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1. FC Köln:Hectors neue Rolle

Ungewohnter Anblick: Jonas Hector trifft! Für Köln! Per Kopf! Bald danach legte er nach und erzielte das Siegtor gegen Leipzig.

(Foto: Lukas Schulze/AFP)

Kölns Kapitän ist als Antreiber, Vorbereiter und Torschütze maßgeblich am 2:1-Erfolg über RB Leipzig beteiligt. Der 1. FC meldet sich damit im Abstiegskampf zurück.

Von Philipp Selldorf, Köln

Zu Trikottausch und Händeschütteln kam es nicht nach dem Abpfiff - zu viele Turbulenzen. Kölner und Leipziger setzten in Scharmützeln und Schubsereien die Kampfhandlungen der mehrmals verlängerten, extra hitzigen Nachspielzeit fort, der Schiedsrichter hatte es längst aufgegeben, für Ordnung zu sorgen. Das Adrenalin wirkte nach bei den Akteuren, den Kölnern bescherte es Euphorie, den Leipzigern Ärger. Trainer Julian Nagelsmann schnaubte wie ein Kampfstier, als er den Weg in die Kabine zurücklegte.

Nach der 1:2-Niederlage beim 1. FC Köln ist die Chance von RB Leipzig, dem FC Bayern die Meisterschaft noch zu entreißen, so verschwindend klein geworden, dass es nicht mehr lohnt, sie zu erwähnen. Aber das war es vermutlich gar nicht, was Nagelsmann zornig machte: Es ging wohl eher darum, dass sich seine Mannschaft dem Kampfgeist des Tabellenvorletzten nicht gewachsen zeigte und die Niederlage trotz eines Chancenplus verdient hatte. Was umgekehrt bedeutete, dass sich der 1. FC Köln nach neun sieglosen Spielen im Abstiegskampf eindrucksvoll und vielversprechend zurückgemeldet hat.

Der künftige Bayern-Profi Upamecano geht eher selten als Sieger aus dem Duell mit Hector hervor

Hätte es bei dem Spiel einen Sonder-Sponsor gegeben, der den Mann des Spiels auszeichnet, dann wäre Jonas Hector mit einem Pokal nach Hause gegangen. Das Votum für ihn hätte mindestens 100 Prozent betragen. Hector fiel nicht nur als Anführer und dauerpräsenter Antreiber, als Vorbereiter und doppelter Torschütze auf, sondern auch in einer neuen Rolle, in der ihn Dayot Upamecano lieber nicht kennengelernt hätte. Mangels überzeugender Alternative im Kader fungierte der Kölner Kapitän über weite Strecken der Partie als Mittelstürmer, mit Leipzigs französischem Abwehrchef lieferte er sich das Duell des Tages. Der designierte FC-Bayern-Profi Upamecano ging eher selten als Sieger daraus hervor.

Hector machte daraus aber, wie das seine Art ist, keine Heldengeschichte, sondern einen Fall von Pflichterfüllung: "Generell ist es mir egal, wer bei uns die Tore schießt, aber diese Tore haben uns eben in den letzten Wochen gefehlt - auch weil ich das eine oder andere Ding versemmelt habe." Wichtiger war ihm, das große Ganze zu loben: "Wir haben eine überragende kämpferische Leistung abgeliefert, das war der Schlüssel für das Spiel." Selbst auf der Tribüne wurde mitgekämpft: Geschäftsstellenmitarbeiter und Ersatzspieler machten Stimmung wie auf dem Dorfplatz. Der FC gewann ein echtes Heimspiel.

Dass die Kölner den Platz als Sieger verlassen könnten, war in den ersten Minuten der Partie eine scheinbar unmögliche Aussicht. Sowie der Anpfiff erfolgt war, hatte Leipzig mit höchstem Tempo und unwiderstehlicher Wucht attackiert. Offenbar bestand Nagelsmanns Plan darin, das Spiel bereits nach fünf Minuten zu entscheiden, und beinahe wäre das auch geglückt. Nach kaum einer Minute hatte Emil Forsberg schon zweimal aus bester Lage draufgeschossen, die Kölner standen unter höchstem Druck: Amadou Haidara und Christopher Nkunku verpassten weitere Chancen zum Führungstreffer.

Der Andrang der Leipziger ließ dann allmählich nach, doch bis die Kölner das erste Mal vors gegnerische Tor kamen, vergingen 25 Minuten. Hector trug einen Konter in Überzahl nach vorne, Marius Wolf begleitete ihn, nur Upamecano stand auf der anderen Seite. Zweimal gelang es Hector, den großen Mann auszuspielen, für einen scharfen Schuss reichte es aber nicht. Bis zur Pause bestimmte dann wieder der Favorit das Geschehen, doch weder Nkunku noch Nordi Mukiele noch Alexander Sörloth nutzten ihre guten Gelegenheiten.

In der zweiten Hälfte schafften die Kölner Entlastung, indem sie das Spiel nach vorn verlagerten. Hectors 1:0 (47.) überraschte die selbstbewussten Leipziger, die sich ihrer Sache wohl etwas zu sicher waren. Upamecano machte da keine Ausnahme, als er dem FC-Kapitän nach Jannes Horns Flanke Platz und Zeit für den Kopfball gewährte. Auch das zwischenzeitliche 1:1 durch Haidara (59.) bedeutete nicht mehr als ein Intermezzo. Im nächsten Angriffszug spielten Hector und Ondrej Duda einen Doppelpass aus dem Bilderbuch und schon war der Weg frei zum 2:1 (60.). Leipzig hatte noch mehrere Gelegenheiten, wenigstens den Ausgleich zu erzielen, aber entweder stand Torwart Timo Horn im Weg oder es fehlten ein paar Zentimeter.

© SZ/moe
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