bedeckt München 17°
vgwortpixel

Nachtleben Berlin:Voll durch

Nachtleben in Berlin, Prenzlauer Berg, Berlin

Feiern über den Dächern von Berlin. Neuer Wohnraum ganz oben ist nichts für Mieter mit kleinem Geldbeutel.

(Foto: Getty)

Ist es noch die After-Hour oder doch schon wieder Vorglühen? Beim Ausgehen in Berlin zählt vor allem eines: Immer weitermachen! Ein Tag, der zur Nacht wird - zwischen Kreuzberg, Plüschelefanten und dem Moment, an dem alles gesagt ist.

Der Wecker klingelt. 4.30 Uhr! An diesem Samstagmorgen steht eine kitschige Mondsichel am Firmament. Wie in der Werbung vom "Night & Day"-Kaffee. Ein Frühstück wäre jetzt schön. Noch schöner wäre es, weiterzuschlafen und den Mond den Mond sein zu lassen. Für beides ist keine Zeit. Gleich wird die Sonne aufgehen. Und wir haben uns schließlich vorgenommen, den ganzen Tag im Nachtleben-Modus zu verbringen. Von Sonnenaufgang bis Sonnenuntergang.

Kreuzberger Nächte waren noch nie die kürzesten. In den vergangenen Jahren wurden sie allerdings immer länger. Erst dauerten sie bis zum Morgengrauen, dann bis zum Mittagessen, dann bis zur Sportschau, dann bis zur nächsten Nacht, dann bis zum nächsten Morgen.

Die ewige Party. Das ist eines der bekanntesten Berlin-Klischees. Es ist aber auch eine Berliner Realität. Man kann sich in dieser Stadt auf nichts verlassen, außer darauf, dass immer irgendwo ein Tresen besetzt ist und irgendwo ein Bass wummert. Früher nannte man die Party, die sich nahtlos an die Nacht anschließt, AfterHour. Das vermengte sich dann irgendwann mit einer Art Before-Hour vor der nächsten Sause. Inzwischen kann keiner mehr auseinanderdröseln, wann die eigentliche Hour von der noch eigentlicheren Hour abgelöst wird.

Richtig ausgehen. In Berlin ist das ein Tagesgeschäft geworden. Der alte Spruch "Wir machen die Nacht zum Tag!" hat sich hier überholt. Man macht genauso den Tag zur Nacht.

4.58 Uhr, wir müssen jetzt irgendwie versuchen, Partylaune zu entwickeln. Es gibt Angenehmeres. Was soll's. Fun, schreibt Adorno, Fun ist ein Stahlbad.

Um fünf treffe ich meine Begleitung am U-Bahnhof Schlesisches Tor. Fünf Minuten später sind wir in einem bekannten Kreuzberger Tag-und-Nacht-Etablissement namens Chalet. Genau genommen stehen wir in der Schlange vorm Chalet. Es handelt sich hier um einen Nachfolge-Club der ehemaligen Bar 25, die stilprägenden Einfluss auf den ganzen Berliner Tag-und-Nacht-Betrieb hatte. Dafür stehen wir gerne an. Viele andere tun das offenbar auch.

Wenn man im international geprägten Berliner Nachtleben auf jeden Fall mit Berlinern ins Gespräch kommen will, ist man bei den Türstehern an der richtigen Adresse. "Na, ihr zwee, wo kommt ihr denn her?" Eines ist gewiss, die Wahrheit wäre jetzt unangebracht (aus dem Bett, gerade Zähne geputzt). Wir sagen stattdessen: "Aus der Wilden Renate!" "Na, denn ma rinn."

Das Chalet befindet sich im alten Steuerhaus der Königlichen Wasserinspektion aus dem 19. Jahrhundert. Wasser gibt es bis heute. Ein kleiner Weiher in der Hof-Bar, an dessen Ufern sich die Gäste ausruhen, die schon etwas länger unterwegs sind als wir. Dazu knutschende Mädchen auf einem Schaukelpferd. Ein paar blinkende Vogelkäfige am Tannenbaum. Eine Kutsche in der Morgensonne. Es tut weh, sich das einzugestehen um 5.31 Uhr auf nüchternen Magen, aber wir brauchen jetzt erst mal einen Gin-Tonic.

Drinnen vor der sorgsam abgedunkelten Tanzfläche gibt es eine Stufe. Das wissen die regelmäßigen Partygänger. Und die unregelmäßigen Partygänger erkennt man daran, dass ihnen an der Stufe der Gin-Tonic aus der Hand fällt. Wir müssen ohnehin weiter. Wir haben noch viel vor.