Montagnola im Tessin:Mit der Linie 8 zu Hermann Hesse

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Wer heute den Weg zu Hesse sucht, der nimmt den Stadtbus der Linie 8 ab Lugano, Richtung Agra, und landet fast genau vor der Casa Camuzzi, Hesses ehemaligem Wohnhaus. In einem Seitentrakt ist das Museo Hermann Hesse untergebracht. Hesses alte Schreibmaschine ist da zu sehen, dazu in einer Vitrine die schicke weiße Jacke, die er in Hinterindien anfertigen ließ, und auch sein alter Malkasten, der Aufbewahrungsort seiner berühmten Pistole (Hesse dachte häufig an Selbstmord und wollte seinen fünfzigsten Geburtstag keineswegs erleben).

Die Direktorin des Hesse-Museums, Regina Bucher, empfängt Besucher gern mit einem fotografischen Gästebuch: Größen des Punk, Rock und der Klassik sind da verewigt, aber auch Bundespräsidenten und Außenminister. "Das hier ist Udo Lindenberg, der hat unser Museum schon dreimal besucht", erzählt die Direktorin mit einem gewissen Stolz. "Und das ist Patti Smith, die hat bei uns sogar ein Konzert zu Ehren Hesses gegeben." Das Hesse-Museum atmet überall Leichtigkeit und Frische, überall Blumen, im Garten regiert Knulp, eine Schildkröte, benannt nach Hesses Figur.

Hesse erlebt hier seine Epiphanie. Nicht nur der Blick über den Garten mit Palmen und Magnolien hinweg auf den Monte Bre und den Monte Generoso lässt seinen Puls höher schlagen. Seine Vierzimmerwohnung in der leicht heruntergekommenen Villa mit fratzenhaften Figuren über den Fenstersimsen wird ihm zur liebsten Bleibe des Lebens, auch wenn er 1931 seiner dritten Ehe wegen umzieht. "Mein Palazzo, Imitation eines Barock-Jagdschlosses . . . dieser halb feierliche, halb drollige Palazzo . . . sieht ganz wie das ländliche Schloss einer Eichendorff-Novelle aus."

Nicht schlecht für einen fast mittellosen Literaten, diese erschwingliche Residenz mit Sonnenterrasse, auf der er sich gern nackt fläzt - manchmal allerdings werfen die Bauernkinder kleine Steinchen nach ihm, dem Sonderling mit seinem holprigen, knochentrockenen Italienisch. Hesse gilt im Dorf als karg, verstockt und geizig, er ist mit den Einwohnern niemals recht warm geworden. Erst Wochen vor seinem Tod verliehen sie dem Nobelpreisträger von 1946 die Ehrenbürgerwürde.

Nach Phasen heftigster Polemik ist Hesse in letzter Zeit wieder salonfähig geworden. Nicht mehr nur als Kultvater der Hippiebewegung, der von den amerikanischen "Beat Poets" entdeckt und gefeiert wurde, bis sich eine Rockband Steppenwolf nannte.

Inzwischen gibt es längst auch einen Hesse für Manager, Politiker und Unternehmensführer. Die kommen regelmäßig nach Montagnola statt ins Kloster oder ins Retreat. Viele von ihnen wollen auf Hesses Spuren wandern.

Hesse selbst ist fast jeden Tag gewandert, mit seinem Rucksack und einer Flasche Wein, nach Agra und Arasio, Certenago und Gentilino. Er stapft, manchmal mit Staffelei und Leinwand, zu seinen Lieblingsaussichtsplätzen wie dem Sasso delle parole, einem weißgrauen, zerklüfteten Felsplateau oberhalb des Luganer Sees, zu seinen Meditationsorten, nach Agra, zu seiner Lieblingskirche Santa Maria d'Iseo oder nach Gandria.

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