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Wandern auf der Sorrentiner Halbinsel:Wege in die Einsamkeit

Fruchtbares Bauernland, mittelalterliche Wachtürme und hübsche Dörfer, die durch ehemalige Maultierpfade miteinander verbunden sind: Während sich in Positano die Touristen drängen, ist die nah gelegene Sorrentiner Halbinsel vom Massentourismus weitgehend verschont geblieben. Eine Wanderung durch die italienische Einsamkeit.

Über die tuffsteingepflasterte Fläche jagen Mauersegler im Zickzackflug, verschwinden mit gedehnten Schreien unter verwitterten Hausdächern. 7 Uhr früh auf der Piazza von St. Agata. Noch steht die Sonne tief am Himmel, aber auf den Platz drückt bereits die Hitze wie ein schweres, nasses Tuch.

Sorrent Halbinsel

Die Sorrentiner Halbinsel ist ein Sehnsuchtsort für Naturliebhaber und  liegt zwischen dem Golf von Palermo und dem Golf von Salerno.

(Foto: Grafik)

Vor der einzigen geöffneten Bar treffen sich sportliche, braun gebrannte Jungrentner in Wanderkluft. Als Giovanni Visetti einige Minuten verspätet eintrifft, bildet die kleine Gruppe einen Kreis um ihn. Der 58-Jährige wirft einen prüfenden Blick auf die Trekkingschuhe seiner Begleiter, verteilt eine Computerskizze mit der Wegbeschreibung und marschiert los. "Außer mir geht hier keiner freiwillig zu Fuß", sagt der gebräunte Mann.

Giovanni Visetti, der bis zur Verrentung als Kartograf gearbeitet hat, ist der beste Kenner der uralten Wege auf der Sorrentiner Halbinsel. Er gefällt sich in der Rolle des Außenseiters. Dass es keine Partnerin länger mit ihm aushalte, wie er erzählt, führt er auf sein ständiges Unterwegssein zurück. Aber ihm bleibt ja nichts anderes übrig. "Da ich nicht zum lokalen Klüngel gehöre, ist bei den Tourismusämtern kaum Geld vorhanden, um in Vergessenheit geratene Wege wieder passierbar zu machen", erzählt Visetti. So hat er auf eigene Faust Dutzende Pfade frei gehackt, markiert und in die Karten eingezeichnet.

Der Weg mäandert zunächst abwärts durch Olivengärten, unter den silbrigen Bäumen wächst wilder Hafer. Anschließend geht es einen schilfumsäumten Bach entlang. Wo sich das moosige Wasser in ausgeschliffenen Steinbecken staut, tanzen Libellen. In Gesteinsritzen krallt sich duftender Rosmarin fest, Zikaden sägen, wilder Fenchel blüht goldfarben.

Nach etwa einer Stunde ist der steil abfallende Küstensaum erreicht, im Gegenlicht glitzert der Golf von Salerno. Wendet man den Blick weiter nach Osten, türmen sich dort am Rand einer Schlucht die Häuser von Positano wie überdimensionale bunte Schuhschachteln - das weltberühmte Postkartenmotiv. In der beliebten Kleinstadt an der Amalfi-Küste drängen sich Besucherscharen auf engem Raum. Auf dem Pfad, wo wir jetzt mit Visetti wandern, herrscht Stille. "Wer im Sommer nach Positano fährt, ist selber schuld", sagt Visetti abfällig.