Pferdekutschen in der Hauptstadt Berlin diskutiert Droschken-Verbot

Kutschenpferde vor dem Brandenburger Tor

(Foto: dpa)

Tierquälerei oder Tradition? In der Hauptstadt wird über den Umgang mit Pferdekutschen gestritten wie sonst nur über Hundehaufen.

Von Verena Mayer, Berlin

Eine typische Szene am Brandenburger Tor. Verkehr, Imbissbuden, Reisegruppen, und dazwischen tritt eine asiatische Touristin in etwas, das sie - wie an ihrem entgeisterten Gesichtsausdruck abzulesen ist - offenbar noch nie zuvor gesehen hat. Und es ist ja auch ziemlich ungewöhnlich, mitten im Großstadtverkehr auf Pferdeäpfel zu stoßen. Die stammen von den vielen Kutschen, die hier täglich unterwegs sind und inzwischen zur Berliner Innenstadt gehören wie die Baustellen und die Bierbikes.

Und ungefähr so beliebt sind sie auch. Seit Jahren fragen sich nicht nur Tierschützer, was Pferde eigentlich in einer modernen Metropole zu suchen haben. Nun hat die Debatte neue Nahrung bekommen und zwar durch eine junge Frau aus München. Julia Maier heißt sie und ist, wie sie sagt, selbst Reiterin und immer wieder zu Besuch in der Hauptstadt. Dort sei ihr der elende Zustand der Kutschenpferde aufgefallen.

Maier will apathische Blicke, wundgescheuerte Hinterteile und schlecht sitzendes Zaumzeug gesehen haben. Die Tiere würden nicht gut versorgt und müssten stundenlang Verkehr und Abgase ertragen. Immer wieder gebe es zudem Unfälle, so wie im Sommer 2014, als ein Pferd vor dem Brandenburger Tor in der Hitze zusammenbrach. In einer Internet-Petition fordert Julia Maier nun, dass die Kutschen verboten werden. "Pferde sind Fluchttiere, die in einer Großstadt wie Berlin nichts verloren haben."

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Maiers Forderung schlug in der Hauptstadt ein wie kaum etwas. Circa 70 000 Menschen haben binnen wenigen Tagen ihre Petition unterschrieben, am Dienstag diskutierte man einmal mehr im Abgeordnetenhaus über die Kutschen. Ähnlich hoch her geht es in Berlin eigentlich nur beim Thema Hunde. Anders als in Hauptstädten wie Wien oder Rom, wo die Pferdekutschen schon sehr lange eine Touristenattraktion sind, ringt man Berlin aber immer noch um den richtigen Umgang mit dem Phänomen.

Acht bis zehn Unternehmen gibt es, die etwa hundert Pferde einsetzen, heißt es in der Senatsverwaltung für Justiz und Verbraucherschutz, die für die Berliner Kutschen zuständig ist. Es sei mit dem Tierschutzgesetz prinzipiell vereinbar, Pferdekutschen zu betreiben, sagt eine Sprecherin, "wir können sie nicht verbieten." Man habe aber 2012 zusammen mit den Unternehmern Richtlinien vereinbart.

"Für die Tiere eigentlich nicht zumutbar"

So müssen die Kutscher bei Hitze mindestens alle zwei Stunden eine Pause von 30 Minuten machen, und den Pferdemist müssen sie selbst entsorgen. Nicht alle Kutscher aber halten sich daran. Der Bezirk Mitte, in dem die meisten Fuhrwerke unterwegs sind, hat sich in den vergangenen Jahren immer wieder darüber beklagt, dass die Situation für die Tiere eigentlich nicht zumutbar sei.

Bleibt die Frage, wozu es im Jahr 2016 eigentlich noch Pferdekutschen braucht. Weil sie eine Tradition seien, sagen die Fans der Droschken, vor allem bei Hochzeiten. Sie haben nun ebenfalls eine Internet-Petition gestartet. Darin fordern sie, die Stadt solle "nicht pauschal alle Gespanne" von den Straßen verbannen, sondern sich darum kümmern, dass die Standards eingehalten werden. Weil die Kutschen zu Berlin gehören. So wie es ja auch zu Berlin gehört, hin und wieder zu fluchen wie ein Droschkenkutscher.

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