USA Am singenden Fluss

Aus der Kleinstadt in die ganze Welt: In den Fame-Studios begann in den Sechzigerjahren der Siegeszug des Soul und Rhythm 'n' Blues.

(Foto: mauritius images)

Die Musik spielt in Alabama in der tiefsten Provinz. Dort nahmen Stars wie Aretha Franklin und Bob Dylan ihre Songs auf - und, streng geheim, auch die Rolling Stones.

Von Tom Noga

Die Sache mit den Rolling Stones? Jimmy Johnson grinst und sagt: "Begeistert waren wir nicht. Wir lasen, dass sie sich für eine Rhythm 'n' Blues-Band hielten. Das sahen wir nicht so: Echter Rhythm 'n' Blues klingt anders." David Hood schüttelt den Kopf, sagt: "Wir durften niemandem davon erzählen, weil sie nur ein Touristenvisum für eine Tournee hatten, nicht für Plattenaufnahmen. Und dann kommen sie mit einer Filmcrew. Wo immer die Band hinfuhr, hatte sie einen Wagen hinter sich, aus dem ein Kameramann hing."

Jimmy Johnson und David Hood: Der eine groß und massig, der andere klein und drahtig. Sie sitzen im Muscle Shoals Sound, ihrem ehemaligen Studio, das heute ein Museum ist. 3614 Jackson Highway. Ein Shotgun House, wie man im Süden der USA sagt: schmal und tief. Verklinkerte Fassade, gebaut an einen Hang. Das Studio selbst im Untergeschoss. Es ist winzig. Man fragt sich, wie die Rolling Stones mit ihrer Entourage hier hineingepasst haben, mit den Frauen, Freunden und Session-Musikern.

Die Musiker wollten Bier, das aber war verboten. Also musste man es schmuggeln

3614 Jackson Highway - das ist mitten im Nichts. Ein paar Häuser, ein Hügel, dahinter verliert sich die Landstraße in endlosen Wiesen und Wäldern. Provinzieller als hier, wo Alabama an Tennessee und Mississippi grenzt, geht es in den USA nicht. Und doch war Muscle Shoals einst so etwas wie der Nabel der Popwelt. Und es ist immer noch ein Ort, der im Takt der Musik schlägt, von Blues und Country. Oder wie man heute sagt: von Americana, von Klängen, die aus der amerikanischen Volksmusik schöpfen.

Zu den Künstlern, die in Muscle Shoals Musikgeschichte schrieben, gehört Aretha Franklin. Hier eine Aufnahme aus dem Jahr 1969.

(Foto: Getty Images/Michael Ochs Archives)

Dass es so ist, hat viel mit Jimmy Johnson und David Hood zu tun. Beim legendären Label Fame waren sie in den 60er-Jahren zwei Viertel der Studioband, der Swampers: Johnson an der Gitarre, Hood am Bass. Fame brachte schwarze Musik heraus: Percy Sledge etwa und die Staple Singers, Wilson Pickett und Aretha Franklin. Eingespielt von einer weißen Studioband mitten im rassengetrennten Süden.

Ende der 60er machten sich die Swampers selbständig. Bob Dylan nahm bei ihnen sein großartiges "Gotta Serve Somebody" auf, die Rolling Stones drei Songs für ihr Album "Sticky Fingers". Und die Südstaaten-Rocker Lynyrd Skynyrd setzten ihnen im Song "Sweet Home Alabama" ein Denkmal: "Now Muscle Shoals has got the Swampers. They've been known to pick a song or two. Lord they get me off so much, they pick me up when I'm feeling blue. Now how about you?" - In Muscle Shoals gibt's die Swampers, man kennt sich von ein oder zwei Songs. Sie törnen mich an, sie richten mich auf, wenn's mir schlecht geht. Und dich?

Im Muscle Shoals Sound öffnet Jimmy Johnson eine Schranktür. Eine vermeintliche Schranktür. Dahinter ist eine Bar. Eine Theke, zwei Sofas, Decke und Wände holzvertäfelt. Colbert County, der Landkreis, zu dem Muscle Shoals gehört, war lange Zeit trocken, der Verkauf von Alkoholika komplett verboten. Vor zehn Jahren wurde das Verbot gekippt, seit März 2018 sind auch am heiligen Sonntag Alkoholika erhältlich. "Wir kannten die Gegend nur trocken", erinnert sich Jimmy Johnson. "Aber die Musiker, die bei uns aufnahmen, verlangten nach Bier. Also haben wir eine Zapfanlage gekauft, jede Woche ein Fass an die Staatsgrenze mit Tennessee liefern lassen und es hierhergebracht. Wir durften das Bier zwar nicht verkaufen, aber gratis ausschenken."