Tipps für Bergtouren:Gipfel für Familien und Schwindelfreie

Auf welchen Berg soll ich steigen? Sechs Vorschläge von SZ-Autoren.

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Familiengipfel: Schneibstein

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Quelle: Rup/CC BY-SA 3.0

Die Wucht der Berchtesgadener Gipfel mit dem Watzmann, dem Göll oder dem Hundstod beeindrucken auch noch Kinderseelen, die sonst auf der Hütte nach dem Trampolinspringen am Handy rumfingern wollen. Doch die schrofigen Steinberge in der südöstlichen Ecke des Landes haben den Nachteil, dass sie ohne ausreichende alpine Erfahrung als Tour nicht zu empfehlen sind. Der Schneibstein dagegen, 2267 Meter hoch und damit ein kleiner, auf den ersten Blick etwas unscheinbarer Bruder der mächtigen Berchtesgadener, lässt sich mit anständiger Kondition und Ausrüstung auch von Familien gut bezwingen. Vom Parkplatz am Königssee geht es am Morgen mit der Bahn auf den Jenner empor und von dort gemütlich bis zum Sattel hinab. Dann beginnt der Anstieg durch Latschenfelder und später über das typisch karstige Gestein hinauf bis zum breiten Gipfelplateau. Nur gut 600 Höhenmeter sind zu bewältigen, je nach Winter liegt noch genügend Altschnee für ein paar Sommer-Schneebälle. In jedem Fall sollte man an der höchsten Stelle sein persönliches, inneres Panorama-Video drehen. 360 Grad Gipfel, Berge, Felsen.

Nun beginnt der Abstieg, der beim Schneibstein den eindeutig längeren Part der Tour ausmacht, weil es eine Runde zurück zur Mittelstation der Jennerbahn zu drehen gilt. Die "kloane Rei'm" (kleine Runde) heißt diese Variante, in der es über Felsbrocken hinab zum kleinen, eiskalten Seeleinsee geht, der so klar und unschuldig daliegt, dass man unbedingt seine Füße hineinhalten muss. Steil hinab Richtung Tal passiert man dann zwei bewirtschaftete Almen und eine Enzianbrennhütte, mit ein bisschen Glück kann man sogar frischen Schnaps probieren. Doch nicht nur Gaumen und Augen haben auf der Rei'm ihr besonderes Erlebnis: Wer genau hinhört, wird das Pfeifen der Murmeltiere hören, die auf den Almwiesen ihre Höhlen haben.

Heiner Effern

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Bei den Wettermachern: Hohe Sonnblick

Hoher Sonnblick, Goldberggruppe, Nationalpark Hohe Tauern, 2008

Quelle: Hapi74/CC BY-SA 3.0

Wenn schwarze Wolken um den Gipfel wabern, sieht der Hohe Sonnblick ein bisschen so aus wie der Schicksalsberg im Reich Mordor. Ein schwarzer, abweisender Klotz, und ganz oben, auf dem felsigen Gipfel, sitzt eine Art leuchtende Burg mit Antennen drauf. Von Norden aus gesehen wirkt der Sonnblick tatsächlich erst einmal abschreckend, aber der Dreitausender am Ende des Rauriser Tals gehört zu den schönsten Zielen in den Hohen Tauern. Obwohl man vom Parkplatz "Lenzanger" am Ende der Mautstraße bis zum Gipfel mit der berühmten Wetterwarte mehr als 1600 Höhenmeter bewältigen muss, handelt es sich um eine äußerst komfortable Unternehmung, denn unterwegs gibt es vier Hütten: das Naturfreundehaus Kolm-Saigurn (1600 Höhenmeter ), die Neubau-Hütte (2100 Meter), die Rojacherhütte (2700 Meter) und das Zittelhaus, eine Alpenvereinshütte neben der Wetterstation am Sonnblickgipfel (3106 Meter). So lässt sich die Besteigung auch auf zwei Tage verteilen.

Es geht sehr steil los, am Barbarafall vorbei durch den "Maschinengraben" zu verfallenen Anlagen aus der Zeit des Goldbergbaus. Nach der Rojacherhütte führt die Route über den extrem ausgesetzten Südostgrat, Steigleitern und Drahtseile sichern die steilsten Stellen (Schwierigkeit maximal 2). Alternative: Über den flachen Gletscher, für dessen Überquerung meistens Stöcke ausreichen, manchmal braucht man Steigeisen. Den Großglockner-Blick auf dem Gipfel kann man bei Apfelstrudel und frischem Kaffee in der Hütte genießen - die bei Bedarf auch komfortable Zimmer anbietet. Das Höchste: Die Sonne am nächsten Morgen auf dem Hohen Sonnblick aufgehen sehen.

Titus Arnu

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Hartes Match: Vorderer Tajakopf

Vorderer Tajakopf, Mieminger Kette, Seebensee, 2007

Quelle: Luidger/CC BY-SA 3.0

Da gerade dieses große Sportturnier stattfindet und mindestens die ganze Menschheit über Fußball redet, kann man sich den Vorderen Tajakopf (2450 Höhenmeter) in der Mieminger Kette wie ein Fußballspiel vorstellen, und zwar eines mit Herzschlagfinale und ohne taktisches Abtasten. Es geht nämlich schon gleich in der ersten Halbzeit nach kurzer Aufwärmphase im Mischwald bei Ehrwald richtig zur Sache, entweder über den steilen Steig namens Hoher Gang oder am extrem steilen Seeben-Klettersteig, den aber nur technisch versierte Konditionstiere auf sich nehmen sollten. Senioren-, Jugend- und Freizeitkicker bringt alternativ auch die Ehrwaldbahn und ein Breitwanderweg bis zum Seebensee (1657 Meter) und weiter zur Coburger Hütte (1917 Meter), wo man sich im Mittelfeld des Berges festsetzen kann. Als Weltklassewanderer dribbelt man nach einer viertelstündigen Verschnaufpause dem Einstieg zum Klettersteig an der Tajakante auf 1850 Meter und damit der zweiten Hälfte entgegen. Die kann lang werden, bis zu drei Stunden.

Denn an dem mit der Schwierigkeit D (sehr schwer) eingestuften Tajakanten-Klettersteig gilt es, an der Flanke immer wieder steil zu gehen, auch dann, wenn die Kraft in den Gliedmaßen durch die teils überhängenden Felsstufen rapide schwindet. Routiniers und Naturtalente haben freilich weiterhin den Blick für die Tiefe des Raums: unten der türkisfarbene Seebensee, südlich der ebenso türkisfarbene Drachensee, und im Norden der alles überragende Star, das Zugspitzmassiv. Wer nach dem Gipfelsturm tatsächlich eine Verlängerung braucht, nimmt den zackigen Klettersteig zum Hinteren Tajakopf mit. Jedenfalls müssen Kraft und Konzentration noch reichen, um die Bergtour in der Schlussphase auf ausgesetztem, schrofigem Gelände hinunter zur Coburger Hütte über die Zeit zu bringen. Dafür wartet dort vor dem Auslaufen das wahrscheinlich beste Tiroler Gröstl südlich des Wettersteingebirges.

Dominik Prantl

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Auf der Nadelspitze: Aiguille Dibona

Aiguille de Dibona, 2009

Quelle: RémiB/CC BY-SA 2.0 FR

Wer die Aiguille Dibona (3131 Meter) auf dem Zustieg zur Soreiller-Hütte endlich sieht, wird instinktiv erst einmal stehen bleiben. Zu extravagant ist diese Felsgestalt: eine Granitnadel, so spitz, dass man sich fragt, ob man auf ihrem Gipfel überhaupt stehen kann. Wer endlich oben ist - zwingend über eine Kletterroute -, der wird feststellen, dass die Perspektive nicht getrogen hat: Für mehr als eine Person ist kein Platz.

Der erste, der einen Fuß auf diese ausgesetzte Spitze im Pelvoux-Gebiet der Dauphiné stellen konnte, war im Sommer 1913 der Südtiroler Bergführer Angelo Dibona. Nach ihm wurde die auf der Luftlinie zwischen Briançon und Grenoble gelegene Nadel später benannt. Heute ist sie wegen ihrer tollen Felsqualität ein beliebtes Ziel für Kletterer. Der Weg der Erstbesteiger über den Nordgrat ist bis heute die leichteste Route (III+), auf der deutlich stärker frequentierten Südseite reiht sich eine Traumroute an die nächste. Klassiker wie die Voie Madier fordern trotz einer vermeintlich zahmen Bewertung im oberen fünften, unteren sechsten Grad viel von den Begehern - ein Holzkeil im breiten Riss der Schlüsselstelle zeugt bis heute von der schier unglaublichen Leistung der Erstbegeher in den Dreißigerjahren. Daneben finden sich tolle moderne Routen wie die Visite Obligatoire (VI), für die eine leichte Sportkletterausrüstung reicht. Ein mehrtägiger Aufenthalt auf der Soreiller-Hütte lohnt sich auf jeden Fall: Die Routen sind in zehn Minuten erreicht - und das Essen ist französisch-fantastisch.

Silke Lode

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Der Touristenberg: Schlern

Blick auf den Schlern, Seiser Alm, Dolomiten, 2006

Quelle: SaKrifieD/CC BY-SA 3.0

Ach Südtirol! Vor nicht so langer Zeit urlaubten hier vorwiegend deutsche Rentner, drei Wochen Vollpension mit geführten Wanderungen und volkstümlichen Liederabenden. Heute erzählen die coolen Dreißigjährigen ohne rot zu werden von ihrem letzten Wochenende dort. Ob Rentnerparadies oder Trendziel, dem Schlern ist das ziemlich wurscht, der Plateauberg steht schon seit der Trias dort. Wegen seiner markanten Form mit den zwei Zacken (Santner- und Euringerspitze) und dem lang gezogenen Rücken kennt ihn auch der in Bergdingen unbeschlagenste Tourist. Aber wer war schon mal oben?

Denn ganz leicht ist der Schlern auf keinem der mindestens vier Wanderwege zu besteigen. Wer den Panoramalift von der Seiser Alm nimmt, schafft es über den "Touristensteig" in etwa 2,5 Stunden. Aber wer will schon Tourist sein? Deutlich herausfordernder, aber auch schöner ist da der "Prügelweg" von Völs aus, am Beginn der markanten Schlucht verzweigt sich dieser für noch Anspruchsvollere mit dem "Schäufelesteig", beide etwa 4,5 Stunden Aufstieg. Unter Südtiroler Kindern ist es ein kleines Spiel, die anderen zu fragen, auf welchem Weg sie auf den Schlern gewandert sind. Der Touristensteig bringt am wenigsten Anerkennung, am meisten bringt der "Gamssteig". Er führt von Bad Ratzes über das Schlernbödelehaus (gutes Essen!) teilweise ausgesetzt und mit ein paar Drahtseilen zum Plateau.

Wer auf den weitläufigen Wiesen oben angekommen ist und am höchsten Punkt, dem Monte Petz, den Dolomitenblick genossen hat, dem wird es so egal wie dem Schlern selbst sein, ob der nun als Touristenberg gilt oder nicht.

Hans Gasser

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Schönstes Loch: Creux du Van

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Quelle: AFP

Tolle Bergerlebnisse sind leider oft mit Anstrengung verbunden. Das ist beim Creux du Van im Schweizer Jura anders. Wobei es hier ja um Berge gehen soll, nicht um riesige Löcher, darum muss wohl zuerst der Soliat beschrieben werden: ein völlig harmloser, unscheinbarer Gipfel im Val de Travers oberhalb des Neuenburger Sees. 1465 Meter hoch, ein Spaziergang, selbst mit Kindern gut machbar. Aber kurz vor dem höchsten Punkt, was für ein Schauspiel. Plötzlich klafft da ein Abgrund, was man ja über viele Abgründe sagt, aber beim Creux du Van hat man das Gefühl, dass er es im Klaffen zu besonderer Meisterschaft gebracht hat.

Zeit genug hatte er, Gletscher und Bäche haben die Arena vor etwa 200 Millionen Jahren aus dem Jura-Kalk gegraben. Sie ist tief unten etwa einen Kilometer breit, am Rand senkrechte, 160 Meter hohe Felswände. Ringsum liegt ein Naturschutzgebiet, man kann Gämsen und sogar Steinböcke beobachten. "Creux" bedeutet "Vertiefung", "Van" stammt wahrscheinlich vom keltischen Wort für Felsen ab. Allerdings soll der Ort auf alten Karten auch schon als "Cul-du-Vent" bezeichnet worden sein, das Hinterteil des Windes. Wenn man Glück hat, sammelt sich der Nebel in der Tiefe, während man selbst am Rand in der Sonne steht. Auch ohne Glück kann man den Rest des wunderschönen Val de Travers durchwandern und den ein oder anderen Absinth probieren, der hier erfunden worden sein soll. Muss aber nicht sein, auch eine Croûte au fromage kann durchaus eine transzendente Erfahrung sein.

Marlene Weiß

© SZ vom 16.6.2016/kaeb
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