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Balearen:Shoppen wie die Mallorquiner

Die Bäckerei Tomeu Arbona ist ein Traditionsgeschäft in Palma de Mallorca.

Kleine Ladengeschäfte wie die Bäckerei Tomeu Arbona sollen in Palma bleiben.

(Foto: dePablo/Zurita/laif)

In der Altstadt von Palma dominieren internationale Ladenketten. Aber abseits der ausgetretenen Pfade gibt es bemerkenswerte Traditionsgeschäfte zu entdecken - und normale Preise.

Man hat das Gefühl, zum Teetrinken zu kommen. Warmherzig begrüßen Juana Maria Fuster und ihre Mutter Sita Vicens ihre Kunden. Adrett sehen sie aus. Sie sind dezent geschminkt, tragen helle Pullover, dazu schmale Röcke und schön schimmernde Seidenstrümpfe. Klar, schließlich führen sie das Geschäft "Medias Casa Fubor", Strumpfhosen Haus Fubor. In dem kleinen Eckladen in Palmas Stadtteil Bons Aires gibt es neben Strumpfhosen, Strümpfen und Socken alles, was Frauen und Männer darunter tragen: Unterhosen, Unterhemden, Mieder, Büstenhalter. Schachteln stapeln sich in hohen Wandregalen, ein paar Stücke hängen an Wäschebügeln. Daneben steht eine kleine Figur des Heiligen Pankratius auf einem Wandpodest. Er soll vor Armut schützen und guten Umsatz bringen. "Er ist 51", sagt Sita Vicens, "genauso alt wie das Geschäft."

Die beiden Verkäuferinnen können die Körbchengröße ihrer Kundinnen erkennen

Gegenüber hängen weit geschnittene Sommerkleider ohne Knöpfe oder Reißverschluss, einfach zum Reinschlüpfen, auch wattierte Hausmäntel für die kühlere Jahreszeit. Ältere Señoras trügen beides gerne zu Hause, sagt Juana Maria Fuster. "Ab einem gewissen Alter besinnen sich viele Frauen auf den Einzelhandel zurück", sagt Sita Vicens, "wenn sie die Einkaufszentren satt haben, bessere Qualität und gute Beratung wollen." Fubor bietet all das. Das Erfolgsrezept der Chefinnen gründet wohl auch darauf, dass sie die Körbchengröße der Kundinnen auf den ersten Blick erkennen können. "Wenn wir ihnen die falsche Größe in die Umkleide reichen, werden sie schnell ungeduldig", sagt Sita, "BHs kaufen ist delikat und muss schnell gehen."

Für ihr Geschick sind die beiden von der Stadt Palma nun neben 89 anderen Geschäftsinhabern ausgezeichnet worden. "Comercio emblemático" steht auf der gerahmten Urkunde, die an einer Säule in der Mitte des Ladens hängt. Für die Ausgezeichneten gibt es Ehre und Subventionen für Ladenverschönerung, Energiesparmaßnahmen oder Werbung, 20 000 Euro insgesamt dieses Jahr. Die Liste ist ein Best-of von Palmas Einzelhandel, oder von dem, was übrig geblieben ist. Überteuerte Ladenmieten und fehlende Nachfolger sind vor allem schuld am Niedergang. Dazu kommt, dass viele Bewohner der Stadt nicht mehr im Fachgeschäft kaufen, sondern im Einkaufszentrum oder im Internet.

Overtourism

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Bislang sahen alle nur zu. Doch als Ende 2017 die mehr als 80 Jahre alte Bar Cristal an der Plaça d'Espanya schließen musste, weil der Betreiber die 25 000 Euro Monatsmiete nicht mehr bezahlen konnte, war ein Wendepunkt erreicht. Die Bewohner waren betroffen, der Stadtrat setzte sich zusammen. Die daraus resultierende Liste ist eine Maßnahme der linken Stadtregierung gegen Overtourism, Gentrifizierung, Identitätsverlust.

Damit muss die 400 000 Einwohner zählende Stadt seit ein paar Jahren umgehen. 1,75 Millionen Kreuzfahrttouristen sind 2018 im Hafen von Palma von Bord gegangen. Sie werden nun vom Anlegesteg nicht mehr direkt vor die Kathedrale gefahren, sondern an vier weiteren Stellen rund ums Zentrum abgeladen. So sollen sich die Menschenströme im Zentrum verteilen. Trotzdem hinterlassen sie Spuren: Franchise wohin man blickt, Eisdielen mit Firmensitz in Kiel, amerikanische Fast-Food-Ketten, Café-Filialen, die nur Cappuccino und keinen Cortado mehr verkaufen. Vor zehn, 15 Jahren gab es hier noch Gemüse, Reißverschlüsse oder Glühbirnen. Immerhin muss in Einkaufsstraßen der Abstand zwischen Gastronomiebetrieben neuerdings 50 Meter betragen.

Von einem Besucherstopp will die Tourismusbeauftragte Joana Maria Adrover aber nichts wissen. Palma wirbt weiterhin um Gäste, allerdings nicht für Juli und August. Genervte Anwohner des Zentrums üben Druck auf sie aus, notfalls auch mit tourismusfeindlichen Demos. "Um die Nebensaison anzukurbeln, haben wir den Kongresspalast eröffnet", erklärt Adrover. Sie spricht lieber von Herausforderungen als von Problemen.

Zum Beispiel die Frage, wie man Besucher aus der überlaufenen Altstadt in die benachbarten Viertel lockt, nach Bons Aires etwa. 20 000 Menschen leben hier in Wohnblocks. Angelegt wurde das Viertel ab 1901 als Teil der Erweiterung rund um den Altstadtkern. Bons Aires ist eine kleinbürgerliche Gegend. Touristen sieht man hier keine. Es gibt auf den ersten Blick auch nichts zu entdecken, denn wer sich auf Jugendstil freut, der wird enttäuscht sein von der gesichtslosen Architektur. Viele Gebäude stammen aus den 40er- und 50er-Jahren.

Juana Maria Fuster und Sita Vicens sehen das natürlich anders. Vorzeigeläden seien eben nicht nur die Korbflechter im mittelalterlichen Palma, sondern auch Wäscheläden in normalen Wohnvierteln, sagt Vicens. Sie wünscht sich noch mehr Werbung, geführte Einkaufsrouten durch das Viertel zum Beispiel, die breite, verkehrsberuhigte Calle Blanquerna ist nicht weit. Dort gibt es Schuhgeschäfte mit normalen Preisen, Handarbeitsläden oder Modeboutiquen für Übergrößen. "Auf Mallorca gibt's ja nicht nur Strände!", sagt Vicens.

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Sie spricht aus, was die Stadt Palma anstrebt: Andere Touristen, solche, die keine Hemmungen haben, im Ausland ein kleines Fachgeschäft zu betreten und darauf vertrauen, sich verständigen zu können. Solche, die wortwörtlich von den vorgegebenen Pfaden abweichen und offen sind für das Unspektakuläre und Alltägliche. In einem gut sortierten Wäscheladen zum Beispiel. Außerdem stimmen da, wo die Einheimischen kaufen, bekanntermaßen Preis und Leistung. Auf der Liste stehen tatsächlich viele Läden, die Touristen erst einmal enttäuschend finden mögen. Sie haben nichts Folkloristisches, sondern befriedigen die Bedürfnisse der Bewohner: Friseure, Bäckereien, Wäschegeschäfte.

Das letzte Plattengeschäft hat sich angepasst: hier gibt es jetzt auch guten Kaffee

Auch Palmas letztes Plattengeschäft ist gelistet. Seit 1980 führt Miquel Angel Sancho das "Xocolat", in einem unspektakulären Wohnviertel ein paar Fußminuten von der Plaça d'Espanya entfernt. Das Sortiment ist von 20 000 Titeln im Jahr 2003, vor der Krise der Plattenindustrie, auf ein paar Tausend geschrumpft. Sancho hat reagiert. Wo früher CD-Regale waren, stehen nun kleine Cafétische. Der Gastroraum wird auch für Pressekonferenzen und Livekonzerte vermietet. Vorne gibt es noch immer Schallplatten und CDs zum Verkauf, am Tresen hängen Kopfhörer zum Reinhören. Ein Plattenladen, den man auch als das Café mit der besten Hintergrundmusik der Stadt bezeichnen könnte.

Der 67-jährige Sancho jammert nicht. Er bekomme nur 700 Euro Rente und müsse deshalb noch arbeiten. Doch er genießt auch sichtlich das Treiben im Laden und arbeitet nebenbei seine 34-jährige Tochter Ana ein. Früher sei Palma eine graue Stadt gewesen, wo auf den Straßen nichts los war und die Kneipen früh zumachten, sagt er, "ein Zeichen der ruhigen Insulaner-Mentalität". Die Touristen und die Zuwanderer hätten der Stadt erst Pfiff gegeben, sagt Sancho.

Ein Bonbongeschäft in Palma de Mallorca

Bonbonladen in der Altstadt von Palma de Mallorca.

(Foto: mauritius images / Christian Bäc)

Und wer nur gierigen Vermietern die Schuld am Sterben des Einzelhandels zuweise, sollte sein eigenes Verhalten reflektieren. "Wer kauft denn überhaupt noch im Fachgeschäft?", fragt er. Sancho sagt, er decke sich bei "Medias Casa Fubor" mit Unterhosen ein und das Büromaterial kaufe er auch nebenan. Manche Kollegen, die er vom Einzelhandelsverband Afedeco kennt, kritisiert er: "Als Geschäftsmann kommt man immer wieder an den Punkt, wo es nur zwei Alternative gibt: Erneuerung oder Untergang. Viele entscheiden sich weder für das eine noch das andere, sondern arbeiten nur auf die Rente hin."

Staubige Schaufenster, uralte Glühbirnen, vergilbtes Sortiment. Auch solche Geschäfte gibt es in Palma. In die neue Image-Kampagne der Stadt "This is Palma" passen sie nicht. Das Rathaus will Geschäfte fördern, die dynamisch und traditionsbewusst sind. Juana Maria Fuster und Sita Vicens haben das längst verstanden. Neben Hauskleidern und Miedern bieten sie auch schimmernde Nachthemden mit Spaghettiträgern und flauschige Loops an. "Davon hab ich diesen Winter doppelt so viel wie letztes Jahr verkauft", sagt Fuster und streicht die beiden Schlauchschals, die ihr noch geblieben sind, mit der Hand glatt.