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Reisebücher zum VW-Bus:Bulliparade

Sehr viele Menschen fahren VW-Bus, auch Spießer. Aber sein Image prägen eindeutig die Coolen und Zwanglosen. Zwei Bildbände zeigen den Mythos.

Von Stefan Fischer

Auf dem ersten Bild in diesem Buch fehlt etwas. Trotz des blauen Himmels und des noch blaueren Meeres. Blättert man einmal um in dem Band "VW Bus. Road to Freedom", dann sieht man nicht nur diesen mangelhaften Ausschnitt einer Urlauber-Sehnsucht, sondern endlich das ganze Motiv: den Himmel, das Meer - und einen am Straßenrand geparkten VW-Bus, auf dessen Dach ein Surfbrett befestigt ist. Die im Titel beschworene Straße zur Freiheit ist hier zu Ende, das Ziel erreicht. So muss ein Buch über den Mythos VW-Bus anfangen.

Oder aber so wie in dem Band "Bulli Love": Das erste Foto zeigt einen schwarz-roten VW-Bus inmitten einer asiatischen Teeplantage. Dort also, wo man nie einen vermuten würde, wo er nicht hinzupassen scheint. Aber wo bitte wäre ein VW-Bus fehl am Platz? Wenn dieses Auto das Versprechen auf Freiheit mit sich führt, dann auch das, die verrücktesten Orte mit ihm zu besuchen.

Den Mythos bedienen oder einen Kontrapunkt setzen - wer diesem Fahrzeug huldigen möchte, macht in beiden Fällen keinen Fehler. Denn beide Motive machen Lust zu stöbern, womöglich in eigenen Erinnerungen zu schwelgen oder sich seinen Sehnsüchten hinzugeben. Max B. Oertel schreibt in seinem Vorwort zu "Bulli Love": Auf Status habe der VW-Bus nie Wert gelegt, "und doch ist mit jedem Kilometer, mit jedem Jahr und jeder Generation mehr und mehr sein Nimbus, sein Status als Ikone gewachsen".

Dieser Wagen in all seinen Ausführungen, die im Lauf der Jahrzehnte auf den Automobilmarkt gekommen sind, steht im besten Fall für ein Lebensgefühl - eines, das sich auch durch bestimmte Songs ausdrückt. "VW Bus. Road to Freedom" kombiniert diese beiden Aspekte, den optischen und den akustischen. Der Fotoband zeigt einige besonders typische und auch einige besonders kuriose Exemplare. Und über einen Download-Code kann man 16 Songs herunterladen, Eric Burdons "House of the Rising Sun" zum Beispiel, Vanity Fares "Hitchin' a Ride" und "White Rabbit" von Jefferson Airplane.

Und dann funktioniert der Band in manchen Momenten auch wie ein Film, in den ein paar Bilder hineinmontiert sind, die man auf den ersten Blick gar nicht richtig wahrnimmt im Fluss der eigentlichen Erzählung, und die aber doch ein Gefühl der Irritation hinterlassen. Das ist, nach Surf- und Hippie-Bussen, plötzlich eine spießige deutsche 1950er-Jahre-Touristen-Gruppe zu sehen, der wenig Lässigkeit anhaftet. Und später ist der "Hate Bus" von Lincoln Rockwell zu sehen, dem zeitweiligen Chef der amerikanischen Nazi Party.

Die Freiheitsliebenden, die Nonkonformisten haben die Deutungshoheit über das Image des VW-Busses, komplett vereinnahmen lässt sich das Vehikel von ihnen jedoch nicht.

"Bulli Love" setzt ebenfalls auf starke, emotional aufgeladene Bilder, aber darüber hinaus auch auf kleine Erzählungen. Das Buch versammelt die Geschichten von drei Dutzend Menschen und ihren Autos. Der ehemalige belgische Rennfahrer Jacky Ickx ist darunter, der mit einem neuen Bulli durch Afrika tourt. Es gibt eine charmante Episode über die japanische Surfszene, die ihrem eigenen California-Traum nachhängt. Weltreisende tauchen auf, ein Inder, der Bullis und VW-Käfer sammelt.

Und dann sind da eine Reihe Menschen, für die ein VW-Bus ein Arbeitsgerät ist: für den Gemüsegärtner vom Bodensee, der damit zum Wochenmarkt fährt, und für einen Kerl, der Geräusche sammelt, ein Soundtracker, und der dafür einen geländegängigen Wagen benötigt. Auf ihre Weise sind beide Bücher epische Liebesbriefe.

Edwin Baaske: Bulli Love. Delius Klasing Verlag, Bielefeld 2015. 200 Seiten, 49,90 Euro. Jos Bendinelli Negrone: VW Bus. Road to Freedom. Ear Books im Edel Verlag, Hamburg 2015. 116 Seiten inklusive MP3-Download-Code, 19,95 Euro.

© SZ vom 10.09.2015
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