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Wintersport in den Alpen:Wie Freerider ihr Paradies La Grave retten wollen

La Grave, Freeriden

Das Gebiet um La Grave lockt bislang mit wilder Natur.

(Foto: Alexey Ivanov - Fotolia)

In dem französischen Skigebiet müssen sich derzeit noch die Sportler dem Berg anpassen, nicht umgekehrt. Nun will ein Konzern die Pisten glattbügeln. Doch es gibt Widerstand.

Wenn La Grave überhaupt ein Skigebiet ist, dann ein aus der Zeit gefallenes. Eines, das im Film schwarz-weiß wäre, in dem die Skifahrer noch im Telemark-Stil talwärts zischen und Luis Trenker gleich um die Ecke biegt. Denn eigentlich besteht das Gebiet nur aus einer Seilbahn, einem kurzen Schlepplift bis auf 3560 Höhenmeter und einem gewaltigen Stück Berg.

Perfekt gebügelte Pisten? Fehlanzeige. Wer hier aus der Gondel steigt, steht vor dem Nichts, respektive dem großen Ganzen: fast 2000 Höhenmeter unpräpariertes Geläuf voller Felsen, Gletscherspalten und engen Couloirs. Ein Gebiet, in dem man auf eigene Gefahr (besser: mit Guide) unterwegs ist, wo sich nicht der Berg dem Skifahrer anzupassen hat, sondern umgekehrt. Der Albtraum für fröhliche Rutscher, das Paradies für Freerider. Die finden in dem 700-Seelen-Dorf zwischen Grenoble und Briançon seit 40 Jahren ihre Erfüllung, genauso wie Biker, Kletterer und Paraglider im Sommer. Doch das Paradies ist bedroht: Im Juni 2017 laufen die Betreiberrechte für die Gondel aus, und längst stehen die Bewerber mit den dicken Geldbeuteln Schlange. Zum Beispiel die Nachbarn aus Les Deux Alpes, einem Skizirkus mit 220 Pistenkilometern und 51 Liften. Der Skipass dort heißt "Grand Galaxie", doch die Galaxie will noch größer werden. Was das für La Grave bedeuten würde, kann man leicht erahnen: Mit der großen Freiheit wäre es dann vorbei.

Mit Crowdfunding soll die Seilbahn gekauft werden - aber es braucht eine große Summe

Gegen die Pläne regt sich Widerstand. Ein halbes Dutzend Aufrechter hat die Crowdfunding-Initiative Signal de La Grave ins Leben gerufen. Ihr Ziel: die Bergbahn selbst betreiben, die Gästezahlen im Sinne der Nachhaltigkeit nur behutsam steigern, "das grünste, authentischste Outdoor-Dorf der Welt" werden. Ihre Botschaft: La Grave gehört der Gemeinschaft. Ihre Angst: Gewinnmaximierung auf Kosten der Umwelt, Immobilien-Hausse, Ausbeutung des Gletschers, Bau von Liften und Kunstschnee-Anlagen, Kommerzialisierung des Ortes. Ihr Slogan: "Let's keep it wild!" Bis 7. Dezember will man 45 000 Euro sammeln, um gegen börsennotierte Unternehmen antreten zu können. Bislang haben knapp 600 Unterstützer über die Website www.indiegogo.com rund 38 000 Euro gespendet.

Die wilde Natur - so wie hier am Dome de la Lauze - wollen die Freerider erhalten. Das Gebiet um La Grave lockt auch sonst bislang nicht mit Luxus.

(Foto: look)

Joost Van Zundert, 46 Jahre alt, ist einer der Initiatoren. Immer wieder zog es den Belgier nach La Grave, bis er beschloss, einen kompletten Winter in den Bergen zu verbringen - das ist elf Jahre her. Längst hat er Heimat und Job in Antwerpen hinter sich gelassen, eine Familie gegründet, um in La Grave zu leben, zunächst als Betreiber des Chalets La Chaumine, nun wieder in seinem Job in der Kunststoffindustrie. Er sagt: "Wir wollen die wilde, ungezähmte und natürliche Umgebung kontrolliert den Menschen zugänglich machen, welche die Natur respektieren." Die Alpen seien bereits voll von industriellen Skigebieten, gerade in Frankreich.

SZ-Karte

La Grave gehört zu den schönsten Dörfern Frankreichs, lockt aber nicht mit Luxus, Shopping und Holzchalets, sondern mit schlichten Häusern aus Schiefer und Tuffstein - anders als Les Deux Alpes, das die Bausünden der 1960er- und 1970er-Jahre verschandelt haben. Nur: Wie sich der übermächtigen Konkurrenz erwehren, wenn's ums Geld geht? Die Non-Profit-Organisation um Van Zundert schätzt, dass fünf Millionen Euro nötig sind, um ihre Pläne umzusetzen - eine Million habe man in Aussicht, so der Belgier: "Das Geld kommt von privaten Investoren, Menschen aus der ganzen Welt, die La Grave lieben, sich hier ein Haus gekauft haben und nun spenden, um den Ort zu bewahren." Die Konkurrenz dürfte dagegen eher am Gletscher interessiert sein. Der sorgt für eine lange Saison, Sommerskilauf und langfristig gute wirtschaftliche Aussichten in Zeiten des Klimawandels.

Die Entscheidung treffen im April der Gemeinderat und Bürgermeister Jean-Pierre Sevrez, der sich dazu zurzeit nicht äußern will. Die Bahn gehört der Gemeinde, Sevrez ist schon lange zerstritten mit Denis Creissel, dem derzeitigen Betreiber der Seilbahn - des Geldes wegen. Das Geld wird auch im Gemeinderat die größte Rolle spielen, befürchtet Van Zundert: "Das sind alles Haus- und Grundstücksbesitzer, und wenn La Grave von einem Konzern gekauft wird, werden die Preise für Grund gewaltig steigen." Am 17. Dezember beginnt in La Grave die Saison - womöglich die letzte dieser Art.

Info

Anreise: Mit dem Auto über Genf bis nach Grenoble, dort Richtung Briançon abbiegen. Von dort aus sind es dann noch mal 40 Kilometer Landstraße.

Unterkunft: Die Skiers Lodge direkt an der Route Nationale de Grenoble gehört zu den beliebtesten Unterkünften im Ort. Eine Woche Unterkunft, Verpflegung (Halbpension) plus Ski-Guide und Sicherheitsausrüstung kosten zwischen 1200 und 1300 Euro, www.skierslodge.com; ein Doppelzimmer im Hotel Castillan kostet etwa 73 Euro, www.le-castillan.com

Skigebiet: Der Tagesskipass kostet 49 Euro, der 6-Tagespass 258 Euro. Ein Tagespass plus Ski-Guide kostet pro Tag 85 Euro. Die Saison geht vom 17. Dezember bis 23. April, www.la-grave.com