Kolumne: Hin & weg:Der Fluch von Pompeji

Kolumne: Hin & weg: Nichts Böses ahnend, nahm eine Frau halt ein paar Steinchen mit aus Pompeji. Als sie danach Pech hatte, sah sie einen Fluch darin.

Nichts Böses ahnend, nahm eine Frau halt ein paar Steinchen mit aus Pompeji. Als sie danach Pech hatte, sah sie einen Fluch darin.

(Foto: Imago/Zoonar/ArTo)

Oh, süßes Souvenir: Der eine lässt im Urlaub Scherben mitgehen, die andere Steinchen. Aber wehe, wenn zu Hause das schlechte Gewissen drückt.

Glosse von Hans Gasser

Ach, was waren die Reisen schön, die man so im Laufe der Zeit gemacht hat! Oder ist es mehr die Erinnerung, die alles so schön weichzeichnet? Egal, denn es ist kaum noch herauszufinden. Schon gar nicht durch die 360 unsortierten Fotos, die früher als Dias gestapelt waren und heute als Cloud-Dateien irgendwo herumliegen, wo man sie zumeist nicht mehr anschaut. Diverse Artefakte, vulgo: Mitbringsel zeugen da schon besser von den gemachten Reisen. Gerne werden sie in Vitrinen aufbewahrt: der Kochlöffel aus Kokosnussschale aus Sri Lanka, die kunstvoll aus Kupferdraht gebogene Modell-Rikscha aus China, das Leitwerk einer geborstenen Granate aus den Schweizer Bergen (ja, die eidgenössische Armee ballert dort zu Übungszwecken gerne herum) oder diese unscheinbaren Tonscherben aus Jordanien.

Moment mal! Hätte man die überhaupt mitnehmen dürfen? Und was ist mit der Granate? Wahrscheinlich unverrückbarer Besitz der Armee, im Erwischensfall Strafe nicht unter 7000 Franken oder zwei Monate Kerker. Zum Glück schon lange verjährt!

"Ich habe nichts vom Fluch gewusst", schrieb die Frau und schickte die Steine zurück.

Wie harmlos muten dagegen drei Bimssteinchen an, die eine Frau wohl auf dem Zenit ihres Reiseglücks in der Ausgrabungsstätte Pompeji eingesteckt hat. Wie man weiß, wurde die spätantike römische Stadt im Jahr 79 unter einem Ascheregen des Vesuv begraben, und wenn an einer Sache dort bis heute kein Mangel herrscht, dann sind das Bimssteinchen. Dennoch ereilte die Frau ein schlechtes Gewissen. In einem anonymen Brief schickte sie die drei Steinchen zurück an den Leiter des archäologischen Parks, Gabriel Zuchtriegel. Der veröffentlichte ihren Brief sogleich auf X. Darin schreibt die Frau, sie habe nichts vom "Fluch" gewusst und auch nicht, dass man die Steinchen nicht mitnehmen durfte. Innerhalb eines Jahres habe sie eine schwere Krankheit bekommen. "Die Ärzte sagten, es sei einfach nur Pech. Bitte nehmen Sie meine Entschuldigung an! Es tut mir leid."

Kolumne: Hin & weg: Haben die Götter ihre Hand im Spiel, wenn es um Entwendetes geht?

Haben die Götter ihre Hand im Spiel, wenn es um Entwendetes geht?

(Foto: Andreas Solaro/AFP)

Die bedauernswerte Frau ist nicht die Erste, die an einen Fluch von Pompeji glaubt. Immer wieder erreichen Steinchen auf dem Postweg die Ausgrabungsstätte. Ähnliches passiert in Hawaii, wo sich ebenfalls hartnäckig der Aberglaube hält, dass mitgenommene Lavastückchen einen Fluch auslösen könnten, der einem das weitere Leben zur lavabefeuerten Hölle macht. Das ist natürlich nichts gegen den wohl bekanntesten Fluch: jenen des Pharao Tutanchamun, dem als Erster der Wellensittich des Entdeckers Howard Carter (durch Schlangenbiss) und im weiteren Verlauf diverse in die Ausgrabungen involvierte Personen zum Opfer gefallen sind. Und das, obwohl sie den gesamten Schatz des Tutanchamun in seinem Heimatland Ägypten gelassen haben!

Ja, Flüche sind unberechenbar und manchmal ungerecht, das weiß jeder, den einmal die Rache des Montezuma (auch als Diarrhö bekannt) ereilt hat. Und zwar, ohne dass man etwas mitgehen hätte lassen, ganz im Gegenteil: Obwohl man dem traurig aussehenden Straßenverkäufer in der peruanischen Stadt Cusco damals seine halb rohen Rinderherz-Spießchen für ordentliches Geld abgekauft hatte, ereilte sie einen gnadenlos. Das verstehe, wer will.

Die Wege des Herrn - und auch der Verfluchungen - sind unergründlich. Und wenn der Glaube angeblich Berge versetzt, was versetzt dann der Aberglaube? Genau: Steinchen.

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Gabriel Zuchtriegel-Direttore Parco Archelogico di Pompei

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