Mund arbeitet man selten besonnen. Und noch seltener klug", sagte Grethlein dazu. Einig war sich die Mitgliedschaft hingegen, dass derzeit in Cristian Fiél der genau richtige Trainer amtiert. Und dass er eine Mannschaft mit vielen Eigengewächsen aufs Feld schickt, bei der das Zuschauen wieder Spaß macht. "Fiélo" wurde auch genötigt, ans Mikro zu kommen. Und löste mit dem Bekenntnis, stolz auf Verein und Mannschaft zu sein, Jubelstürme aus.

"Eine solch gute Vernetzung zwischen Nachwuchs und Profis habe ich noch selten erlebt", sagt Sportvorstand Hecking

Gleich zu Anfang hatte Sportvorstand Hecking den Ton gesetzt, als er sich zuweilen mit Wut in der Stimme gegen den Vorwurf wehrte, der gegenwärtige Jugendstil sei aus der Not geboren, nicht aber Ergebnis konzeptionellen Arbeitens. Ja, er habe bei der Verpflichtung von Markus Weinzierl im Herbst "danebengegriffen" und zugelassen, dass man unter dem Retro-Trainer "unseren Weg verlassen" habe. Jener Weg indes habe bereits 2020 begonnen, mit einem von Hecking selbst initiierten "schlüssigen Nachwuchskonzept", dessen Früchte man derzeit ernte: Mit zehn Spielern aus dem eigenen Nachwuchs im Profikader, mit einer einheitlichen Spielphilosophie bis hinab zur U12 und mit der Vorgabe an den Profitrainer, dass mindestens vier Kaderplätze für Nachwuchsleute warmzuhalten seien. "Eine solch gute Vernetzung zwischen Nachwuchs und Profis habe ich noch selten erlebt", sagte Hecking. "Und ich war nicht gerade bei wenigen Vereinen."

Rossow meldete ebenfalls Erfolge: 30 000 Mitglieder, 20 Prozent mehr Dauerkarten, fast ein Drittel mehr Zuschauer. Auch die Geschäftsbilanz ist ordentlich, zudem hübscht sie ein Unternehmer mit einem Forderungsverzicht im "niedrigen siebenstelligen Bereich" (Rossow) auf. Erst wenn der Club wieder positives Eigenkapital zur Verfügung hat, will er sein Geld zurück - unverzinst und ohne Inflationsausgleich. 318 000 Euro an operativem Jahresüberschuss stehen so zu Buche, die Verbindlichkeiten sanken um fünf auf 13,7 Millionen Euro. Auch das relativ gute Abschneiden im DFB-Pokal und die Rückkehr zur Eigenvermarktung hätten zum Betriebsergebnis beigetragen, so Rossow.

Er, Hecking und Ex-OB Ulrich Maly waren die Ersten, die Grethlein nach dessen verweigerter Wiederwahl aufzumuntern versuchten. Der wiederum gab sich einen Ruck, ging ans Mikro und lobte die Versammlung als Ausdruck einer demokratischen Vereinskultur. Etwa zwei Stunden zuvor hatte er bei einer Wortmeldung fast unmerklich genickt. Das Mitglied hatte den Verdacht geäußert, dass viele Kritiker "nicht wissen, was die Funktion eines Aufsichtsrats ist".

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