Kolumne "Ende der Reise":Der Mauerfall von Mallorca

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Kolumne "Ende der Reise": Von Urlaubern zerstört: ein Aquädukt auf Mallorca.

Von Urlaubern zerstört: ein Aquädukt auf Mallorca.

(Foto: Ajuntament de Son Servera)

Deutsche Urlauber zerstören einen Aquädukt auf der Insel. Womöglich ist das ein Glücksfall für den Tourismus.

Glosse von Stefan Fischer

Schon klar, mit dem imposanten Pont du Gard in Südfrankreich konnte der architektonisch deutlich weniger prätentiöse Pont d'en Calet auf Mallorca nicht mithalten. Er stammte auch nicht wie dieser aus der Römerzeit, sondern wurde erst Anfang des 19. Jahrhunderts errichtet. Doch auch der Pont d'en Calet war ein historischer Aquädukt, der einst eine ganze Stadt - nämlich Son Servera - mit Wasser versorgt hat. Und er war bei aller funktionalen Bescheidenheit der Architektur unter die Baudenkmäler der Stadt im Hinterland von Cala Millor zu rechnen. Die nie um einen Superlativ verlegene Bild-Zeitung spricht ihm posthum sogar den Status eines Wahrzeichens zu. Auch wenn er nicht das Stadtwappen ziert.

Von Touristen überrannt worden ist der Aquädukt trotz dieser lokalen Bedeutung jedoch nie. Umso tragischer ist es, dass er jetzt just von Touristen umgefahren worden ist. Jedoch nicht betrunkene Ballermann-Rowdys haben einen der Pfeiler gerammt, wie man meinen könnte, sondern ein deutsches Rentner-Ehepaar, das in einem Kleinwagen unterwegs war. Auch diese beiden Menschen haben Schaden genommen bei dem Unfall. Nach allem, was man weiß, sind ihre Verletzungen glücklicherweise nicht schwerwiegend.

Gravierender hat es den Aquädukt erwischt: Durch den Zusammenstoß ist so viel Mauerwerk aus einem Stützpfeiler gebrochen, dass der darauf ruhende, die Straße überspannende Bogen des Aquädukts einzustürzen drohte. Noch am selben Abend wurde er deshalb abgerissen, um keine Verkehrsteilnehmer zu gefährden auf jener Ortseinfahrt, auf und eben auch neben der die Urlauber fuhren.

Dass der Tourismus eine zerstörerische Kraft hat, ist den meisten Menschen bewusst. Nur denken sie dabei wohl eher an die CO₂-Bilanz von Flugreisen oder den kulturellen Ausverkauf. Dass man mal eben einen Aquädukt abräumt, ist eine bislang grob vernachlässigte touristische Gefahr. In Son Servera will man das Bauwerk, obgleich es keinerlei Funktion mehr hat, übrigens rasch restaurieren. Man hat darin bereits Erfahrung: Schon einmal hatte ein zu hoch beladener Lkw das historische Bauwerk zum Einsturz gebracht.

Aber ob das überhaupt eine gute Idee ist? Der Pont Saint-Bénézet in Avignon ist erst eine Attraktion, seit die Brücke teilweise fortgespült worden ist. Das Kolosseum in Rom, die Gedächtniskirche in Berlin, das Schloss in Heidelberg - alles Ruinen und trotzdem sehenswert. Teilweise sogar gerade deshalb.

Womöglich läge darin eine touristische Chance für Son Servera. Zumal der Pont d'en Calet nicht das einzige dysfunktionale Gebäude der Stadt wäre: Die Església Nova, die neue Kirche, musste dafür nicht einmal zerstört werden. Sie wurde - entworfen hat sie ein Schüler Gaudís (sic!) - gar nicht erst fertig gebaut und wird längst für gut besuchte Open-Air-Veranstaltungen genutzt. Unterbleibt der Wiederaufbau des Aquädukts, wären die Bewohner den deutschen Touristen eines Tages vielleicht noch dankbar für deren Crashtour. Weil sie erkannt haben: Manchmal ist weniger eben mehr.

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