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Reisepionierin Alexandra David-Néel:"Heute sage ich dir, dass ich zum Skelett abgemagert angekommen bin"

Mit dem 13. Dalai Lama führt sie bei einer Audienz in Indien eine für diese Zeit geradezu unerhört offene Unterhaltung. Während in ihrer Heimat Städte und Landstriche zerstört werden und die Weltordnung erbebt, verbringt David-Néel in der Hoffnung auf Erleuchtung fast zwei Jahre in einer Höhle im Gebirge. Unter Anleitung eines Eremiten lernt sie dort die tibetische Sprache und Mystik.

Der Himalaya fesselt die bis dahin so Unstete mehr und mehr. Und ihr Hang zum Tabubruch tut das Übrige: "Mein Hauptansporn zur Reise nach Lhasa war ganz einfach das strenge, unsinnige Verbot, Zentraltibet zu betreten." Der Besuch des größten Heiligtums Tibets ist Fremden nämlich untersagt. Ihr erster Versuch scheitert noch an aufmerksamen Grenzwachen. Eine Rückkehr nach Europa ist wegen des Krieges praktisch unmöglich, so geht der Weg immer weiter nach Osten, diesmal bis nach Japan. Mittlerweile ist David-Néel nicht mehr allein: Sie hat den jungen Mönch Aphur Yongden als Reisebegleiter gefunden und wird ihn letztlich adoptieren. Er und seine Glaubensbrüder akzeptieren und bewundern die wissenshungrige Exzentrikerin. Als sie sich für einige Jahre in der tibetischen Klosterstadt Kum-Bum niederlässt, bekommt sie den Ehrentitel Yishé Tö-mé ("Lampe der Weisheit") und den Rang eines Lamas verliehen.

Alexandra David-Néel

Alexandra David-Néel auf einer Aufnahme von 1933.

(Foto: Preus Museum / CC BY 2.0)

Die lang vorbereitete und unter enormen Strapazen unternommene Reise über den Dokar-Pass in die verbotene Stadt beschreibt David-Néel selbst als Höhepunkt ihrer Abenteuer. "Heute sage ich dir, dass ich in Lhasa zum Skelett abgemagert angekommen bin", schreibt sie ihrem Mann 1924. Ihre "Dauerreisen" habe sie damit "würdig mit dieser letzten Wanderung gekrönt, die mich durch einen Landstrich geführt hat, der nach den allerbesten Informationen noch nie von einem Angehörigen der weißen Rasse bereist worden ist und in den sich auch Tibeter selbst kaum hineinwagen".

Ihre Erlebnisse macht David-Néel in mehr als zwei Dutzend Büchern öffentlich. Anders als viele zeitgenössische Reiseberichte wirken sie ehrlich aufgeschlossen. Vorurteile kritisiert David-Néel teils explizit. "Sollten meine Leser Lust haben, die Tibeter wegen ihres Aberglaubens auszulachen", schreibt sie einmal in "Heilige und Hexer", sollten diese zuerst sich selbst hinterfragen: "Haben wir nicht jeder unser Stückchen Aberglauben?"

Kulturelle Arroganz ist David-Néel also fremd, doch auch übertriebene Bescheidenheit ist ihre Sache nicht. Womöglich in Reaktion auf die vielen Steine, die ihrer Reiseleidenschaft in Jugendjahren in den Weg gelegt wurden, trommelt die Abenteuererin in der Heimat äußerst selbstbewusst in eigener Sache. Mit Erfolg: Zurück in Frankreich wird sie, inzwischen Ende 50, Ritterin der französischen Ehrenlegion und weltberühmt. Für ihre Entdeckungen bekommt sie teils skurrile Ehrungen, so den "Prix Monique Berlioux", der eigentlich an Sportlerinnen verliehen wird (2013 etwa an den Tennisstar Serena Williams). Die Geschichte ihrer Lhasa-Expedition schafft es bis in die New York Times.

Doch manchen erscheint sie zu fantastisch, um wahr zu sein. Die Literaturwissenschaftlerin Sara Mills schreibt dazu Jahrzehnte später, David-Néel habe sich skeptischen Zeitgenossen doppelt verdächtig gemacht. Kaum jemand habe einer Frau zugetraut, am anderen Ende der Welt zu Fuß und als Bettlerin verkleidet durch Eis und Schnee und fast ohne Nahrung in eine abgeriegelte Stadt vorzudringen. Zum anderen beschreibe sie immer wieder mysteriöse Begebenheiten und übernatürliche Vorgänge. Die Reaktionen seien typisch für eine Zeit, in der schreibende Frauen ständig darauf gefasst sein müssen, der Übertreibung oder gar Lüge bezichtigt zu werden.

Der Zweifel "Kann das denn alles wahr sein?" haftet freilich an vielen Reisepionieren. Ihre Expeditionen werden noch nicht durch Webstreams, Fotos und Tweets als Liveereignisse dokumentiert. Sie finden zunächst meist unbeobachtet statt - und je weniger unabhängige Augenzeugen es gibt, desto mehr Raum bleibt für Anekdoten, Ausschmückungen - und Misstrauen.

Interessanterweise ist es ebenfalls eine Frau, die David-Néel posthum den heftigsten Schlag zu versetzen versucht. Jeanne Denys, die David-Néel als alte Dame kennenlernt, veröffentlicht 1972 ein Enthüllungsbuch, in dem sie deren ganze Lhasa-Reise als "Schwindel" zu entlarven versucht. Auch andere kratzen am Image David-Néels. Doch der Detailreichtum ihrer Reiseberichte und die Übereinstimmung mit anderen Quellen überzeugen die meisten. Ihr Name taucht bis heute in der Reiseliteratur ebenso auf wie in Kinderbüchern, auch ein Spielfilm erzählt ihre Geschichte. In manchen Kreisen wird David-Néel geradezu zur Kultfigur - der Beat-Poet Allen Ginsberg etwa findet nach eigener Aussage durch ihre Schriften zum Buddhismus.

Immerhin bleiben die Alpen

"Free Tibet"-Euphoriker dürften bei genauer Lektüre jedoch irritiert sein. "Die Tibeter haben durch die Trennung von China viel verloren", schreibt David-Néel etwa 1927, "von ihrer sogenannten Unabhängigkeit profitiert nur die Hofbeamtenclique. Die meisten Leute, die sich vorher gegen die schlaffe, weit entfernte chinesische Regierung auflehnten, bereuen es jetzt, wo Steuern, Zwangsleistungen und das unverschämte Plünderungssystem der einheimischen Truppen weit über die Ansprüche der früheren Herren hinausgehen." So stark sich die Reisende auf das Land einlässt, so sehr wahrt sie einen distanzierten Blick. Episoden, die sie tief beeindruckt und nachdenklich zurücklassen, schildert sie ebenso wie Begegnungen mit "dem unwissenden Quacksalber, der die Bauern mit Worten und Gesten kuriert, deren Bedeutung ihm und seinen Patienten gleich dunkel sind".

Bis ins hohe Alter lässt David-Néels Leidenschaft für das Reisen und ihre Sehnsuchtsorte nicht nach. 1937, inzwischen fast 70, macht sich David-Néel ein letztes Mal über die Sowjetunion nach Asien auf. Auch diesmal wird die Reise deutlich länger als gedacht, erst neun Jahre später kehrt sie in das Nachkriegsfrankreich zurück.

Alexandra David-Néel

Alexandra David-Néel am Ende ihres Lebens in Digne-les-Bains.

(Foto: imago stock&people)

Als sie längst die meisten ihrer Generation - ihren Mann eingeschlossen - überlebt hat, tourt David-Néel noch durch Europa. Da bleiben ihr immerhin die Alpen. Im südfranzösischen Digne-les-Bains, wo sie sich nach buddhistischen Vorbildern eine "Festung der Einkehr" errichtet hat, stirbt Alexandra David-Néel 1969 wenige Tage vor ihrem 101. Geburtstag. Obwohl längst vom Rheuma gezeichnet, hat sie kurz zuvor noch ihren Reisepass erneuern lassen.

Die Zitate von Alexandra David-Néel stammen, sofern nicht anders angegeben, aus ihrem Buch "Mein Weg durch Himmel und Höllen. Das Abenteuer meines Lebens", erschienen im Fischer-Verlag 2004 (im Original als "Voyage d'une Parisiénne à Lhassa" 1927 publiziert).

David-Néel in Südfrankreich

Wer sich auf die Spuren von Alexandra David-Néel begeben möchte, es aber in nächster Zeit nicht bis nach Indien oder Tibet schafft, kann auch in Südfrankreich fündig werden. Mit etwas weniger Aufwand ist nämlich in Digne-les-Bains gratis das kleine Museum besichtigen, das heute in ihrer einstigen "Festung der Einkehr" an die Abenteurerin erinnert. Ausgestellt werden unter anderem Mitbringsel von ihren Reisen. Weitere Informationen hier.

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