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Zypern:Das Mauerblümchen

Nikosia ist Europas einzige zweigeteilte Hauptstadt, aber seit die Türkei die Grenze geöffnet hat, blüht die zyprische Metropole wieder au.

Den ersten Eindruck eines Landes bekommen Reisende meist in seiner Hauptstadt. Dort kreuzen sich die wichtigsten Verkehrswege, dort finden sich Zeugnisse wichtiger Kulturepochen und nahmen Revolutionen ihren Anfang.

Nikosi

Die geteilte Stadt Nikosia.

(Foto: Foto: dpa)

Die Europäische Union hat von Mai an zehn neue Mitgliedsstaaten. Wir bereisen deren Hauptstädte und wollen herausfinden, welche charakteristische Farbe sie jeweils in die europäische Gemeinschaft einbringen.

Der Platz ist ein stilles Paradies. Die Kneipen-Tische stehen auf der Straße, denn hier fährt schon lange kein Auto mehr. Die Wirtsleute sind freundlich, die "Meze", Gaumenfreuden auf kleinen Tellern, köstlich.

"Zur schönen Aussicht" heißt die stille Gasse. Die Aussicht ist eine hohe Wand, mit gerolltem Stacheldraht obendrauf. "Restricted Area", Sperrgebiet, warnt eine Tafel. Filmen und Fotografieren ist verboten.

Grusel-Szene im Restaurant

Wer hier diniert, tut dies eine Handbreit entfernt von der Grusel-Grenze, die Nikosias Herz zerschneidet. "Nekri Zoni", Todeszone, nennen die Griechen die UN-Pufferzone, auch wenn hier nicht mehr geschossen wird. Aber über die Mauer klettern, das dürfen nur die türkischen Katzen. Die schnurren den Gästen in der "Schönen Aussicht" um die Füße.

Nikosia ist Europas letzte zweigeteilte Hauptstadt. Der griechischen "Republik Zypern" und der von der Türkei allein anerkannten "Türkischen Republik Nordzypern" dient die verwundete Stadt als Mitte - und liegt doch wie einst Berlin am Rand.

Kein Tourist, der die Mittelmeerinsel wegen ihrer Strände aufsucht, muss die Doppel-Hauptstadt passieren. Von den Flughäfen in Larnaka (im griechischen Süden) und Gecitkale (im türkischen Norden) führt der Weg über Autobahnen direkt zu den Urlaubsorten.

Die Stadt ist allenfalls Ziel von Tagesausflügen. Erst eine Wiedervereinigung der Insel könnte Nikosia deutlich attraktiver machen, weshalb sie von Tourismusmanagern herbeigesehnt wird.

Makabre Anziehung

Im Augenblick sieht es jedoch so aus, als müssten die Manager noch eine ganze Weile warten. Denn Umfragen vor den für 24. April geplanten UN-Referenden lassen bei den Insel-Griechen deutlich weniger Sympathien für einen neuen gemeinsamen Staat erkennen als bei den Türken.

So bleibt als makabre Anziehung die Mauer. Spaziergänge entlang der Trennlinie sind auf beiden Territorien möglich. Gespenstisch leer ist die Ermou-Straße im griechischen Süden, einen Steinwurf von der Green Line entfernt, wie die 186 Kilometer lange Grenze durch die ganze Insel offiziell heißt.

Die Ermou war einst wirtschaftliches Zentrum der Stadt, bevor Spannungen zwischen Griechen und Türken 1963 in blutige Gefechte mündeten. 1974 landeten nach einem kurzen griechischen Putsch türkische Truppen, worauf die vollständige Teilung folgte.

Fassaden mit Einschusslöchern

Die Fassaden der neoklassizistischen Bürgerhäuser entlang der Ermou tragen Einschusslöcher. In der warmen Aprilsonne flirrt die Luft. Einen Hollywood-Western könnte man hier drehen, mit Palmen im Hintergrund.

Das historische Nikosia wird auch von Mauern umschlossen. Die aber dienten der Verteidigung des Ganzen, nicht der Teilung des Kerns. Die steilen Venezianischen Wälle sind 4,8 Kilometer lang.

Aus der Luft wirken sie wie ein elfzackiger Stern. Drei tiefe Tore gibt es. Das Paphos-Tor wurde 1878 von den Briten geschlossen, nachdem ihnen der Osmanische Sultan die Verwaltung der Insel übergab, die sie 1925 zur Kolonie erklärten. Erst 1960 wurde Zypern unabhängig.

Die "Walking Tour Medieval Nikosia", der Gang durch das mittelalterliche Nikosia, ist auf griechischer Seite ausgeschildert. Wer den Wegweisern folgt, wird zuerst durch die zerstückelte Altstadt an der Green Line geführt.