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Reisebuch: Orientierung beim Wandern:Die Natur als Kompass

Die Blume zeigt die Richtung an: Statt mit GPS und Navigationsgeräten zu hantieren, finden sich Wanderer wie Tristan Gooley nur mit Hilfe ihrer Sinne und gesundem Menschenverstand zurecht.

Der Mensch auf seinem Weg, eins mit sich und der Natur - das klingt romantisch, ist auf deutschen Wanderrouten aber längst nicht mehr die Realität. Viel eher ist der moderne Mensch eins mit seinen technischen Hilfsgeräten: Ohne GPS und digitales Kartenmaterial wagen sich viele gar nicht erst in die "Wildnis", also abseits ausgeschilderter Wege. Ist ja auch praktischer, sicherer und geht schneller - und die Zeichen der Natur kann kaum noch jemand lesen.

Reisebuch: Navigation

Wege aus der Wildnis

Fast rührend altmodisch wirken in dieser schönen neuen Wanderwelt Bücher wie Tristan Gooleys "Der natürliche Kompass". Diesem Autor geht es nicht darum, rasch von A nach B zu kommen. Er will seinen Weg nicht kennen, sondern finden und mit seinen Beboachtungen "dem Leser die Schönheit und das Potenzial der natürlichen Orientierung vor Augen führen".

Leitfäden, wie man ohne Karte und Kompass navigiert, gibt es bereits einige auf dem Markt. Wer sich von dem britischen Abenteurer, der als einziger lebender Mensch den Atlantik sowohl im Soloflug als auch als Einhandsegler überquert hat, einen weiteren praktischen Ratgeber mit detaillierten Handlungsanweisungen erhofft, könnte enttäuscht sein.

Auch hat "Der natürliche Kompass" nicht viel gemein mit Outdoor-Überlebens-Seiten im Internet, auf denen man lernen kann, wie man sich mit Ohrenschmalz, einer Nähnadel und einem Glas Wasser einen 1A-Kompass baut - wenngleich hier wie dort die genaue Beobachtung von Sonne, Mond, Sternen, Land, Meer, Wetter, Pflanzen und Tieren der Ausgangspunkt von allem ist.

Wie viele andere erklärt auch Gooley, warum Moos nicht immer zuverlässig die Nordseite eines Baumes anzeigt und wie man Krümmung und Wuchs der Gehölze deuten und sich daran orientieren kann. Darüber hinaus bettet er seine Tipps und Hinweise in ein feines Netz aus historischen, wissenschaftlichen und philosophischen Bezügen, garniert mit Anekdoten aus seinem Abenteurerleben. Das macht die Lektüre über weite Strecken kurzweilig, gelegentlich aber auch etwas langatmig.

Zudem beziehen sich seine Beobachtungen und Anweisungen fast ausschließlich auf Großbritannien - ein etwas weitergehender Ansatz hätte dem Buch sicher einen größeren Leserkreis erschlossen.

Dennoch können Wanderer Gooleys Tipps auch in Deutschland anwenden. Dazu müssen sie sich nicht in die völlige Einsamkeit oder in ausweglose Situationen begeben. Man kann sich auf jedem kurzen Spaziergang in der natürlichen Navigation üben und nach einiger Zeit vielleicht tatsächlich an der Form einer Pfütze erkennen, in welche Richtung der Weg verläuft, auf dem man gerade geht.

Wirft der mündige Wanderer deshalb nach der Lektüre sofort seine Karten und den Kompass weg? Wohl kaum. Fällt es ihm nach Schließen des Buches künftig leichter, mehr auf seine eigene Beobachtung und weniger auf die Technologie zu vertrauen? Ziemlich sicher.

Einige Tipps finden Sie hier ...

Tristan Gooley "Der natürliche Kompass", Piper Verlag GmbH München, 2011. ISBN 978-3-89029-392-9