Reisen nach Großbritannien Ganz schön billig

Günstig zu haben: der Turm zur Glocke "Big Ben".

(Foto: AFP)

Trotz oder gerade wegen des Brexit boomt der England-Tourismus: Das schwache Pfund macht selbst London erschwinglicher. Doch Hoteliers sind in Sorge.

Von Hans Gasser

Auf dem Kontinent schütteln viele den Kopf über den Brexit. Auf der Insel hingegen freut man sich über Rekordzahlen - was ausländische Touristen betrifft. Und das liegt, zum Teil wenigstens, auch am Brexit. Seit der Austritt Großbritanniens im Juni 2016 per Referendum beschlossen wurde, hat das Pfund gegenüber dem Euro mehr als 20 Prozent an Wert verloren. Das macht Urlaub in Großbritannien deutlich günstiger.

Von einem "Rekordjahr" mit rund 37 Millionen Ankünften ausländischer Besucher spricht der Tourismusverband Visit Britain. Allein aus anderen EU-Ländern waren es 25 Millionen, das sind vier Prozent mehr als im Vorjahr. Und die eingegangen Flugbuchungen auf die Insel liegen laut Visit Britain zwischen Februar und April dieses Jahres um 16 Prozent höher als im selben Vorjahreszeitraum. Der Anschlag in London vom 22. März habe sich bislang nicht negativ auf das Buchungsverhalten ausgewirkt.

Deutsche Gäste verbinden das Land mit Geschichte und Kultur, weniger mit Natur

"Wir gehen davon aus, dass die gute Buchungslage auch auf das schwache Pfund zurückzuführen ist", sagt Andrea Hetzel, die Visit Britain in Deutschland vertritt. Essen gehen, Shopping, Stadttouren, all das sei für Gäste aus dem Euro-Raum zurzeit spürbar günstiger. Deutschland ist nach den USA und Frankreich das drittwichtigste Land für Großbritanniens Tourismus. Laut Forschungsgemeinschaft Urlaub und Reisen (FUR) unternahmen die Deutschen im Jahr 2016 rund 2,4 Millionen Urlaubsreisen dorthin, ein sehr großer Teil davon waren Städtereisen. "Deutsche verbinden Großbritannien vor allem mit Baudenkmälern und zeitgenössischer Kultur, weniger mit landschaftlicher Schönheit", heißt es bei Visit Britain.

Mit zwei Ausnahmen: Die schottischen Highlands werden von deutschen Gästen gern besucht; noch mehr wollen die Klippen, Strände und Herrenhäuser in Cornwall sehen, die sie aus den Rosamunde-Pilcher-Filmen kennen. Hier habe sich ein regelrechter Filmlocation-Tourismus etabliert, sagt Hetzel. Kein Wunder, sehen doch im Schnitt sieben Millionen Zuschauer die Pilcher-Verfilmungen im ZDF. Der Sender und die Autorin haben deshalb schon vor Jahren den British Tourism Award erhalten.

Unter den Städten ist London natürlich das Lieblingsziel, jedoch gebe es auch zunehmend Interesse an kleineren Städten im Königreich, sagt Susanne Stünckel, Sprecherin des Reiseveranstalters Tui. Man verzeichne für diesen Sommer ein "hohes zweistelliges Wachstum" bei Buchungen für Großbritannien. Man habe viele neue Städte ins Programm aufgenommen, darunter Aberdeen, Leeds, Swansea und Plymouth.

Und wer soll dann die Arbeit machen?

Was nun aber mit dem Tourismus passiert, sobald das Land, voraussichtlich 2019, aus der EU austritt, dazu wollen sich die wenigsten Anbieter festlegen. Der größte britische Tourismusverband ABTA hat immerhin eine Analyse der Folgen des Brexit veröffentlicht. Dort wird unter anderem herausgestellt, dass die EU-Krankenversicherung nach dem Austritt auf der Insel nicht mehr gelte und auch Briten eine Auslandsversicherung in der EU bräuchten. Die EU-Fluggastrechteverordnung, die bei Verspätung und Ausfall von Flügen Entschädigungen vorsieht, würde dann nicht mehr in jedem Fall gelten; die ab kommendem Sommer wegfallenden Roaminggebühren würden in Großbritannien und für Briten in der EU weiter erhoben.

Besonders besorgt gibt sich die ABTA, was die große Zahl an EU-Bürgern betrifft, die in Großbritanniens Tourismusbranche arbeiten. Durch den Wegfall der Arbeitnehmerfreizügigkeit könnte ein Mangel an Arbeitskräften in Hotellerie und Gastronomie entstehen, heißt es. Und bereits vor dem Austritt könnte ein dauerhaft schwaches Pfund dazu führen, dass die Briten als eine der wichtigsten Badeurlaubernationen weniger in südeuropäische Euro-Länder reisen - mit spürbaren Folgen.

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