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Kolumne "Ende der Reise":Auf Spritztour

Draculas Schloss Bran in Rumaenien Rumaenien Brasov Draculas Castle Bran in Romania Romania Bras

Draculas Schloss Bran in Rumänien soll ein Impfzentrum werden. Wirklich jetzt?

(Foto: Imago/blickwinkel)

Der Drang zum Verreisen ist größer als die Geduld, auf einen Impftermin zu warten: Vorschläge zu einer neuen Strategie.

Von Stefan Fischer

In den vergangenen Wochen scheint die Menschen nur ein Ziel angetrieben zu haben: So schnell wie möglich an einen Impftermin zu kommen. Man kannte das bislang nur von sommermärchenhaften Fußball-Weltmeisterschaften, den Bayreuther Festspielen sowie von Aldi, wenn dort Sonderartikel verkauft werden: dass das Angebot nicht annähernd den Bedarf deckt an Eintrittskarten, Discount-Laptops und Kinder-Gummistiefeln.

Die Menschen haben telefoniert, Bestellfaxe verschickt, sich auf Online-Plattformen registriert oder stundenlang angestellt, sie haben ihre Beziehungen über alle Maßen beansprucht und ihre ganze Hartnäckigkeit ausgespielt. Und wenn sie dann zerzaust mit nur einem linken Stiefel in der Hand dastanden oder mit zwei überteuerten Eintrittskarten für das Vorrundenspiel Angola gegen Iran an einem Mittwochnachmittag, dann galt vielen das schon als Erfolg. Gingen die meisten anderen doch komplett leer aus.

Diese Expertise nutzen die Menschen nun auch, um gegen das Coronavirus geimpft zu werden. Wer am Empfang einer Arztpraxis arbeitet, bekommt das sehr deutlich zu spüren. Allerdings droht die ganze Angelegenheit gerade zu kippen: Denn derzeit besteht wenig Aussicht auf eine Erstimpfung in den kommenden drei oder vier Wochen. Und, hey, es geht doch auch ohne!

Die Hotels und Restaurants haben wieder geöffnet, Schwimmbäder, Freizeitparks und Museen ebenfalls, Bergbahnen dürfen genutzt werden. Was will der Tourist mehr? Zumal, wenn er dafür keine Impfung benötigt, sondern lediglich ein negatives Testergebnis.

Womöglich wird man also um die Bereitschaft der bislang Zukurzgekommenen, sich noch impfen zu lassen, härter kämpfen müssen, als viele sich das bislang vorstellen mögen. In einigen Ländern hat man deshalb schon vorgebaut und bietet eine sehr spezielle Form des Medizintourismus an: indem Sehenswürdigkeiten in Impfzentren verwandelt werden. Ohne deshalb ihren Charakter als Ausflugsziel zu verlieren.

So kann man sich in dem als Dracula-Heimstatt vermarkteten Schloss Bran in Rumänien erst eine Spritze in den Oberarm stechen lassen und anschließend bei einer kostenlosen Führung durch die Folterkammer mit weitaus rabiateren Varianten von Körperverletzung befassen. Der Kanton Thurgau wiederum lockt damit, sich auf dem Bodensee-Ausflugsdampfer MS Thurgau immunisieren zu lassen. In Kalifornien impfen derweil Donald Duck und Mickey Mouse auf dem Toy-Story-Parkplatz von Disneyland.

Auf diese Weise werden auch gleich Stammgäste gewonnen - die Besucher müssen ein paar Wochen später schließlich zur zweiten Impfung noch einmal kommen. Darin liegt ein großes Potenzial, speziell für den Städtetourismus. Von einem Feldversuch, bei dem Spritzen einem Bajonett gleich auf die Selfiesticks der Touristen aufgesteckt werden, damit die sich im sich wohl bald wieder einstellenden Gedränge von Barcelona, Dubrovnik oder Amsterdam gegenseitig selbst immunisieren, ist bislang allerdings nichts bekannt.

© SZ/mai
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