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Vang Vieng in Laos:Vom Partyexzess zur Idylle

Tubing in Vang Vieng

2012 hatte die Party in Vang Vieng ein jähes Ende: Bars wurden abgerissen. Jetzt ist die Gegend um den Nam-Song-Fluss fast so beschaulich wie früher.

(Foto: Getty Images)

Vang Vieng galt als Ballermann Südostasiens, für manche Backpacker endete der Spaß tödlich. Nun soll alles anders sein.

Karstfelsen, an denen sich der Fluss Nam Song seinen Weg durch Reisfelder und Bananenbäume bahnt; Grün in allen Abstufungen; Grillen zirpen, ein Hahn kräht, während Mönche im Tempel beten.

Und das soll Vang Vieng sein? Der Ort, der wie kein anderer im kleinen Laos für Party, Drogenexzess und tragische Unfälle stand? Eine unerschütterliche Idylle zeigt sich heute hier - aber es ist eine Idylle nicht vor, sondern nach dem Sturm.

Lange war Vang Vieng für alles andere als für Ruhe bekannt. Die Kleinstadt, die auf der Verbindung zwischen der Hauptstadt Vientiane und dem Weltkulturerbe Luang Prabang liegt, galt als Ballermann Südostasiens. Ein Must-Partyort auf der Backpackerroute. Ein-Dollar-Whisky-Eimer, Pilze und Cannabis waren in Restaurants, auf der Straße, in den Bars erhältlich. Im Netz kursieren noch Bilder aus dieser Zeit: Feierwütige, die sich völlig betrunken und halb nackt im Schlamm wälzen - und das in einem konservativen Land wie Laos, in dem Einheimische in voller Kleidung baden, und es als unhöflich gilt, laut zu werden oder sich in der Öffentlichkeit zu küssen. "Wenn unsere Kinder morgens in die Schule gingen, stiegen sie auf der Straße über Erbrochenes", sagt eine Frau, die im Dorf Fahrräder verleiht.

Auch Siik, 29, aufgewachsen in Vang Vieng, erinnert sich: "Ich habe Sachen gesehen, die kann ich nicht in Worte fassen." Heute arbeitet er halbtags in einem Hostel. Früher, in den wilden Zeiten, war er tagsüber als Barkeeper und nachts als DJ tätig. Die unaussprechlichen Dinge, sie waren alle verbunden mit der Hauptattraktion des Ortes: dem Tubing. Unter Drogen- und Alkoholeinfluss trieben junge Leute in alten Lkw-Reifenschläuchen vier Kilometer den Nam-Song-Fluss hinunter. Aufgrund der wechselnden Strömung und der Unberechenbarkeit des Wassers konnten sie aber statt im tiefen Wasser schnell an einem Felsen landen. Für manche endete der Spaß tödlich. Allein 2011 starben 22 Rucksacktouristen.

SZ-Karte

Bald hörten die Bewohner der umliegenden Dörfer auf, im Fluss zu fischen oder zu baden - zu schlechtes Karma bedeutete er für sie. International verschafften die Unfälle Vang Vieng einen immer zweifelhafteren Ruf, bis der kleine Ort, bestehend aus ein paar ungeteerten Straßen, zu vielen Imbissbuden und Unterkünften, ganz Laos vor ein diplomatisches Problem stellte: Wie sollte der kleine südostasiatische Staat die Toten rechtfertigen? Und nicht nur die Ausländer waren in Gefahr, auch die jungen, in den Bars arbeitenden Laoten entwickelten Alkohol- und Drogenprobleme. "Vang Vieng war völlig außer Kontrolle geraten", sagt Siik.

Es war daher Chefsache und keine kommunale Entscheidung, als im August 2012 der Dauerparty ein Ende gesetzt wurde. Der laotische Präsident kam persönlich vorbei, um sich ein Bild zu machen. Erschrocken soll er noch am selben Tag angeordnet haben, alle Bars zu schließen. "Wer seine Bar nicht binnen einer Woche schloss, kam ins Gefängnis", berichten die Einheimischen. Von einem Tag auf den anderen rückte das Militär an und riss die Lokale ab. Die oberste Autorität des Landes hatte beschlossen, wieder auf Natur zu setzen. Vang Vieng sollte zu dem werden, was es einmal war: eine sichere, saubere Kleinstadt mitten im prächtigen Regenwald.

So schön, so gut. Aber ist das möglich? Können sich Massentourismusziele zurückentwickeln? Und ist dieser Schritt zurück - sind die Strukturen erst einmal geschaffen - überhaupt erstrebenswert?

Laos hat sich erst in den 1990er-Jahren dem Tourismus geöffnet, später als Thailand oder Vietnam. Wer in dieser Region dem Massentourismus entkommen will, der reist bis heute hierher. Das Land gilt als Ruhepol - die Entwicklung, die Vang Vieng genommen hatte, passte daher so gar nicht zur laotischen Grundstimmung.

Mittags im Tubing-Verleih. Sor, 25, schreibt die Nummer 38 auf den Unterarm eines Touristen - so viele haben sich heute

einen Lkw-Reifen ausgeliehen. Früher waren es oft 1000 an einem Tag. Statt Rucksacktouristen kommen nun auch ältere Individualtouristen oder Reisegruppen nach Vang Vieng, etwa die Hälfte der Gäste stammt aus Südkorea. Die Urlauber trinken ein, zwei Biere am Abend, "entlang des Flusses sind von den Dutzenden Bars nur noch drei gleichzeitig geöffnet", sagt Sor. Und die Barkeeper werben nicht mehr mit kostenlosen Willkommen-Drinks.

Dass Vang Vieng touristisch einen Gang zurückgeschaltet hat, freut ganz sicher einen Mann: Phetsamone Boulommavong, Arzt im Krankenhaus von Vang Vieng. 1998 kam er aus der Hauptstadt hierher und erlebte damit die Entwicklung von Anfang an. "Wir waren auf die Unfälle nicht vorbereitet", gesteht er mit einem für Laos typischen Lächeln ein. Ein Blick in das Krankenhaus genügt, um das nicht infrage zu stellen. Die Notaufnahme besteht aus drei klapprigen Liegen, kaum jemand spricht englisch. Viele Patienten mussten nach Bangkok geschickt werden, aber bis in die thailändische Stadt war der Weg weit, oft zu weit. "Heute kommen Touristen allenfalls zu uns, wenn sie sich beim Mopedfahren verletzt haben." Tubing-Tote gibt es keine mehr.