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Städtereisen in England:Musik statt Maloche in Manchester

Nach dem Niedergang der Industrie hat sich Manchester als moderne, lebenswerte Großstadt neu erfunden - und alte Traditionen wie die Liebe zur Musik und zum Fußball einfach beibehalten.

Manchester-Kapitalismus ist bis heute ein geflügeltes Wort, die drittgrößte Stadt Englands steht für die Schattenseiten der Industrialisierung. Doch sie hat den Übergang ins nachindustrielle Zeitalter, den Wandel vom schmutzig-grauen Moloch zu einer modernen, lebenswerten Großstadt geschafft. Längst gilt Manchester als lohnendes Ziel für einen Kurzurlaub.

Zum Einstieg empfiehlt Stadtführer Ray Hoerty die Kanal-Tour. Sie führt auf schmalen Wegen an den Kanälen entlang, die Manchester durchziehen. Die Teilnehmer erfahren, dass diese Wasserläufe zur Zeit der Industrialisierung angelegt wurden, um die Güter zu transportieren. Deshalb liegen die meisten alten Industrieanlagen direkt an den Kanalufern.

Hoerty zeigt auf ein restauriertes Backsteingebäude auf der anderen Seite des Kanals: "Dort drüben sehen Sie ein Haus, in dem früher eine Fabrik für Regenschirme untergebracht war." Heute erinnert nur noch der Name der schicken Rain Bar im Erdgeschoss an die frühere Bestimmung des wuchtigen Gebäudes.

In den anderen Etagen des denkmalgeschützten Hauses sind Loft-Wohnungen entstanden. In anderen Fabrikgebäuden haben sich Cafés, Restaurants, Fitnessclubs, Diskotheken und moderne Apartments angesiedelt.

Manchester hat sich ähnlich schnell von einer Industriemetropole im Niedergang zu einer Stadt mit neuer Lebensqualität gewandelt wie die Stadt einst zum industriellen Zentrum Englands aufgestiegen war. Das weiche Wasser eignete sich besonders gut für die Bearbeitung von Tuchen und Stoffen, deshalb siedelten sich hier im 18. Jahrhundert die ersten Textilfabriken an.

In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts wurden hier 60 Prozent des weltweiten Baumwollbedarfs gesponnen, gefärbt und in alle Welt verschickt. "Fahren Sie mal zur Quarry Bank Mill nach Styal", empfiehlt Hoerty. Das Industriemuseum zeige anschaulich, wie die Menschen damals gelebt und gearbeitet haben.

Das Museum liegt einige Kilometer südlich des Stadtzentrums am River Bollin. Die Museumswärter erklären, wie die Baumwolle mit den alten Maschinen gekämmt, gesponnen und gewebt wurde. Die meisten sind noch voll funktionstüchtig - und machen einen Höllenlärm.

Kunst und Kultur am Wasser ist das Motto von The Lowry. Das moderne Kulturzentrum beherbergt hinter einer eindrucksvollen Hülle aus Glas und Metall zwei Theater, mehrere Galerien, Cafés und Restaurants. Der Komplex liegt im Hafenareal Salford Quay. Einst geschäftiger Umschlagplatz für Baumwolle, später dem Verfall preisgegeben, präsentiert sich das Viertel jetzt komplett saniert. Heute säumen futuristische Bürokomplexe und Wohnanlagen die Hafenbecken und Kanäle.

Über eine kühn geschwungene Fußgängerbrücke, die den Manchester Ship Canal überspannt, spaziert man nach Trafford. Dort steht ein weiteres architektonisches Meisterwerk: das Imperial War Museum. In Gehweite befindet sich Old Trafford, die Heimat des Fußballclubs Manchester United. Im Theatre of Dreams können Besucher bei einer Führung einen Blick hinter die Kulissen werfen. Die eineinhalbstündige Tour beginnt auf der Nordtribüne, führt zu den heiligen Hallen der Spieler und durch den Tunnel direkt zum Spielfeld. Man darf auf der Reservebank Platz nehmen und auf dem Sessel, von dem aus Sir Alex Furgeson seine Red Devils dirigiert.

Ein Muss für jeden Musikinteressierten ist der Fac 51 Music Walk. Auf dem zweistündigen Rundgang sieht er die bedeutendsten Schauplätze des Musiklebens der Stadt. Geschichten werden wieder lebendig und helfen zu verstehen, warum ausgerechnet Manchester bis heute so viele Bands und Fans aus aller Welt anzieht.

Da ist zum Beispiel der "Hacienda"-Club, in dem die Rave- und Acid-House-Szene in den 80er Jahren ihren Ausgang nahm. Der Film "24 Hours Party People" hat den Mythos verewigt. "Der Club war für Manchester so wichtig wie Michelangelos David für Florenz", erklärt der Führer. Doch den Tanzschuppen gibt es längst nicht mehr. "Weil Drogen ins Spiel kamen, Bandenkämpfe und Polizeirazzien das Bild bestimmten, musste der Club 1993 geschlossen werden."

Heute zählt "Cloud 23" zu den angesagtesten Adressen. Die Bar liegt im 23. Stockwerk des Beetham Towers, der mit seinen 171 Metern zu den höchsten Wohngebäuden Europas zählt. "Ohne langfristige Reservierung geht gar nichts", erfahren einige Jugendliche. Und wer in Turnschuhen Einlass begehrt, wird von den Türstehern gleich abgewiesen.

© Detlef Berg, dpa/dd
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