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Silvester im Waldhaus in Sils Maria:"Es wird eher eine Sitzparty"

Wie eine Burg liegt das Waldhaus auf 1800 Metern im Engadin. Die Gäste werden Silvester anders feiern als sonst. Zumindest auf den Schnee ist dieses Jahr aber Verlass.

(Foto: Gian Giovanoli)

Das Grand Hotel Waldhaus in Sils Maria ist ein Treffpunkt für Künstler und Intellektuelle - und an Silvester normalerweise ausgebucht. In diesem Jahr musste man auch hier umdenken.

Interview von Hans Gasser

Urs Kienberger, 68, hat zusammen mit seiner Schwester und dem Schwager das von den Urgroßeltern 1908 erbaute Grandhotel Waldhaus in Sils Maria im Engadin fast drei Jahrzehnte lang geführt. Mittlerweile haben seine Neffen übernommen, aber Kienberger arbeitet weiterhin mit. In dem Fünf-Sterne-Hotel mit 140 Zimmern fühlt er sich vor allem für die besondere Atmosphäre und die persönliche Ansprache der Gäste verantwortlich. Weil er sich auch am besten mit der langen Geschichte des Hauses und seinen illustren Gästen auskennt, hat er unlängst ein Buch darüber geschrieben. Kienberger kennt viele Anekdoten von früher, erklärt aber auch, wie es dem Traditionshotel in diesen schwierigen Zeiten ergeht.

"Musik gehört zu unserem Hotel": Urs Kienberger, dessen Urgroßeltern das Waldhaus 1908 erbauen ließen.

(Foto: Guido Schmidt)

SZ: Herr Kienberger, normalerweise mussten Gäste lange im Voraus buchen, um einen Platz bei Ihnen über Weihnachten und Neujahr zu bekommen. Wie ist es in diesem speziellen Jahr?

Urs Kienberger: Üblicherweise sind über die Festtage zwei Drittel aller Gäste Ausländer, darunter viele Stammgäste. Allen Unwägbarkeiten zum Trotz hielten erstaunlich viele von ihnen noch bis vor wenigen Wochen an ihrer Reservierung fest, aber schließlich mussten verständlicherweise viele absagen. Die Nachfrage von Gästen aus der Schweiz ist zwar erfreulich stark, aber so kurzfristig kann das natürlich nicht alles wettmachen.

Fast überall in Europa sind Hotels zurzeit geschlossen. Wie wird Silvester bei Ihnen im Waldhaus ablaufen?

Ganz anders als sonst. In normalen Jahren haben wir zwei Orchester und einen DJ, ein großes Dinner, einen großen Ball und Feuerwerk. In diesem Jahr nicht. Es wird eher eine Sitzparty. Wir haben viel weniger Hausgäste und dürfen keine auswärtigen Gäste empfangen. Es dürfen maximal vier Personen an einem Tisch sitzen, überall gilt Maskenpflicht, außer am Tisch. Ich dachte zunächst, im Rahmen des Konzertverbots sei auch die Livemusik im Hotel verboten. Doch nun darf unser Trio doch wieder Hintergrundmusik spielen. Das hätte mich sonst persönlich recht getroffen, obwohl's ja eigentlich eine Nebensache ist. Wir haben immer Livemusik gehabt, selbst in schwierigsten Zeiten. Ohne Musik käme mir die Atmosphäre in diesen großen, schönen Räumen vor, als ob man einen Kübel Eiswasser über das Ganze geleert hätte.

Aber immerhin dürfen Sie öffnen.

Ich will auch nicht jammern, denn angesichts der Pandemie und der hohen Fallzahlen ist das schon viel. Es ist ein Wunder, dass überhaupt noch ein ordentlicher Hotelalltag möglich ist. Wir haben 200 Hausgäste, etwa drei Viertel im Vergleich zu 2019. Und coronabedingt ist es uns auch wohler mit dieser geringeren Zahl, selbst wenn die Räume groß und hoch sind. Die Gäste dürfen sogar ins Spa, und Silvester können wir immerhin bis ein Uhr offen haben. Sonst ist die Sperrstunde um 23 Uhr. Doch es ist vielleicht nicht nur schlecht, wenn für einmal die ganze Hektik von Silvester, die ja eigentlich gar nicht so Waldhaus-typisch ist, wegfällt und diese schönen Räume uns und unseren Gästen vor allem das geben, wofür sie gedacht sind: viel Freiraum.

Von Thomas Mann über Theodor Adorno bis zu Jonathan Meese: Ihr Hotel zieht seit jeher Künstler und Intellektuelle an. Warum?

Angefangen hat das mit Friedrich Nietzsche, der in Sils Maria einige Sommer verbracht hat, allerdings lange, bevor es unser Hotel gab. Das hat Menschen nach Sils geführt, die sich für seine Gedanken und für das Denken an sich interessierten. Und die einen zogen im Verlauf der Jahre die anderen an. Später auch in unserem Hotel.

Lieben Künstler nicht einfach die nostalgische, etwas altmodische Atmosphäre Ihres Grandhotels?

Ja, das höre ich immer wieder, und das freut mich auch. Manchmal gibt es aber auch ganz gegenteilige Meinungen, und wir werden als zu altmodisch empfunden. Das Haus darf ruhig etwas schräg wirken, man darf ihm seine Jahre anmerken. Aber die Atmosphäre, für die ich mich mit zuständig fühle, entsteht ja durch das Zusammenwirken von Haus, Personal und Gästen, etwa in unserer großen, sechs Meter hohen Hotelhalle mit 130 Plätzen, in der jeden Tag unsere fest angestellte Hauskapelle zum Tee spielt. Das würde heute kein Hotelinvestor mehr so planen - zu viel nicht in Wert gesetzter Raum.

So sah das Haus an Weihnachten aus. Normalerweise finden in den großen Räumen Konzerte und Lesungen statt.

(Foto: Waldhaus)

Es heißt, Ihr Schwager habe Gästen, die in der Hotelhalle laut am Handy telefoniert haben, eine Gelbe Karte gezeigt?

Ja, wir wollten die besondere Atmosphäre einfach nicht zerstören lassen, von jemandem, der laut ins Telefon spricht: "Eine Million? Zu wenig! Mindestens 1,5 Millionen!" Ich bin deswegen auch ab und zu mit einem Gast in Streit geraten. Aber meine Neffen, die das Hotel jetzt führen, machen das nicht mehr so.

Der Philosoph Peter Sloterdijk hat Ihr Hotel scharf kritisiert: "Wie alle auratischen Milieuhotels zieht das Waldhaus eine Klientel aus Einverstandenen und im Voraus Begeisterten an, denen nichts so fern liegt wie ein kritischer Hinweis, der bei der Verbesserung des Komforts nach zeitgemäßen Maßstäben hilfreich sein könnte." Hat er recht?

Ich denke, er hat nicht ganz unrecht. Wir müssen immer aufpassen, dass wir nicht zu einer geschlossenen Veranstaltung werden, in der sich alle gegenseitig auf die Schultern klopfen. Wir versuchen aber, immer persönlich auf unzufriedene Gäste zuzugehen und Abhilfe zu schaffen. Bei Herrn Sloterdijk ist uns das nicht gelungen. Er kam nach einer langen Fahrt hier an und war Referent bei unseren jährlich stattfindenden Hesse-Tagen. Aber er teilte die Begeisterung unseres Publikums für Hesse nicht so sehr. Das ging ein bisschen schief.

Theodor Adorno war Stammgast im Waldhaus, aber nie zufrieden.

Ja, die Adornos waren offenbar immer unbequeme Gäste. Ich habe das als Kind nicht wirklich mitbekommen. Meine Eltern haben mir aber erzählt, dass die beiden ihnen immer das Gefühl gaben, sich nicht wohlzufühlen - und das, obwohl sie 420-mal hier übernachtet haben! Meine Eltern waren sehr geduldig. Viel später, als ich meinem Vater schöne Texte Adornos über Sils Maria gezeigt habe, hat er gesagt: "Es wundert mich, dass ein Mann, der so elegant schrieb, so schlechte Tischmanieren haben konnte."

Sie sehen es als Ihre Aufgabe, ein Gemeinschaftsgefühl unter den Gästen zu erzeugen. Wie machen Sie das?

Ganz wichtig ist, dass die öffentlichen Räume, die Säle, Salons und die Halle ihre Anziehungskraft behalten, dass das Leben darin funktioniert. Da spielt normalerweise die Musik eine große Rolle, dafür geben wir 200 000 Franken pro Jahr aus. Für uns ist es wichtig, keine Räume wegzunehmen, um sie wirtschaftlich urbar zu machen, etwa durch Boutiquen. Wir wollen möglichst viel Freiraum bieten. Dazu kommen Lesungen und viele andere Kulturveranstaltungen. Und unser Personal ist so geschult, dass kein Gast das Gefühl haben muss, nicht dazuzugehören.

© SZ
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