USA:Moonshiner in 13. Generation

Ein paar Meter weiter halten zwei Männer Hof: Digger Manes und Mark Ramsey. Ein Foto mit männlichen Kunden hier, ein Küsschen für weibliche dort. Die beiden gelten als Moonshine-Legenden. "Weil wir von Popcorn Sutton gelernt haben", sagt Manes. "Er war die wahre Legende."

Marvin "Popcorn" Sutton hat seine Leidenschaft für Moonshine mit dem Leben bezahlt: Um nicht ins Gefängnis zu müssen, beging er Suizid. Ein Skandal, findet Mark Ramsey: "Schnaps brennen ist ein gottgegebenes Recht." "Er hat die wichtigste Regel missachtet", ergänzt Digger Manes: "Verkaufe keinen schwarz gebrannten Schnaps an Leute, die du nicht kennst." Mark Ramsey nickt. "Noch besser: Wenn jemand nicht spricht wie du, verkaufe ihm nichts."

Bei Sugarlands werden Digger Manes und Mark Ramsey als Brennmeister geführt. Tatsächlich sind sie eher Markenbotschafter. Und TV-Stars. Wie Fernsehköche plaudern sie vor der Kamera über die Kunst des Brennens. Jede Staffel ist einem speziellen Moonshine gewidmet, zuletzt einem Haselnussrum. Sugarlands verkauft ihn mit dem Konterfei der beiden. "Die alten Schwarzbrenner waren alles gute Menschen", sagt Digger Manes. "Für sie war das ein Job, mit dem sie ihre Familien durchgebracht haben. Die meisten gingen regelmäßig in die Kirche. Wovon wurden die Kirchen hier denn gebaut? Vom Geld der Schwarzbrenner."

USA: Darrell Miller ist Moonshiner in 13. Generation. Seit 1620, als die ersten Siedler mit der "Mayflower" nach Amerika kamen, brennt seine Familie Schnaps. Verkauft wird er heute wieder in Einmachgläsern - wie während der Prohibition.

Darrell Miller ist Moonshiner in 13. Generation. Seit 1620, als die ersten Siedler mit der "Mayflower" nach Amerika kamen, brennt seine Familie Schnaps. Verkauft wird er heute wieder in Einmachgläsern - wie während der Prohibition.

(Foto: Tom Noga)

Der Weg nach Hartford führt durch die Berge. Über schroffe Hügel und durch schattige Täler, in denen Nebel hängt - daher der Name: Smoky Mountains, rauchige Berge. Immer schmaler windet sich die Straße durchs Tal. Bis sie nur noch ein Feldweg ist. Hartford besteht nur aus ein paar Häusern, die sich im Schatten einer Autobahnbrücke ducken. In einem davon residiert Bootleggers, auf Deutsch: Schwarzhändler. Die Brennerei gehört Darrell Miller, einem großen, massigen Mann. Auch er trägt Latzhose. Darrell Miller ist Moonshiner in 13. Generation: "Seit 1620, seit die ersten Siedler mit der Mayflower rüberkamen. William Mullins, kannst du nachschlagen. Seine Tochter hat John Alden geheiratet, einen Fassmacher. Verdammt praktisch, nicht wahr?"

Der Laden ist winzig: Holztheke, zwei Regale, sonst nichts. Im hinteren Raum rattert eine Destillieranlage. Bis vor ein paar Jahren hat Darrell Miller noch schwarz gebrannt. Das Geschäft hat er von seinem Großvater gelernt. Wie man Aceton und andere Nebenprodukte rausfiltert. Wie man die Temperatur an der Destille reguliert. Läuft sie zu heiß, erhält man zwar das Aroma, erreicht aber nur geringe Volumenprozent. Läuft sie zu kühl, ist es genau umgekehrt. Das Wichtigste aber: "Ich verwende nur Quellwasser, das nicht der Sonne ausgesetzt war." Darrell Miller schleppt sich einen Berg hinauf zur alten Familiendestille. Der Platz ist modrig und feucht. Auf Maultieren hat Miller die Zutaten hochgebracht und den fertigen Whiskey herunter. "Von März bis Oktober war Saison. Sobald die Blätter fielen, musste man aufhören. Da sah man den Rauch."

Abends auf Darrell Millers Veranda. Grillen zirpen, Vögel singen, ab und an fährt ein Auto vorbei. Moonshine schön und gut, sagt er. Die Aura des Verbotenen, der Prohibition, das wird immer Leute anziehen. Aber die Zukunft ist etwas anderes. Er gießt einen Bootleggers Reserve ein. Fünf Jahre im Eichenfass gereift. Süß, mit Aromen von Vanille und Tanninen. Ein Whiskey mit großem Potenzial.

Und dann fängt er an zu erzählen. Von Verwandten, die im Gefängnis gelandet sind. Von Onkeln. Sie wurden, so die offizielle Version, bei einem Jagdunfall erschossen. Aber jeder wusste, dass sie einem anderen Schwarzbrenner in die Quere gekommen waren. Und vom kleinen schwarzen Buch seines Großvaters. Darin waren die wichtigsten Kunden mit Telefonnummern aufgelistet. Vor allem die Honoratioren: Richter, Sheriffs, Staatsanwälte. Auch Miller hat ein solches Buch geführt, die Kontakte dann ganz anders genutzt. "Als die Gesetze geändert wurden, habe ich ihnen vorgerechnet, was an Steuern reinkommt, wenn ich mein Geschäft legal betreibe. Das hat sie überzeugt. Allein meine Steuern hätten für eine neue Schule gereicht." Miller schenkt nach. Noch einen Bootleggers Reserve. Nicht im Stamperl, sondern wie es sich gehört: im bauchigen, dickwandigen Glas. Auch für Darrell Miller hat sich der Deal mit der Gemeinde gelohnt. "Ich habe zwei Töchter, und ich wollte nicht, dass sie ohne Vater aufwachsen. Mit Bootleggers lebe ich unsere Familientradition und muss mir keine Sorgen machen, im Gefängnis zu landen."

Reiseinformationen

Anreise: United und Delta fliegen von München über Washington bzw. Atlanta nach Knoxville, hin und zurück ab 1050 Euro. Von Knoxville ist es eine Stunde mit dem Mietwagen nach Pigeon Forge, anderthalb sind es nach Gatlinburg.

Übernachten: Greystone Lodge by the River, 599 Parkway Gatlinburg, TN 37738, rustikales Berghotel mit geräumigen Zimmer, DZ mit Frühstück 175 Euro, https://greystonelodgetn.com

Touren-Tipp: Der Tennessee Whiskey Trail verbindet die Brennereien im Staat, www.tnwhiskeytrail.com

Weitere Infos: www.tennessee.de

Hinweis

Die Recherchereise für diesen Beitrag wurde zum Teil unterstützt von Veranstaltern, Hotels, Fluglinien und/oder Tourismus-Agenturen.

© SZ vom 06.12.2018/edi
Zur SZ-Startseite
Pause auf den Weißen Klippen über dem Missouri in Montana

Paddeltour in den USA
:Die Zeit steht still auf dem Missouri River

Vor mehr als 200 Jahren suchten Pioniere in einer entbehrungsreichen Expedition auf dem längsten Fluss der USA einen Weg Richtung Westen. Eine Kanutour folgt ihren Spuren - allerdings mit deutlich mehr Komfort.

Lesen Sie mehr zum Thema

Süddeutsche Zeitung
  • Twitter-Seite der SZ
  • Facebook-Seite der SZ
  • Instagram-Seite der SZ
  • Mediadaten
  • Newsletter
  • Eilmeldungen
  • RSS
  • Apps
  • Jobs
  • Datenschutz
  • Kontakt und Impressum
  • AGB